Mendelson
Rabbiner Mendelson bereitet für Neujahr Äpfel, Honig sowie Granatäpfel vor und bläst auf einem Widderhorn. | Foto: jodo

Juden starten ins Jahr 5780

Neujahr Ende September: Rabbiner Mendelson aus Karlsruhe ist bereit für die Feiertage

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Neujahr Ende September: Am Sonntag feiern Juden Rosh ha-Shana und starten in 5780. Rabbiner Mordechai Mendelson aus Karlsruhe erklärt, warum bei den Feiertagen Äpfel und Honig eine wichtige Rolle spielen und weshalb er 100 Töne auf einem Widderhorn bläst.

Neujahr Ende September: An diesem Sonntag startet nach jüdischer Zeitrechnung das Jahr 5780 – das Gläubige weder mit Feuerwerk noch mit Sekt begrüßen. „Es ist ein ernster Tag des Rückblicks, der persönlichen Einkehr und Bilanz: Was war gut in den vergangenen Monaten? Wo habe ich Fehler gemacht? Was kann ich besser machen, welches Projekt neu starten, wie kann ich als Mensch wachsen?“, erklärt Mordechai Mendelson.

Mendelson betreibt Synagoge in der Herrenstraße

In der weltweit aktiven Gruppierung Chabad ist er Rabbiner, eine Position, die in der in der Nordstadt beheimateten Jüdische Kultusgemeinde aktuell nicht besetzt ist. Mendelson hat in der Herrenstraße seine Synagoge.

Und in der werden die am Sonntag mit Sonnenuntergang startenden und bis Dienstagabend dauernden Feiertage zum Jahreswechsel mit Gebeten und traditionellen Speisen begangen.

Granatapfel voll guter Taten

Zu Rosh ha-Shana, wie das Fest genannt wird, gilt es, Apfelspalten in Honig zu tauchen. 5780 soll schließlich süß und gesund werden. Auch Granatäpfel sind fester Bestandteil der Tafel: „So viele Kerne wie die Frucht hat, so viele gute Taten soll man im nächsten Jahr begehen“, erläutert Mendelson.

Er wird auf dem Shofar, einem Widderhorn, an jedem Tag 100 Töne blasen. Die Idee ist, Menschen aufzuwecken und aufzurütteln. Die Reihenfolge der Töne ist festgelegt. Der Rabbiner hält sich genau ans Gebetsbuch.

Gebet im Schlossgarten

Am Montag nimmt er die Gläubigen nach dem Gebet am Morgen mit zu einem kleinen Ausflug: Es geht zum See im Schlossgarten. An einer Quelle soll ein zweites Gebet erfolgen.

Fische spielen dabei eine Rolle: „Sie haben die Augen immer offen – genauso wie Gott für uns“, sagt Mendelson.

Seit 16 Jahren in Karlsruhe

Der in New York geborene und in Israel aufgewachsene Geistliche kam vor 16 Jahren nach Karlsruhe. Ein Jahr nach der Heirat entschloss er sich mit seiner Frau Yehudit, die Heimat zu verlassen und an einem neuen Ort ein Chabad-Zentrum – weltweit gibt es 2 400 – aufzubauen.

Auf Karlsruhe brachte ihn die Chabad-Zentrale in New York. Und die Familie fühlt sich hier wohl. Selbstverständlich gehen der Rabbiner und seine Söhne mit Kippa durch die Straßen. „Es gibt keine negativen Reaktionen“, berichtet Mendelson. Er erlebt die Stadt als sehr offen und tolerant.

Rabbiner geht mittwochs live auf Facebook

„Mein Ziel war anfangs, Juden näher an ihren Glauben zu bringen“, erzählt der 41-Jährige rückblickend. In Karlsruhe habe er erkannt, dass er hier noch eine andere Aufgabe habe: „Die Bindung und das Verständnis zwischen Juden und Christen zu stärken.“

Jeden Mittwochabend geht der Rabbiner live auf Facebook und gibt Thoraunterricht. „200 bis 300 Menschen aus ganz Europa schauen im Schnitt zu.“ Viele davon seien Nicht-Juden, bilanziert Mendelson. Seine Videos stellt er später stets auf Youtube ein.

Reigen der Feiertage geht weiter

Wie am von Freitagabend bis Samstagabend dauernden Shabbat ist die Computer-, Handy- und Internetnutzung über die Feiertage indessen Tabu. Und Rosh ha-Shana ist dabei erst der Anfang.

Am 8. Oktober beginnt mit Sonnenuntergang Jom Kippur: 25 Stunden fasten Juden, tragen keine Lederschuhe, betätigen keinen Stromschalter und tun nichts, was Spaß macht. Es ist Höhepunkt und Abschluss der Tage der Reue und Besinnung, die mit Neujahr starten. Gott schreibt in dieser Zeit das Buch des Lebens und besiegelt es schließlich, so der Glaube.

Öffentliche Laubhütte

Fünf Tage später startet am 13. Oktober das bis 20. Oktober dauernde Laubhüttenfest Sukkot. Die Familie Mendelson baut wie in den Vorjahren eine solche Laubhütte bei der Kirche St. Stephan auf. Gläubige jüdische Männer müssen, gläubige jüdische Frauen dürfen dort die sieben Tage über ihre Mahlzeiten einnehmen.

Doch die Chabad-Sukka ist für jeden zugänglich, stellt Mendelson klar. Er ist oft vor Ort, erklärt Passanten, die fragend stehen bleiben, die Bedeutung der Hütte.

Stillstand ist nicht gut

Am 21./22. Oktober folgt das Freudenfest Simcha Thora. Es wird gefeiert, wenn nach einem Jahr die Lesung der Thora abgeschlossen ist. Das Wochenende danach startet sie von neuem. „Als gläubiger Jude braucht man immer neue Projekte, Stillstand ist nicht gut“, so der Rabbiner lächelnd.

Nach dem Oktober voller Feiertage steht der nächste große Termin erst im Dezember an. Dann wird Chanukka gefeiert, das achttägige Lichterfest. Auch da setzt Familie Mendelson ihre Tradition fort: Am Marktplatz stellt sie einen großen, neunarmigen Leuchter auf und feiert am 23. Dezember mit allen Menschen bei einer großen Zeremonie das Fest des Wunders.

Rabbiner möchte Synagoge umziehen

Doch jetzt ist erst mal Bilanzziehen angesagt. Im zu Ende gehenden Jahr wurde kurz nach den Feiertagen im Oktober 2018 Shira geboren, das sechste Kind von Mordechai und Yehudit Mendelson. Es ist ein gesundes und fröhliches Mädchen. Entsprechend dankbar schaut die Familie zurück.

Der Rabbiner blickt auch nach vorne. Ein Projekt ist nämlich noch nicht abgeschlossen: Er hofft,  mit seiner Synagoge, die in alten Büroräumen untergebracht ist, umziehen zu können. Mendelson sucht eine geeignete Immobilie in der Innenstadt, in der irgendwann die Synagoge und der Kindergarten Platz haben sollen.