Was kostet die Fahrkarte? Um die Tarife im ÖPNV gibt es eine von Klimaschutz und überfüllten Innenstädten angeschobene Debatte. | Foto: Donecker

Debatte um die Tarife

ÖPNV Karlsruhe: „home zone“ statt Wabensystem

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Günstigere Tickets, mehr Kunden, Entlastung für die Innenstädte – jüngstes Beispiel: die freie Fahrt in Karlsruhe an den Adventsamstagen. Die Debatte um einen attraktiveren öffentlichen Nahverkehr läuft fast überall. Beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart wurde zum 1. April mit einer Reduzierung der Zonenzahl eine große Tarifreform umgesetzt.

Damals ging es von 52 auf 5 Zonen herunter. Das hatte Erfolg: Von April bis September 2019 stieg die Zahl der Fahrgäste im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Prozent. Auf der anderen Seite steht ein durch die Tarifreform bedingter Rückgang der Einnahmen von 4,9 Prozent. Doch Stuttgart ließ es damit nicht bewenden: Die zum Jahreswechsel übliche Tariferhöhung blieb bislang aus.

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Mobilitätspaket

In Augsburg geht man noch einen anderen Weg. In der Fuggerstadt gilt seit November eine Mobilitäts-Flatrate. Für 79 Euro im Monat gibt es dort ein Kombipaket aus unbegrenzter Nutzung von Bus und Bahn, Leih-Fahrrädern sowie 15 Stunden Carsharing. Chef der Stadtwerke in Augsburg, zu denen die Verkehrsbetriebe gehören, ist Walter Casazza, der bis vor wenigen Jahren in Karlsruhe an der Spitze des KVV stand.

In der Pipeline

Beim Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) ist eine Tarifreform bislang lediglich in der Pipeline. Aktuell wurde jüngst die Tariferhöhung zum 1. Januar auf den Weg gebracht – mit einer vergleichsweise knappen Mehrheit. Und doch gibt es in Karlsruhe einige Bewegung, um in Zeiten einer intensiven Klimaschutzdebatte und überfüllter Innenstädte den ÖPNV zu reformieren. Die seit Anbeginn des KVV seit über zwei Jahrzehnten gültige Systematik der Waben steht vor einer Überarbeitung.

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Kunde definiert Fahrtzone

Das Zauberwort beim Blick in die nahe Zukunft heißt „home zone“: Der Kunde definiert sich unabhängig von der aktuellen Tarifstruktur seinen Fahrtbereich und soll dabei auch günstiger unterwegs sein als bislang. Ein interner Probebetrieb soll Mitte 2020 starten. Bei der „home zone“ sollen auch die Verbundgrenzen fallen. Das Projekt ist so angeschoben, dass aus dem Gebiet des KVV in das des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar gewechselt werden kann.

365-Euro-Ticket

Und jetzt kommt die SPD im Karlsruher Kreistag mit dem Antrag für ein 365-Euro-Ticket. Derlei gibt es in Reutlingen, Bonn und Wien. Freilich muss man jeweils genau hinsehen, welche Gültigkeitsbereiche das Ticket hat und welche Kosten dabei für die öffentliche Hand entstehen.

Qualität entscheidet

Beim Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) werden die Tarifdiskussionen aufmerksam registriert, wenngleich man nicht feststellen könne, dass sie überall in Deutschland stattfänden. Überhaupt ist es laut VDV so, dass für den Kunden wichtiger als der Preis die Qualität des Angebots ist: Fahrplandichte, Bedienqualität, Reisezeit.

Interview mit dem Karlsruher Landrat

Durchgewunken – die problemlose Zustimmung zu Preiserhöhungen innerhalb des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) war in den vergangenen Jahren meist so sicher wie das Amen in der Kirche. Auch deshalb war es ein bemerkenswerter Vorgang, dass es im 28-köpfigen Aufsichtsrat des KVV in diesem Jahr viele Gegenstimmen gab. Fünf etwa von den Vertretern des Landkreises Karlsruhe, dazu mindestens die beiden Grünen aus Karlsruhe und drei weitere aus dem Landkreis Germersheim. Gegenstimmen gegen Tariferhöhungen im KVV sind eine kleine Revolution, die aktuell etwa der phasenweisen Verkehrsleistung der AVG sowie des neuen Anbieters Abellio, dem neuen Denken um den ÖPNV und seine Fahrpreisgestaltung geschuldet ist. Landrat Christoph Schnaudigel hat dazu eine dezidierte Meinung, zu der ihn unser Redaktionsmitglied Matthias Kuld befragt hat.

Der Karlsruher Landrat Christoph Schnaudigel wollte die Tariferhöhung im KVV vermeiden. | Foto: Donecker

Der Landkreis Karlsruhe wollte die Tariferhöhung vor allem deshalb vermeiden, weil man mit der Bedienqualität auf vielen Strecken in der Fläche nicht zufrieden war. War das der einzige Grund?

