Naturbyn, Paddelboote
Auf die Wunder der Natur kann man sich in Värmland an vielen Stellen einlassen - so etwa in der ökologischen Siedlung "Naturbyn" am Eldansee, der auch zum Paddeln einlädt. | Foto: Jock

Schweden für Naturfans

Outdoor in Värmland bei Fuchs und Elch

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Die westschwedische Provinz Värmland ist ein Paradies für Outdoor-Fans: An mehr als 10 000 Flüssen und Seen findet jeder sein einsames Plätzchen für grandiose Naturerlebnisse – als Wanderer, Radler oder Paddler. Begegnungen mit Fuchs und Elch inklusive.

Eigentlich ganz einfach: „Im rechten Winkel halten, nach vorne schieben, ins Wasser eintauchen, nach hinten ziehen“. Luc Dodemann sitzt am Strand des Glafsfjords in einem seiner 200 Kanus und demonstriert den richtigen Umgang mit dem Paddel.

Ein paar Minuten später auf dem kabbeligen Wasser ist es schon ein bisschen komplizierter, Lucs Anweisungen umzusetzen. Das Kanu aus Aluminium tanzt auf den Wogen, fährt in viele Richtungen, aber nicht immer die gewünschte. Wellen schlagen gegen die Bordwand, die wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche hinausragt.

Es dauert ein paar Minuten, bis wir unseren Rhythmus finden und die Fahrt in der glitzernden Abendsonne genießen können. Und dabei auf unser Ziel zu mäandern: Dem Ufer des Glafsfjords, an dem wir auf Lucs Geheiß entlangpaddeln. Weil der Wind uns da nicht so schnell von unserem Schlingerkurs abbringt. Weil man rasch am Ufer ist, falls es nötig sein sollte. Und weil man einfach mehr sieht. Schilf, das sich im Wind wiegt, Wasservögel, die ungerührt des sich näherndes Kanus weiterpaddeln, und mit viel Glück auch einen Biber, der blitzschnell abtaucht.

Ganz Värmland ist ein gigantisches Naturparadies

Zu entdecken gibt es nicht nur auf den Gewässern vor Arvika ein gigantisches Naturparadies. Die gesamte westschwedische Provinz Vämland ist mit mehr als 10.000 Flüssen und Seen gesprenkelt –vom einsamen Tümpel bis zum Vänern, der den Bodensee zehnmal aufnehmen könnte.

Mitten durch die Provinz windet sich über 300 Kilometer der Klarälven, ehe er in den Vänern mündet. Eine Tour mit einem selbstgebauten Floß auf dem Fluss ist ein beliebtes Outdoor-Abenteuer in Värmland. Gut halb so groß wie Baden-Württemberg, aber mit 17 Einwohnern pro Quadratkilometer deutlich dünner besiedelt, hat die Provinz für jeden Besucher ein bezauberndes einsames Plätzchen, um sich als Wanderer oder Paddler auf die Wunder der üppigen Wildnis einzulassen.

Wald und Wasser prägen die Landschaft, vereinzelte rote Sommerhütten perfektionieren die Bullerbü-Idylle. Selbst auf den Straßen, die sich schnurgerade durch die sanfte grüne Hügellandschaft ziehen, ist man meistens alleine.

Einsamkeit garantiert

Lucs Kanus tragen die Urlauber über zehn verschiedene Strecken durch die Wildnis, etwa ins Naturreservat Glaskogen. Drei bis sieben Tage verbringt man dabei auf dem Wasser und die Nächte im Zelt oder einer Schutzhütte. Einsamkeit garantiert: Acht Kanus pro Tour und Tag sind Lucs Limit. Die komplette Ausrüstung kann man bei ihm leihen und auch campergerechte Lebensmittelpakete mit Produkten aus der Region kaufen.

Unverzichtbarer Bestandteil ist Blaubeersuppe – die angeblich nirgends so gut schmeckt wie in der Wildnis. Und da man das 38 Kilogramm schwere Kanu gelegentlich schweißtreibend über Land befördern muss, gehört auch ein Transportwägelchen zum Equipement. Obligatorisch ist die Schwimmweste, obwohl Lucs Kanus unsinkbar sind, wie er klarstellt. Von Mitte Mai bis Mitte September ist Paddelsaison, 5.000 Menschen bringt er jedes Jahr aufs Wasser.

Der Fuchs und der Fußpilz

Luc brachte die Liebe 1992 von Paris nach Norwegen, sein Unternehmen übernahm er vier Jahre später vom Vater eines Freundes. Tauschen möchte er seine Umgebung nicht mehr gegen die Großstadt – er hat schließlich das Paradies vor der Haustür. Das ihm aber auch noch nach mehr als einem Vierteljahrhundert immer wieder Rätsel aufgibt.

Etwa die Frage, warum der Fuchs Schuhe und Socken klaut, wenn man sie nachts vor dem Zelt stehen lässt. Alles nur eine gut erzählte Geschichte? Luc weist das zurück: „Wir haben uns auf die Lauer gelegt und den Fuchs dabei beobachten“, berichtet er. Zweifelsohne möge der Fuchs den Geruch – vor allem, den von Fußpilz.

