"Seltsame Menschen" trieben am Sonntag im Karlsruher Schlossgarten ihr Unwesen. Die "Steampunks" versammelten sich zum sechsten Nordbadischen "Steampunk"-Picknick.
"Seltsame Menschen" trieben am Sonntag im Karlsruher Schlossgarten ihr Unwesen. Die "Steampunks" versammelten sich zum sechsten Nordbadischen "Steampunk"-Picknick. | Foto: Fischer

Picknick im Kostüm

„Steampunk“-Picknick: Zeitreisende im Karlsruher Schlosspark

Anzeige

„Was wäre die Welt ohne seltsame Menschen?“, fragt „Steampunk“ Jürgen Boos bei seiner Begrüßung die rund 120 äußerst seltsam gekleideten Menschen, die sich am Sonntag im Karlsruher Schlosspark versammelt haben. Die Frage ist rhetorisch, denn die Antwort folgt auf dem Fuße: „Die Welt wäre öde und langweilig.“ Auf dem inzwischen sechsten Nordbadischen „Steampunk“-Picknick in Karlsruhe ist von Langeweile keine Spur.

Das liegt auch daran, dass die „Steampunks“ in einer Zeit leben, in der fast nichts undenkbar ist. Angelehnt an die Abenteuerromane von Jules Verne erfinden „Steampunks“ eine alternative Zukunft, in der nicht die Elektrizität, sondern die Dampfkraft den Fortschritt bestimmt. Daher gibt es in der „Steampunk“-Szene allerlei wundersame Maschinen zu bestaunen, die mit Dampfkraft funktionieren. So auch an diesem Sonntag: Auf der Wiese im Schlosspark verwandeln sich rollende Schränkchen, Kinderwagen und Picknickkörbe in festliche Tafeln, auf denen Getränke und Speisen in Kristallgläsern und auf Porzellantellern angerichtet werden.
  • Peter von Heim (links) rief das Nordbadische "Steampunk"-Picknick 2014 ins Leben. Seit zwei Jahren ist Michael Etzel (rechts) der Organisator.
  • Beim ersten "Steampunk"-Picknick 2014 kamen etwa 60 Besucher. 2019 waren es mehr als doppelt so viele.
  • Sylvia Böck (rechts) hat ihr Hochzeitskleid zum "Steampunk"-Outfit umfunktioniert und teilt sich mit Stieftochter Lia ein paar Trauben.
  • Ein Highlight auf dem "Steampunk"-Picknick ist der Autor Christian von Aster, der mit klangvoller Stimme eine Lesung hält.
  • Mit der "Zeitreisepolizei" sollte sich besser niemand anlegen. "Edelfrau und Edelherr von Syntronica" haben nicht nur hochoffizielle Uniformen, sondern auch gefährlich aussehende Waffen-Attrappen.
  • Heidi Richener ist 82 Jahre alt und extra aus der Schweiz angereist. "'Steampunk' ist wie ein Virus", sagt sie.
  • Richener macht jedes ihrer Kostüme selbst. Angefangen hat sie vor sechs Jahren.
  • Hier hat alles seine Ordnung: Wer ein "Steampunk"-Event besucht, bekommt einen Stempel in seinen Zeitreisepass.
  • Überall gibt es interessante Details zu entdecken. Eine normale Armbanduhr tragen? Nicht im "Steampunk"-Universum.
  • "Victoria und Victor van Steam" stellen "Steampunk"-Accessoires her. Ihre Spezialität sind dampfende Zylinder mit allerlei Finessen.
  • Kleiner Zylinder - große Wirkung. Dieses Exemplar kann Musik spielen und Dampf ausstoßen.
  • Die Erfindungen der "Steampunks" sind nicht nur funktional, sondern sehen auch gut aus.
  • Über dieses Armteil kann "Victor van Steam" dank WLan Dampf aus seinem Zylinder blasen lassen.
  • In der "Steampunk"-Szene sind alle Altersklassen vertreten: Auch die ganz Jungen haben Spaß am Verkleiden.
  • Aufwendige Kostüme, spitze Bärte: Manchmal dauert es mehrere Monate, um ein Kostüm fertigzustellen.
  • Die Überraschung ist geglückt: Der Heiratsantrag wird unter Jubelrufen angenommen.
  • Natürlich haben echte "Zeitreisepolizisten" auch offizielle Ausweise.
  • Wenn die "Zeitreisepolizei" jemanden ohne gültigen Zeitreisepass erwischt, hat das Konsequenzen. In der Regel gibt es aber erst einmal eine "Rüge".
  • Löchrige Decken und schnöde Brotboxen findet man hier nicht. Auf den "Steampunk"-Picknickdecken geht es stilvoller zu.
  • Auch Fabelwesen tummeln sich in der "Steampunk"-Welt. Diese Dame ist als Werwölfin verkleidet.
  • Auch neuzeitliche Gerätschaften wie Smartphones werden stilecht ins "Steampunk"-Universum eingebunden.
  • Die Tische der Picknick-Gäste sind mit allerhand Köstlichkeiten gedeckt, die stilvoll angerichtet sind.

