Notarzteinsatz bei einem Unfall nahe Östringen am Sonntag abend. | Foto: dpa

Notruf 112

Die Integrierte Leitstelle in Karlsruhe

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Diesen Anruf wird Michael Schwall wohl in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen. Am Telefon war ein aufgeregter Grieche, der in sehr gebrochenem Deutsch einen lebensbedrohlichen Notfall schilderte. Schwall merkte sofort: Da muss jemand sofort reanimiert werden – und zwar per Anleitung übers Telefon. Doch der Grieche verstand nicht, was Schwall ihm sagte. Plötzlich kam ein Freund des Griechen, ein Spanier, ans Telefon, der Deutsch verstand und daraufhin dem Griechen die Anweisungen Schwalls übersetzte. Durch diesen Einsatz konnte das Leben des Verletzten vermutlich gerettet werden. „Einige Zeit später kam der wiedergenesene Mann zu uns in die Leitstelle, um sich persönlich bei mir zu bedanken“, erzählt Schwall.

Bedrohungen am Telefon

Solche netten Aktionen sind für den Rettungsassistenten, der in seiner Freizeit auch noch Abteilungskommandant der Feuerwehr in Malsch-Sulzbach ist, eher die Ausnahme. „Oft werden wir am Telefon beschimpft oder gar bedroht“, sagt er. „Vor allem am Wochenende, wenn bei den Anrufern Alkohol im Spiel ist.“

Imposantes Gebäude

An diesem Mittwochmorgen im Januar geht es vergleichsweise ruhig zu in der Integrierten Leitstelle der Stadt Karlsruhe, des Landkreises und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Das imposante Gebäude unweit des großen Kreisels in der Oststadt wurde vor zehn Monaten in Betrieb genommen. Rund um die Uhr sitzen in Sechs-, Acht-, Zehn- oder Zwölf-Stunden-Schichten zwischen sechs und 14 Disponenten (im Moment nur Männer) in dem 360 Quadratmeter großen Raum – alles mindestens gelernte Rettungsassistenten oder ausgebildete Feuerwehrleute, also in jedem Falle Menschen „vom Fach“.

Bis zu 1.500 Anrufe pro Tag

Jeder schaut auf vier Bildschirme und einen Telefonmonitor, pro Tag müssen zwischen 950 und 1.500 Anrufe bearbeitet werden. Noch während der Disponent mit dem Anrufer telefoniert, gibt er – wenn nötig – die wichtigsten Daten per Knopfdruck an den Schichtleiter weiter, der wiederum sofort einen Notarztwagen informiert – oder die Feuerwehr, denn in dem auffälligen Haus neben der künftigen Hauptfeuerwache werden sowohl die rund jährlich 6 000 Feuerwehr- als auch die 130 000 Rettungsdiensteinsätze bearbeitet und koordiniert.

Alles – außer Polizei

Alles was Blaulicht auf dem Fahrzeug hat und nicht zur Polizei gehört, wird von hier aus auf die Reise geschickt. Und noch mehr, wie Stefan Sebold, der Leiter der Leitstelle, betont. „Das geht vom schweren Notfall bis zum ganz normalen Krankentransport, zum Beispiel, wenn jemand aus dem Krankenhaus entlassen wird.“ Als Laie schaut man nur ahnungslos auf die vielen Monitore mit den blinkenden Lichtchen und unendlichen Tabellen. Die Disponenten wissen aber ganz genau, was sie tun – und sie werden von der hochmodernen Technik mittlerweile so gut unterstützt, dass viele Handgriffe oder Telefonate von früher heute nicht mehr nötig sind: Das meiste passiert schlicht per Mausklick.

Hilfe über Kreisgrenzen hinweg

Hilfe wird bisweilen auch über Kreisgrenzen hinweg geleistet. Beispiel: Es gibt einen Notfall in Kronau, ganz im Norden des Landkreises Karlsruhe. Auf dem Monitor sieht der Disponent, dass im benachbarten Walldorf, das allerdings schon zum Rhein-Neckar-Kreis gehört, gerade ein Rettungswagen zur Verfügung steht. Also wird nach Rücksprache mit der dortigen Leitstelle dieses Auto losgeschickt. „Die durchschnittliche Eintreffzeit liegt bei einem Rettungswagen bei neun Minuten, beim Notarzt bei etwa elf Minuten“, sagt Sebold. Das heißt: Wenn sehr viel los ist, kann es auch mal etwas länger dauern.

 

„Ein Kind ist verunglückt“

Bei Michael Schwall leuchtet jetzt wieder die „112“ auf. Eine Frau erzählt, schwer verständlich, etwas von einem Kind, das verunglückt ist. Auf dem Monitor sieht Schwall, dass der Notruf aus einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in einer Kreisgemeinde abgesetzt wurde. Da die Frau nicht zu verstehen ist, veranlasst er, dass sofort ein Krankenwagen in die Unterkunft fährt. Wenig später melden sich die Kollegen von dort: Es war alles halb so wild.

Ärgerlicher „Flaschenhals“

Bei schweren Autobahnunfällen oder Bränden kommt es vor, dass Dutzende von Menschen innerhalb von Sekunden anrufen, weil sie alle das gleiche melden wollen. „Das ist der sogenannte Flaschenhals“, sagt Sebold. „Da kann man dann auch mal in der Warteschleife landen.“ So etwas ist aber die Ausnahme. Könnte man so etwas verhindern? „Im Prinzip schon“, sagt Sebold. „Wenn es in Deutschland eine rein medizinische Notrufnummer gäbe wie in vielen anderen europäischen Ländern. Dann würde der Mensch, der einen Schlaganfall melden will, nicht in der Warteschleife stecken, weil gleichzeitig 50 andere über die gleiche Nummer einen Brand melden.“

Hund aus Dachsbau gerettet

Die Karlsruher Leitstelle ist nun eine der modernsten überhaupt und die größte in Baden-Württemberg. Und wer die „112“ wählt, weiß, dass ihm so schnell wie möglich geholfen wird. Wie jene Frau, die unlängst verzweifelt anrief, weil sich ihr Hund in einem Dachsbau mit einem Dachs angelegt hatte. Die Feuerwehr fuhr hin, rettete beide Tiere – und am Ende waren alle glücklich.

Am 21. März 2017 wurde die Integrierte Leitstelle für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz für den Stadt- und Landkreis Karlsruhe in Betrieb genommen. Zuvor war die Feuerwehr-Leitstelle im Keller des Landratsamtes untergebracht, die Rettungsleitstelle des DRK befand sich in Bruchsal.

Bei lebensbedrohlichen Notfällen oder Bränden wählt man die Nummer 112. Geht es aber „nur“ um die Organisation von Krankentransporten, empfiehlt sich die 1 92 22.