"In diesen Etagen der Muff von 1.000 Tagen": Studierende haben Protestplakate gegen den Umgang mit PCB am KIT-Campus aufgehängt.
"In diesen Etagen der Muff von 1.000 Tagen": Studierende haben Protestplakate gegen den Umgang mit PCB am KIT-Campus aufgehängt. | Foto: pr

Krebserregendes PCB

KIT mit gefährlichem Bauschadstoff belastet – Vizepräsident nimmt Stellung

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Mitarbeiter des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) schreiben einen offenen Brief an den Präsidenten Holger Hanselka, Studenten hängen nachts Protestplakate auf – und in einem Labor-Fachjournal äußern Wissenschaftler harte Kritik an der Uni-Führung: Die Belastung mit giftigen und krebsauslösenden Polychlorierten Biphenylen (PCB) in mehreren Gebäuden der großen Forschungsuniversität und der Umgang des KIT mit dem Problem verärgern ganz offensichtlich Hochschullehrer und Studenten.

Wie die KIT-Führung mit der Kritik umgehen will, darüber sprach KIT-Vizepräsident Michael Ganß, der auch Chef der „PCB-Task-Force“ ist, mit BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger.

Unter Mitarbeitern des KIT rumort es. Haben Sie und die Präsidiumskollegen sich selbstkritisch gefragt, ob Sie das Thema PCB offensiver und sensibler hätten kommunizieren müssen?

Ganß: Eines möchte ich vorneweg klarstellen: Wir haben großes Verständnis dafür, wenn unsere Beschäftigten und Studierenden besorgt sind. Unsere Informationspolitik war hier immer offen. Es gab eine ganze Reihe von Informationsveranstaltungen. Doch der Grat zwischen transparenter Information einerseits und Verunsicherung andererseits ist bekanntlich schmal. Sehr schade ist, dass von Einigen zurzeit gezielt mit Dokumenten und Fakten gearbeitet wird, die nicht stimmen, die veraltet sind.

Ich wundere mich aber, warum uns die Leute nicht intern ansprechen

Die BNN haben mit KIT-Vizepräsident Michael Ganß über die Problematik mit PCB an der Universität gesprochen.
Die BNN haben mit KIT-Vizepräsident Michael Ganß über die Problematik mit PCB an der Universität gesprochen. | Foto: Hora

Wobei die veralteten Zahlen zu 14 PCB-belasteten Gebäuden im KIT-Intranet eingestellt sind. Sind die Seiten zu unübersichtlich?

Ganß: Hier muss man unterscheiden: Auf dem zentralen Intranet-Portal des KIT finden Sie nur aktuelle Meldungen. Was Sie meinen, sind die ausführlichen Informationsseiten zur PCB-Thematik als Service für die Nutzer der Gebäude. Hier sind der Messverlauf und auch Zwischenstände zusammengestellt. Eben weil wir transparent informieren, finden Sie dort auch ältere Dokumente. Die Struktur dieser PCB-Webseite werden wir aber noch nutzerfreundlicher gestalten. Ich wundere mich aber, warum uns die Leute nicht intern ansprechen. Ich habe noch nie nicht darauf reagiert, wenn sich jemand an mich gewandt hat. Es ist keinesfalls so, dass wir erst aktiv werden, wenn etwas in der Presse erscheint.

Es gab ja Verwirrung, da am KIT wechselnd von sieben, acht, elf oder 14 Gebäuden mit nennenswerten PCB-Belastungen die Rede war. Wie kam es dazu – und welche Zahl stimmt?

Ganß: Zunächst gab es ja erhöhte Werte in den Pavillons am Schloss. Aufgrund von sommerlichen Messungen hat das KIT die Gebäude damals im Sinne der Fürsorge und aufgrund eigener Initiative geräumt. Anderslautende Aussagen eines anonymen Autors in oben besagten Fachjournal sind übrigens nachweislich falsch. Die Räumung der Gebäude geschah auf Kosten des KIT. Wir zahlen heute noch die Mieten für die Ausweichquartiere. Danach haben wir wiederum aus Fürsorge für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unsere Studierenden aktiv ein Screening für den Campus Süd veranlasst, bei dem dann zunächst 14 Verdachtsgebäude herauskamen. Bei weiteren Messungen sind sechs Gebäude jedoch wieder herausgefallen, da keine erhöhten Raumwerte vorliegen – also blieben acht Gebäude übrig, bei denen die PCB-Messwerte leicht, teilweise nur vereinzelt über dem Vorsorgewert liegen. Die Messergebnisse liegen weit unter dem Interventionswert, niemand muss aus den Räumen ausziehen.