Weiße Elche bei Arvika

Der ungewöhnliche Waldbewohner der Region um Arvika ist aber ein anderer: Der sagenumwobene weiße Elch ist hier zu Hause. Klar, dass ein Foto der majestätischen Hirschart mit der weißen Fellfarbe die Broschüren Värmlands ziert. Auf riesigen Bannern treffen Touristen dem weißen Elch schon am Flughafen in Karlstad. Wanderer und Kanufahrer berichten von Begegnungen mit dem seltenen Tier, und wer seinem Glück nachhelfen möchte, kann eine individuelle abendliche Elchsafari buchen.

Etwa 50 Exemplare der Elche mit dem Gendefekt leben in den Wäldern um die 14.000-Einwohner-Stadt, weiß Stephanie Dellmann vom Tourismusbüro. Sie kam vor mehr als 20 Jahren von Osnabrück nach Arvika – ebenfalls der Liebe wegen – und hilft nun Wanderern und Campern, Backpackern und Familien bei der Planung ihres Värmland-Abenteuers. Zwei, dreimal im Jahr aber muss sie der Idylle entfliehen und nach Deutschland reisen. „Mit den langen Wintern hier hadere ich noch immer ein bisschen“, bekennt sie.

Im ökologischen Hüttendorf  Naturbyn

Gar nicht genug der Wildnis kann es für Thomas Peterson sein. Der Schwede hat am Eldan-See in der Region Säffle ein Naturrefugium geschaffen, das seinesgleichen sucht. „Naturbyn“ heißt sein durch und durch ökologisches Hüttendorf.

Fließendes Wasser, Elektrizität und WiFi gibt es hier nicht, aber die perfekte Umgebung, um abzuschalten und sich auf Värmlands Naturschätze einzulassen: Beim Spaziergang durch den Wald, im Kanu auf dem Eldan, im Holz-beheizten Badezuber mit Blick auf den See oder beim Sprung ins erfrischende Seewasser nach dem Saunagang. Ursprünglich wollte sich der Zimmermann aus dem Waldstück seiner Familie nur Bauholz holen, erzählt er schmunzelnd.

Bäumhäuser und Hausboot

Vor 20 Jahren war es, als er die ersten Stämme aufeinander schichtete – und dann immer weiterbaute: Ein Langhaus mit Feuerstellen und Sitzplätzen, ein Küchenhaus, ein Backhaus, eine überdachte Grillstelle, ein Plumpsklo, eine Sauna, einen Steg für seine Kanus und eine Wasserleitung von der einen Kilometer entfernten Quelle.

Außerdem sechs urige Häuschen für seine Feriengäste mit ebenfalls komplett handgezimmertem Inventar. Und mit heimeliger Atmosphäre: Ein gusseiserner Ofen sorgt im Bedarfsfalls für Wärme, Kerzenlicht erhellt die ohnehin nicht sehr dunkle Nacht, auf dem selbstgebauten Tisch steht ein Strauß Wildblumen. Der erste und der letzte Blick des Tages gehen durch das große Fenster über die kleine Veranda, durch Kiefern und Birken bis zum See.

Der Geruch frischen Holzes, die Geräusche des Waldes und das Knistern der Flammen sind die einzigen Begleiter auf dem Weg in die Traumwelt. Und der Wind, der das Häuschen schwanken lässt und seine Bewohner in den Schlaf wiegt: Zwei der Hütten sind in knapp zehn Metern Höhe um Fichtenstämme gebaut. Wer das Hausboot bucht, kann sich von den Wellen des Eldan-Sees in den Schlaf schaukeln lassen.

Survival-Training

Die Bettbezüge sind aus Zellstoff und wandern nach dem Gebrauch in den Kompost, ebenso die Handtücher. Gegessen wird in Naturbyn von Baumstamm-Scheiben, die im Feuer enden – Thomas setzt in vielerlei Hinsicht auf Nachhaltigkeit und Ressourcen-Schonung. Dass man mit sehr wenig klarkommt, bringen auch Pontus und Lucas Hübinette den Gästen bei.

Wenn sich Gruppen in Naturbyn einmieten, zeigen ihnen die Survival-Experten, wie man mit wenigen Mitteln in der Wildnis ein vielleicht rettendes Feuer entfachen kann. Einen Feuerstahl, den es in Schweden in jedem Supermarkt gibt, sollte man aber immer dabei haben, stellen die beiden klar – und haben Spaß, als die Anfänger zunächst vergeblich mit dem Metallstück am Stahlstäbchen entlangratschen. Mehr aber noch, als es ihren Schülern dann doch gelingt, die in Streifen gefitzelte trockene Birkenrinde in Flammen zu setzen.

Aha-Effekte für die Städter

Gut wäre es jetzt freilich, genug Holz parat zu haben, um das Feuer auch in Gang zu halten. Hat man dann noch eine Plastikflasche dabei, kann man auch Wasser abkochen. „Tiefer ins Feuer damit“, gibt Pontus zu verstehen. Er war, wie Thomas erklärt, einst der beste Survival-Fachmann der schwedischen Armee.

