Wegen der Corona-Krise steht hinter den Olympischen Spielen in Tokio ein Fragezeichen. Das betrifft auch viele Athleten aus der Region.
Wegen der Corona-Krise steht hinter den Olympischen Spielen in Tokio ein Fragezeichen. Das betrifft auch viele Athleten aus der Region. | Foto: dpa

Was das für Sportler bedeutet

Olympia-Kandidaten aus der Region Karlsruhe wegen Corona-Krise im Wartestand

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Das IOC spielt in Sachen Olympia auf Zeit, was viele Athleten, auch aus der Region, vor Probleme stellt. Was ändert sich am Qualifikations-Modus? Und lohnt es überhaupt noch, angesichts der Corona-Krise für einen möglichen Tokio-Start zu trainieren?

Überall auf der Welt werden im Zuge der Corona-Krise Sportveranstaltungen abgesagt oder verschoben. Und Olympia? Die Frage, was mit dem Ringe-Spektakel passiert, treibt auch die Kandidaten aus der Region um. Genauso wie die Ungewissheit, wie sich das Qualifikations-Prozedere verändert und wo sie trainieren sollen. Ein angedachtes Trainingszentrum in Kienbaum ist inzwischen kein Thema mehr. Ein Überblick.

Handball

Das ab dem 17. April in Berlin geplante Olympia-Qualifikationsturnier mit Schweden, Slowenien und Algerien als Gegner wurde zunächst mal auf einen noch nicht festgelegten Termin im Juni verschoben. Die beiden Besten lösen ein Ticket. Weil Jannik Kohlbacher von den Rhein-Neckar Löwen nach dem Ende eines Lehrgangs positiv auf das Coronavirus getestet wurde, befindet sich derzeit die komplette Nationalmannschaft in häuslicher Quarantäne. Ebenso die Rhein-Neckar Löwen, bei denen es mehrere positive Fälle gibt.

Tischtennis

Die Qualifikationswettbewerbe sind bereits durch. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen ist Deutschland für die Teamwettbewerbe qualifiziert, und auch die Spieler stehen praktisch fest. Bei den Männern dürfen Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska mit der Nominierung am 21. Mai rechnen, zwei Spieler aus diesem Trio treten dann auch im Einzel an.

Eine kleine Chance, als Ersatzspieler für das Team mitgenommen zu werden, hat Dang Qiu vom ASV Grünwettersbach aufgrund seiner Stärke als Doppelspieler. Da bis auf Weiteres alle Turniere abgesagt sind, haben Qiu und die Konkurrenten keine Chance, sich beim Bundestrainer in den Vordergrund zu spielen. „Für die Trainer wird das keine leichte Aufgabe“, sagt Qiu, der in diesen Tagen viel am Düsseldorfer Rheinufer entlang joggt, da auch das dortige Tischtenniszentrum geschlossen ist.

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Schießen

Im Wartestand befinden sich derzeit auch Cedric Rieger und Beate Köstel. In der internen Ausscheidung hat Bogenschütze Rieger aus Karlsbad aktuell zwar gute Karten, da er nach einem von zwei geplanten Wettkämpfen die nationale Rangliste anführt, doch was dies am Ende wert ist, kann zurzeit keiner sagen.

Die Weltverbände werden voraussichtlich am 6. April eine Entscheidung treffen, wie es mit den Quali-Wettbewerben weitergeht, bei denen auch die Odenheimerin Köstel starten wollte. Abgeschrieben hat Rieger, der dank einer Sondergenehmigung weiter in Karlsbad trainieren kann, die Austragung der Spiele 2020 noch nicht. Olympia ohne Zuschauer? „Wäre immerhin besser als eine Komplettabsage“, meint er.

Kanu

Die erste nationale Qualifikation des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) Anfang April in Duisburg war schon gecancelt, am Freitag gab der DKV nun auch die vorläufige Absage des zweiten Qualifikations-Wochenendes bekannt. Der internationale Verband hatte am Tag zuvor alle geplanten Wettkämpfe bis einschließlich Anfang Juni abgesagt, darunter fällt auch der Weltcup an der Wedau im Mai, bei dem es um die Quotenplätze für Tokio gehen sollte.

Auch Karlsruhes Olympia-Hoffnungen Sarah Brüßler und Sophie Koch von den Rheinbrüdern hängen dieser Tage also völlig in der Luft. Rheinbrüder-Chefcoach Detlef Hofmann hält aber eine Olympia-Absage zum jetzigen Zeitpunkt für falsch. „Nach Ostern muss ein Cut gemacht werden und klar sein, wo die Reise hingeht“, macht er deutlich.

Alle Informationen gibt es auf bnn.de/coronavirus

Turnen

Home-Office ist derzeit bei den Bundesliga-Turnern vom KTV Straubenhardt und auch der Kunstturn Region Karlsruhe (KRK) angesagt: Die Sporthallen sind zu, der Trainingsbetrieb ruht bis zum Ende der Osterferien. „Unsere Athleten halten sich zuhause mit Kräftigungsübungen fit oder machen selbstständig Läufe an der frischen Luft“, berichtet der Sportliche Leiter des KTV, Steve Woitalla. Falls das IOC am Termin festhält, ergäben sich für die Straubenhardter Marcel Nguyen, Andreas Bretschneider, Nick Klessing und Nils Dunkel große Probleme, noch kein Turner ist qualifiziert.