Schnaudigel: Das war für uns ein entscheidender Grund.

Klima, verstopfte Innenstädte, der Trend zu den „Öffentlichen“ – spielte das bei der Entscheidung auch eine Rolle?

Schnaudigel: Natürlich. Man muss den ÖPNV vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Diskussion um die Zukunft wie zum Beispiel beim Klimaschutz neu denken.

Verzicht auf eine Tariferhöhung bedeutet Einnahmeausfall. Das heißt, die öffentliche Hand ist stärker gefordert. Das Land hat seine Unterstützung angeboten, um einen Teil dieser entgehenden Mehreinnahmen aufzufangen …

Schnaudigel: Das ist so korrekt, aber die Mehrheit im Aufsichtsrat hat anders entschieden.

Seitens des Landkreises gibt es eine beträchtliche Dynamik bezüglich der Weiterentwicklung des ÖPNV – Netzausbau und Tarife. Was ist in der Pipeline?

Schnaudigel: Vieles. Die S4-Strecke Richtung Bretten soll zweispurig ausgebaut werden, die S 31/32 in die Karlsruher Innenstadt fahren. Das ist konkret. Es gibt Überlegungen für die Reaktivierung alter Strecken von Graben-Neudorf nach Linkenheim-Hochstetten oder auch vom Ettlinger „Erbprinz“ nach Ettlingen-West, von wo aus eine schnelle Direktverbindung zum Hauptbahnhof Karlsruhe gegeben ist. Die Ideen für die S2, die von Spöck bis Bruchsal fahren könnte, und eine Stadtbahn von Bruchsal Richtung Waghäusel hängen wie auch die Weiterführung der Bahn von Ittersbach nach Straubenhardt hängt von etwaigen Neuregelungen der „standardisierten Bewertung“ ab. Das ist die Benchmark für die Zuschüsse. Und dann haben wir beschlossen, kreisweit die so genannten „On-Demand-Verkehre“ einzuführen. Nach Ettlingen ist nun Dettenheim an der Reihe. Weitere Gemeinden werden folgen. Diesen Bestelldienst gibt es bislang eigentlich nur in Städten, im ländlichen Bereich ist das neu.

Wenn Sie das alles finanzieren wollen, ist wenig Spielraum für Tarifsenkungen …

Schnaudigel: Im Grunde denke ich schon, dass wir den ÖPNV über den Preis attraktiver machen müssen. Besseres Angebot zu niedrigeren Preisen? Im Kreistag werden wir einen Antrag für die 365-Euro-Jahreskarte diskutieren. Und dann gibt es ja die bekannten Überlegungen für eine „home zone“. Dabei definiert ein Kunde eine bestimmte Strecke unabhängig von der bisherigen Wabenstruktur. Das soll natürlich für ihn billiger werden. Auf der anderen Seite steht der hohe Investitionsbedarf. Denken Sie nur an den barrierefreien Ausbau der 110 Haltstellen entlang der Stadtbahnstrecken im Landkreis.

Über welche Summe sprechen wir da?

Schnaudigel: Da geht es für uns um eine Größenordnung von rund 40 Millionen Euro.

Nochmals zu den Tarifen. Der Verkehrsverbund Stuttgart hat nicht erhöht, und das, obwohl der durch eine vorangegangene Strukturänderung faktisch die Preise schon gesenkt hat. In Augsburg gibt es eine kostenlose Innenstadtzone. Die Diskussion um die Fahrpreise im ÖPNV ist bundesweit sehr lebendig …

Schnaudigel: Man muss bei all dem aber auch immer sehen, dass am Schluss genügend Geld übrig bleibt, um Investitionen finanzieren zu können. Der günstigste ÖPNV nützt nichts, wenn die Infrastruktur nicht stimmt. Und die kostet Geld. Ich werde daher den Antrag für die 365-Euro-Jahreskarte zum Anlass nehmen, sämtliche Kosten, also auch für Einnahmeausfälle und die zukünftigen Investitionen zusammenzustellen. Auch müssen wir prüfen, welche Auswirkungen die sogenannte „home zone“ hat. Wenn dann der Kreistag entscheidet, diese Mehrkosten zukünftig dauerhaft tragen zu wollen, werde ich das Thema in den KVV-Aufsichtsrat tragen und mich dafür einsetzen.

Da dreht sich die Sache im Kreis. Letztlich braucht das System mehr Geld. Muss die öffentliche Hand mehr bezahlen?

Schnaudigel: Das wird so kommen. Deshalb muss man aber auch über eine Finanzierung durch Drittnutzer diskutieren.

Das sind …

Schnaudigel: … jene Bevölkerungskreise, die von einem guten Angebot an Bussen und Bahnen profitieren, ohne das Nahverkehrsangebot selbst zu nutzen. Das ist in der politischen Diskussion.