Seine Gesundheit hat Pontus in Afghanistan gelassen, sein immenses Wissen und seinen Schalk konnte er sich bewahren. Und tatsächlich sprudelt bald siedendes Seewasser in der Plastikflasche. Aha-Effekt für die Städter: Randvoll muss sie sein, sonst schmilzt das Material in den Flammen. Gewusst wie, kann auch mit einer Batterie und einem Handy-Akku Feuer entfacht werden: Lucas hämmert mit einem Holzklotz ein Messer – das man freilich auch in der Wildnis dabei haben sollte – in eine Batterie.

Sehr hilfreich kann übrigens auch ein Tampon sein. „Es gibt nichts besseres, um Blutungen zu stillen“, sagt Lucas. Und beim Feuermachen schlage ein aufgedröselter Tampon die Birkenrinde um Längen.

Elch im See

Geübt werden die Survival-Techniken am Ufer des Eldan-Sees. Auch an seinem Ufer taucht immer wieder der König des Waldes auf, erzählt Thomas. Gerade erst hat er sogar einen Elch im Seewasser gesichtet: Die riesigen Hirsche sind gute Schwimmer und können auch bis zu sechs Meter tief tauchen.

Wem der Anblick in der Wildnis verwehrt bleibt, muss Värmland dennoch nicht ohne Elch-Begegnung verlassen: Värmlands Älgpark bei Ekshärad ermöglicht hautnahe Erfahrungen mit dem König des Waldes.

Beim König des Waldes

Gebannt stehen gut 30 Touristen am Zaun eines der weitläufigen Gehege. Guide James Gegg versucht, die neunjährigen Lotta zu locken. Auch im Park verschwinden die Elche tagsüber gerne zwischen den Bäumen und schlafen an einem schattigen Plätzchen.

Frühmorgens oder gegen Abend ist die Chance am größten, einen Elch am Waldrand, auf einer futterreichen Lichtung oder am Seeufer zu entdecken, gibt James den Besuchern mit. Die sind begeistert, als Lotta tatsächlich aus dem Grün auftaucht und im Elch-Trab auf James zusteuert, um frische Birkenzweige entgegenzunehmen. Ihr Kalb folgt ihr fiepend, duckt sich aber im Gras weg, als Lotta den Menschen näher kommt.

Elchbulle Emil beeindruckt

Am Ende der einstündigen Tour wartet Elchbulle Emil. Ein Prachtexemplar von Elch mit 2,20 Metern Körpergröße, dem jeder Besucher auch ohne die komplexe Hinführung großen Respekt entgegenbringen würde. Mutige dürfen ihn an den Wangen streicheln und ihn aus einem Eimer füttern – wissend, dass Emil sehr wehrhaft ist. Mit seinen Tritten kann er auch Wölfe in die Flucht schlagen, hat James berichtet. Wölfe? Bären seien selten geworden, sagt James. Mit Steinadler, Luchs, Vielfraß und eben Wolf gebe es aber durchaus auch Raubtiere in Värmlands Wildnis.

Extratipp: Herrenhöfe

Wem nach seinen Outdoor-Erlebnissen nach ein bisschen Luxus ist, der findet in Värmand zahlreiche einstige Herrenhöfe, die mit traditionellem Interieur, ausgezeichneter Küche, Golfanlagen, Kunstausstellungen, Konzerten und manch spannender Geschichte locken. Ulvsby Herrgård bei Sunne etwa hat nicht nur einen Hausgeist zu bieten, sondern fand auch in Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“ Erwähnung. Mårbacka, das Heim der Literatur-Nobelpreisträgerin, ist nur wenige Kilometer entfernt. Dömle Herrgård bei Deje wartet mit mehr als 500 Jahren Geschichte auf – der man überall im Haus begegnen kann.

Informationen

Anreise:  Flug nach Stockholm und dann mit der schwedischen Regionalfluggesellschaft Air Leap nach Karlstad am Nordende des Vänern. Ingesamt etwa 300 Euro hin und retour.  Alternativen sind Zug (2,5 Stunden) oder (Flix)Bus (4 Stunden) ab Stockholm.  Von Oslo aus sind es mit Zug, Auto oder (Flix)Bus gut zwei Stunden bis Arvika. Für Autofahrer empfiehlt sich die Stena Linie Fährverbindung zwischen Kiel und Göteborg, von dort sind es drei Stunden bis Karlstad.

Naturbyn: Naturbyn, Lindbäck, 661 96 Långserud, Telefon 0046 70-662 94 72

Paddeln: Arvika Kanot & Turistcenter AB, Ingestrand, Box 191, 671 25 Arvika,

Telefon  0046-70-649 07 53

Elche: Värmlands Älgpark, Holeberg,  683 61 Ekshärad, Telefon 004670 266 49 45

Allgemeine Auskünfte: VisitSweden GmbH, Michaelisstrasse 22, 20459 Hamburg, Telefon  40-3255 1310, sowie über die Seiten von Vistit Värmland.