Cheftrainer Andreas Hirsch will sich erst nach zwei Turnieren im Juni entscheiden, welche vier Männer er nominiert. „Stand jetzt“ stehen diese noch im Terminplan des Deutschen Turner-Bundes, wie der DTB am Freitag erklärte. Allerdings werden die Veranstaltungen nicht mehr beworben, das Ticketing ist ausgesetzt. Abgesagt sind die Turn-EM der Frauen in Paris (geplant: 30. April bis 3. Mai) und der Männer in Baku (geplant: 27. bis 31. Mai).

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Ringen

Statt an diesem Wochenende in Budapest um ein Olympia-Ticket zu kämpfen, hat Luisa Niemesch nun ziemlich viel Zeit. Da die Hallen gesperrt sind, muss die Ringerin des SV Germania Weingarten das Mattentraining sein lassen – und umsatteln. „Ich habe mir erst einmal ein Fahrrad gekauft“, berichtet die 24-Jährige, die sich nun privat fit halten will.

Das europäische Qualifikationsturnier wurde zunächst auf Mitte Mai verschoben, das Welt-Turnier in Sofia, ursprünglich vom 30. April bis 3. Mai geplant, auf Anfang Juni. Dass die monatelange Vorbereitung auf die heiße Olympia-Phase nun – zumindest vorerst – ins Leere läuft, „hat mir erst einmal den Stecker gezogen“, gesteht Niemesch, die hofft, dass die Spiele in Tokio nicht ersatzlos gestrichen werden. Im Wartestand ist auch ihr Kollege Ahmed Dudarov, der Freistilringer startet ebenfalls für Weingarten.

Gewichtheben

Auch im Heberlager hat Corona den Wettkampf-Kalender durcheinandergewirbelt. Zum Beispiel hat der Weltverband die EM von April auf Mitte Juni verlegt. In Moskau sollten auch Punkte für die Tokio-Qualifikation vergeben werden, was nun wegfallen könnte.

Die Karlsruherin Sabine Kusterer könnte dann ihre Olympia-Hoffnungen so gut wie begraben, hatte sie doch nach Verletzungsproblemen auf das letzte Drittel der Quali-Periode gesetzt. Sich fit halten kann sich die Athletin des KSV Durlach dieser Tage nur dank einer Ausnahmegenehmigung. Am Olympia-Stützpunkt der Heber in Leimen darf sie aktuell in Kleingruppen trainieren.

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Boxen

Völlig unbeirrt waren die Boxer zuletzt noch in London in den Ring gestiegen. Doch am Dienstag wurde das europäische Qualifikationsturnier dann doch abgebrochen und gleichzeitig auch die globale Qualifikation in Paris gecancelt. Dort wollte Azize Nimani vom Karlsruher SC um ein Ticket für Tokio kämpfen. „Ich nehme es, wie es kommt“, versucht die 29-Jährige gelassen zu bleiben. Trainieren kann Nimani im Moment nur mit einer kleinen Gruppe in Schriesheim, am Olympia-Stützpunkt in Heidelberg ist das aktuell nicht möglich.

Schwimmen

Die deutschen Meisterschaften, die vom 30. April bis zum 3. Mai in Berlin geplant waren und das Ende des Qualifikations-Zeitraums markieren sollten, wurden verschoben. Wie der Deutsche Schwimmverband mitteilte, werden zurzeit unter anderem die notwendige Anpassung der nationalen Nominierungskriterien geprüft. Somit muss sich auch Daniel Pinneker, der früher für die SSG Pforzheim und die TSG Niefern startete, gedulden.

Skateboard

Alle Olympia-Qualifikationsturniere, an denen der in Gaggenau lebende Skater Alex Mizurov teilnehmen wollte, wurden abgesagt. Stattdessen arbeitet der 31-Jährige von zu Hause aus an seiner Fitness und nimmt weiterhin Videos für seine Sponsoren auf.

Leichtathletik

Für die Geher Carl Dohmann (Baden-Baden) und Nathaniel Seiler (Bühlertal) ging es vom Trainingslager in Südafrika zurück in die Heimat statt in die Slowakei, weil dort der am Wochenende geplante Qualifikations-Wettkampf über 50 Kilometer genauso abgesagt wurde wie alle weiteren Wettbewerbe bis zu den Spielen. Stand jetzt wäre das Duo in Sapporo, wo Marathon und Gehen stattfinden sollen, dabei. „Eine Verschiebung der Spiele würde bedeuten, dass die ganze Qualifikation wieder auf Null gesetzt wird. Aber es würde immerhin Ruhe in die Situation bringen“, sagt Dohmann.

Auch Speerwerfer Andreas Hofmann aus Kirrlach hat gute Olympia-Chancen. Der Vize-Europameister war am Samstag vom Trainingslager aus der Türkei zurückgekehrt und hatte erst in der Heimat richtig mitbekommen, wie brisant die Lage ist. Er tendiere inzwischen zu einer Absage der Spiele, sagt Hofmann, der wie viele Athleten derzeit nicht weiß, wie und wo er trainieren kann – und ob das alles noch Sinn macht. Eigentlich wollte Hofmann bei der Diamond League in Doha am 17. April die Saison beginnen, doch nun gibt es bis Ende Mai keine Wettkämpfe.

Vor noch größeren Problemen stehen 800-Meter-Läufer Christoph Kessler und Weitspringer Julian Howard von der LG Region Karlsruhe sowie die 400-Meter-Hürdenläufer Constantin Preis (Pforzheim) und Carolina Krafzik (Niefern-Öschelbronn), denen immer mehr Möglichkeiten wegbrechen, die Olympia-Norm zu knacken.