Beim ersten Nationalen Paraclimbing-Wettbewerb, den der Karlsruher Alpenverein ausrichtete, gingen 75 Sportler und Sportlerinnen je nach Handicap in verschiedenen Kategorien an den Start. | Foto: jodo

Vorreiter begeistert

Paraclimbing-Premiere in Karlsruhe

Kletterer mit Handicap aus ganz Deutschland hat der erste Nationale Paraclimbing-Wettbewerb nach Karlsruhe gebracht. Organisiert hatte die Premiere der Karlsruher Alpenverein. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen. 75 Teilnehmer, darunter Rollstuhlfahrer, Sportler mit amputiertem Arm oder Bein, Sehbehinderte und auch geistig behinderte Menschen, traten in getrennten Kategorien gegeneinander an.

Aus dem Rollstuhl hoch hinaus

Martin Seeger will gerne hoch hinaus. Den Durlacher Hausberg hat der Spastiker mit seinem Spezialfahrrad beim Turmbergrennen bereits mehrfach bezwungen, und auch eine Kletterwand ist für Seeger kein unüberwindliches Hindernis. Für das Verlassen seines Rollstuhls braucht der sportbegeisterte Karlsruher zwar fremde Hilfe, doch dann zieht er sich unter den Anfeuerungsrufen der zahlreichen Zuschauer Griff um Griff nach oben.

Mit Ehrgeiz und Humor

Seit seiner Geburt ist der schwerbehinderte Seeger bei der Bewältigung seines Alltags auf fremde Hilfe angewiesen. „Aber seinen Humor hat er definitiv nicht verloren“, sagt Übungsleiter Uwe Riemann vom Deutschen Alpenverein (DAV) mit einem Schmunzeln. Und seinen Ehrgeiz ebenfalls nicht. Denn am Samstag, 9. Juni 2018, war Seeger einer der Teilnehmer beim ersten nationalen Paraclimbing-Wettbewerb in den beiden Kletterhallen des Karlsruher DAV in der Waldstadt.

Klettern in verschiedenen Schadensklassen

In mehreren Schadensklassen kämpfen sich Breitensportler und Leistungskletterer durch die einzelnen Routen. „Es ist toll, dass es nun solche Veranstaltungen für Kletterer mit Beeinträchtigungen gibt“, sagt Katrin Fried. Die Sportkletterin aus Ravensburg hat wegen einer genetischen Fehlstellung nur eine Hand und muss deshalb bei schwierigen Routenpassagen regelmäßig übergreifen.

Es sollte mehr solche Wettbewerbe geben

Zwei komplett deformierte Hände hat aufgrund des Baller-Gerold-Syndroms Marcel Richter, der extra aus dem österreichischen Ehrwald zum Klettern in die Fächerstadt gereist ist. „Eigentlich sollte es mehr solche Wettbewerbe geben, denn nur dort lernt man schließlich Kletterer mit körperlichen Beeinträchtigungen kennen“, so Richter.

Tipps und Kniffe vom Szene-Star

Netzwerken genießt beim ersten nationalen Paraclimbing Wettbewerb ohnehin oberste Priorität. Ein Star der Szene ist Melinda Vigh. Das „Postergirl“ der nationalen Paraclimbing-Szene hat ebenso Tipps und Kniffe für die zahlreichen Hobbykletterer parat wie Weltmeister Korbinian Franck.

Außer Franck sind in Karlsruhe acht weitere aktuelle und wahrscheinlich etliche künftige Mitglieder des Nationalteams in Karlsruhe mit am Start. „Solche Wettbewerbe sind die ideale Gelegenheit zum Sichten von neuen Talenten“, sagt Bundestrainer Christoph Reichert. „Denn nur so können wir auf Dauer die besten behinderten Sportkletterer aus den inklusiven Gruppen in den einzelnen Sektionen finden.“

Hoffen auf Paralympics-Status

Bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio gehört Klettern nämlich erstmals zum olympischen Programm ,und bereits 2024 in Paris könnte das Paraclimbing auch in den Reigen der Behindertenweltspiele aufgenommen werden. „Wenn die Sportart bis dahin ein paar echte Aushängeschilder erhält, kann auch der Breitensport davon profitieren“, so Reichert.

Sportart steckt noch in den Kinderschuhen

Noch steckt das Paraclimbing allerdings in den Kinderschuhen, stellt die Behindertensport-Koordinatorin Anine Hell von der Bundesgeschäftsstelle des DAV klar. Vor der Premiere des Karlsruher Wettkampfs gab es in Deutschland nur ein weiteres offenes nationales Kletterevent in München. „Das Interesse an Lehrgängen zum Übungsleiter für behinderte Sportler ist allerdings sehr groß“, sagt Hell. Nun müssten die Inhalte noch durch inklusive Gruppen in die Ortsvereine getragen werden.

Paraclimber
Trotz Handicap bewältigen Paraclimber schwierige Kletterpassagen. | Foto: jodo

Die Karlsruher Sektion des DAV gehört mit ihrem Mix aus inklusivem Breitensport und Wettkampfsport laut Hell mittlerweile zu den Aushängeschildern des Paraclimbing in Deutschland. „Hoffentlich rufen solche Wettkämpfe möglichst bald Nachahmer auf den Plan“, so Hell. Nur so werde in der Öffentlichkeit bekannt, dass Klettern die ideale Sportart für Menschen mit Behinderung ist.

Unsere Erwartungen wurden übertroffen

„Der Zeitaufwand ist natürlich enorm und ohne ein großes Team mit motivierten Mitstreitern hätten wie eine solche Veranstaltung unmöglich stemmen können“, sagt Organisator Uwe Benitz. „Aber es hat sich auf jedem Fall gelohnt, und unsere Erwartungen wurden am Ende sogar übertroffen.“

von Ekart Kinkel