Um das Leben in digitalen Welten geht es bei der Ausstellung "Open Codes" im karlsruher ZKM. Hier das Werk "Morsealphabet" von Brigitte Kowanz aus dem Jahr 1998. | Foto: dpa

Leben in digitalen Welten

„Open Codes“ im ZKM in Karlsruhe

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Diese Ausstellung ist ein ungewöhnliches Experiment! Starten Sie es gemeinsam mit uns. “So steht’s ganz vorne im Programmheft der Ausstellung und man hätte noch hinzufügen können: „Vieles, was hier passiert, werden Sie nicht kapieren, aber interessant ist es trotzdem.“ Mit der Ausstellung „Open Codes. Leben in digitalen Welten“ hat das Karlsruher ZKM ein neues Ausstellungsformat entwickelt, das in der Museumslandschaft ziemlich einzigartig sein dürfte. Mit dieser Mischung aus Labor und Lounge möchte das ZKM nicht weniger präsentieren als „eine Neudefinition des Museums für das 21. Jahrhundert“.

Gruseliger Spiegel

Und dazu gehört auch, dass man sich mal so richtig ärgern darf. „Frechheit!“ schimpft eine Frau, die soeben die Ausstellung betreten hat und gleich nach zwei Metern stehen blieb. Dort bildet ein außergewöhnlicher Spiegel den Besucher mit einem individuellen Strichcode ab. Die Frau schaut nun also in ihr verzerrtes Spiegelbild und liest: Geschlecht weiblich, Größe 1,70 Meter, Alter 41 Jahre. „Ich bin aber erst 40!“, ruft sie mit gespielter Empörung und ist dennoch bass erstaunt über die Genauigkeit der Angabe. „Ich finde das echt gruselig“, sagt sie. „Ich möchte gar nicht genau wissen, weshalb der Spiegel mein Alter so genau wiedergeben kann und vor allem: wo das alles gespeichert und veröffentlicht wird.“ Der gruselige Spiegel ist Teil der Installation „YOU:R:CODE“ von Bernd Lintermann, in der mutige Besucher „die digitale Transformation ihrer selbst erleben“ sollen.

Wer lernt, wird im ZKM belohnt

ZKM-Direktor Peter Weibel möchte mit der Ausstellung weg vom klassischen Museum mit wechselnden Bildern an der Wand. „Wir zeigen hier ein Museum, das zum Arbeiten, Wohnen und Denken da ist.“ Als neue Strategien der Besucherpartizipation und -emanzipation passt das ZKM nicht nur seine Öffnungszeiten an – donnerstags bis 22 Uhr. Der Eintritt ist zudem frei. „Das Museum ist ein Ort der Bürgerbildung“, sagt Weibel. „Die Aneignung von Wissen muss belohnt werden“. Moment mal, diesen Satz sollte man sich noch einmal durchlesen: „Die Aneignung von Wissen muss belohnt werden“. Das klingt ein bisschen so, als seien ZKM-Besucher grundsätzlich zunächst mal doof. Aber wenn sie brav sind und sich mit Strichcodes, Algorithmen, Kryptowährungen und Genotypen beschäftigen, dann erhalten sie als Belohnung ein Leckerli oder einen Snack. Diese liegen nämlich zuhauf herum im ZKM und dürfen gratis konsumiert werden.

Armer kleiner Roboter

Fast schon leidtun kann einem der kleine, orangefarbene, eingezäunte Industrieroboter der Installation „manifest“ (Künstlergruppe robotlab), der unermüdlich wie am Fließband thesenartige Sätze generiert und niederschreibt. Da steht dann zum Beispiel „Kein Apparat darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden“. Dabei ist der arme, kleine Roboter wahrscheinlich der einzige Sklave in der gesamten Ausstellung.
Die „Open Codes“ werden ausdrücklich als Ausstellung zum Mitmachen beworben und selbst tätig werden kann man beispielsweise bei der interaktiven Installation „Phenotypes“ von Armin Linke. Der Besucher darf (nachdem er sich weiße Handschuhe übergestreift hat) aus einer Vielzahl von Fotografien acht auswählen und kann dann innerhalb weniger Sekunden per Knopfdruck ein Leporello ausdrucken und mit nach Hause nehmen.

30 Jahre nach der Volkszählung…

Wie eklatant sich die Welt in den vergangenen 30 Jahren verändert hat, möge folgendes Beispiel veranschaulichen: Im Jahr 1987 gab’s einen Riesenaufstand gegen die Volkszählung in Deutschland. Heute gehen vermutlich viele der Protestierenden von damals mit ihrem Smartphone ins ZKM und lesen dann bei der Installation „Daten/Spuren“ von Alex Wenger und Max-Gerd Retzlaff Sätze wie diesen: „Die Installation speichert elektronische Fingerabdrücke der BesucherInnen und fügt Daten aus weiteren Quellen zusammen, um umfassendes Wissen über jeden einzelnen Besucher zu erhalten.“ Zudem sei die Installation mit Hilfe der Smartphones „in der Lage, die BesucherInnen zu verfolgen und weitere Daten zu sammeln.“ Wer an Paranoia leidet, sollte vor Betreten der Ausstellung also besser sein Mobiltelefon ausschalten.
Während sich die einen überwachen lassen, spielen jetzt, mitten in der Ausstellung, zwei Frauen Tischtennis. Zuvor hatten sie großen Spaß am altmodischen Fußballkicker. Viel analoger könnte der Pausenzeitvertreib zwischen all den vielen Codes gar nicht ausfallen. Tolle Idee.

Im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe wird das Werk „manifest“, angeregt von Peter Weibel, aus den Jahren 2008 / 2017 gezeigt. Das Werk ist Teil der Ausstellung Open Codes, die bis zum 5. August 2018 zu sehen ist. Foto: dpa | Foto: dpa

Info: Open Codes – Leben in digitalen Welten, ZKM Karlsruhe, Lorenzstraße 19, zu sehen bis 5. August 2018, Öffnungszeiten der Ausstellung Mittwoch und Freitag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Montag geschlossen. Weitere Infos finden Sie hier.