Wenn die „Großherzoglich badische Luftschiff-Marine“ zum Picknick lädt

Unter den Picknick-Gästen befindet sich auch Peter von Heim. Er ist der Erfinder des Nordbadischen „Steampunk“-Picknicks und der „Großherzoglich badischen Luftschiff-Marine“. So heißt die hiesige „Steampunk“-Gemeinschaft. „Wenn der Großherzog uns sehen könnte, wäre er sicher stolz“, vermutet von Heim. Michael Etzel, der die Organisation des Picknicks vor zwei Jahren übernommen hat, stimmt zu: „Luftschiffe – das wäre sicher ganz in seinem Sinne gewesen.“

Anhaltende Freude am Tüfteln und Kostümieren

Als das Picknick 2014 zum ersten Mal stattfand, waren etwa 60 Besucher da. Inzwischen kommen mehr als doppelt so viele Picknick-Gäste. Die Organisation des Picknicks hat von Heim seit zwei Jahren an Michael Etzel weitergereicht. „Es gibt schon eine Menge zu tun“, sagt Etzel. „Aber ich bereue überhaupt nichts.“ Die Freude am Kostümieren, Tüfteln und Picknicken ist auch 2019 sichtlich ungebrochen. Die „Steampunk“-Gemeinde plaudert und tafelt trotz starker Sommerhitze gut gelaunt, während Autor Christian von Aster mit klangvoller Stimme eine Lesung hält.

Eine Kostprobe vom „Steampunk“-Picknick gibt es in diesem Video:

Recht und Ordnung im „Steampunk“-Universum

Auch in der „Steampunk“-Welt gibt es Regeln. Damit diese eingehalten werden, haben sich „Edelfrau und Edelherr von Syntronica“ unters Volk gemischt. Sie sind die selbst ernannte „Zeitpolizei“ und kontrollieren, ob die Zeitreisepässe der Anwesenden noch gültig sind. „Illegale Zeitreisen sind ein Problem“, erklärt der „Edelherr von Syntronica“. Wer beispielsweise in der Zeit zurückreise, um mit seinem jüngeren Ich zu sprechen, der verändere den Fluss der Zeit und das sei verboten.
Eine ganz andere Angelegenheit ist das offizielle Amt für Aetherangelegenheiten, das auf den „Steampunk“-Romanen der Autorin Anja Bagus basiert. Hier können sich „Steampunks“ und die, die es werden wollen, Zeitreisepässe für einen geringen Obolus von 2,50 Euro ausstellen oder sich ihre aktuelle Zeitreise abstempeln lassen.

„Steampunks“ aller Altersklassen

Eine durchaus legale Zeitreisende ist Heidi Richener. Mit 82 Jahren ist sie die älteste „Steampunk“-Dame auf dem Picknick. Sie trägt ein selbst genähtes, bodenlanges Kleid mit Korsage und ist extra aus der Schweiz angereist. „Es ist wie ein Virus“, sagt Richener. „Wer mit ,Steampunk‘ anfängt, kann nicht mehr aufhören.“ So geht es auch „Victoria und Victor van Steam“ aus Reutlingen. Die beiden stellen „Steampunk“-Accessoires her und ihre Spezialität sind Zylinder, die Dampf ausstoßen und Musik spielen oder auf deren Hutkrempe eine kleine Eisenbahn ihre Runden dreht.

Überraschung am Nachmittag

Später am Tag ist noch eine gemeinsame Fahrt mit der Greif geplant. Aber vorher gibt es noch eine Überraschung für alle. Michael Etzel trommelt die Picknick-Gäste zusammen. Die Band „Tales of Nebelheym“ fängt leise zu spielen an, als ein „Steampunk“-Herr das Mikrofon ergreift und das Wort an eine Dame im langen viktorianischen Kleid richtet. Viele ahnen, was nun kommt, trotzdem ist die Freude groß, als die Frage endlich gestellt wird: „Willst du mich heiraten?“ Das erlösende „Ja“ folgt unmittelbar und die „Steampunk“-Gemeinde bricht in Jubel aus. Nun muss das Brautpaar nur noch entscheiden, in welcher Zeit die Hochzeit stattfinden soll. Für das große Fest drückt die „Zeitpolizei“ sicher ein Auge zu.