Wo sind die Belastungen am höchsten?

Ganß: In den Chemie- und Physik-Flachbauten lagen neben den Gesamt-PCB-Werten auch die Werte des dioxinähnlichen PCB 118 etwas über dem Richtwert. Deshalb wurden die Gebäude rot kategorisiert. Wir haben umgehend in Aushängen über die Belastung informiert. Wir haben auch Empfehlungen zum systematischen Lüften und zusätzlichen Staubreinigen herausgegeben, wie es die einschlägigen PCB-Richtlinien vorschreiben, um so die PCB-Belastung in den Räumen zu senken.

Manche Mitarbeiter bezeichnen diese Empfehlungen als nicht praktikabel: Manche Labore dürften gar nicht gelüftet werden, manche Räume seien so hoch, dass man gar nicht überall regelmäßig putzen könne …

Ganß: Chemische und biologische Labore sind in der Regel immer technisch belüftet. Im Physikhochhaus haben wir eine Sondersituation; hier können die Fenster nur gekippt werden. Ob das derzeitige vorsorglich praktizierte Lüftungsintervall ausreicht oder noch verlängert werden muss, wird aktuell durch Raumluftmessungen überprüft. Diese Ergebnisse werden bei der Entscheidung berücksichtigt, ob künftig eine Dauerbelüftung oder ein anderes Lüftungsmanagement erforderlich sein wird.

Nein, es wurde nicht bei offenem Fenster gemessen

Mitarbeiter des KIT beunruhigt vor allem, dass PCB bei hohen Temperaturen „ausdampfen“ und die Büros im Hochsommer oft eine Raumtemperatur von 30 Grad erreichen. Gemessen wurde bisher aber fast nur bei kühlen Temperaturen – und angeblich zum Teil bei geöffneten Fenstern. Was sagen Sie dazu?

Ganß: Nein, es wurde nicht bei offenem Fenster gemessen. Dem Eindruck, das KIT messe nur an kalten Tagen und lüfte dabei auch noch, muss ich entschieden entgegentreten. Für die Messungen ist Vermögen und Bau Baden-Württemberg (VBA) verantwortlich, da die Gebäude dem Land gehören, und das Amt vergibt auch die Aufträge. Das VBA macht keine Wild-West-Messungen. Da wird sorgfältig gemessen, das ist ein strukturierter Prozess, so wie dies in den PCB-Richtlinien vorgeschrieben und empfohlen ist.

Wird es nun auch systematische Messungen bei Hochsommertemperaturen geben?

Ganß: Es wird gerade eine neue Kampagne mit einhundert Messungen vorbereitet. Aber nicht, weil es Sommer ist, sondern weil wir regelmäßig messen. Wie gesagt ist hier aber das VBA zuständig.

Wir orientieren uns an der PCB-Richtlinie

Für Unruhe hat vor allem der Hinweis gesorgt, dass sich Schwangere nicht unnötig lange in den Gebäuden aufhalten sollen. Zugleich beteuert das KIT, es bestehe keine Gesundheitsgefahr. Wie kommen Sie zu der Aussage? Haben Sie auch hauseigene Wissenschaftler, die das Risiko einschätzen?

Ganß: Wir orientieren uns an der PCB-Richtlinie, an der Arbeitsstättenverordnung – und an den Empfehlungen der sogenannten MAK-Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe. Vorsitzende der Kommission ist unsere Professorin Andrea Hartwig, eine Chemikerin und Toxikologin.

Es soll mehrere Fälle am KIT geben, in denen schwangere Frauen und auch ihre Vorgesetzten überhaupt nichts von den PCB-Belastungen in ihren Büros und Laboren wussten. Wurden nicht alle Abteilungen informiert?

Ganß: Wir haben alle Institutsleiter angeschrieben. Wir haben Aushänge gemacht. Wir bieten aktiv Blutuntersuchungen und individuelle Beratungen an, denn es sind neben der Raumluft auch andere Faktoren für die PCB-Konzentration im Körper verantwortlich. PCB wird nicht nur über die Luft und über die Haut, sondern zu einem Großteil über die Nahrung aufgenommen.

Die Studierenden werden von den Professorinnen und Professoren betreut

Es gab keine Rund-Mails an die Fachschaften. Warum hat das KIT die Studenten nicht einbezogen?

Ganß: Die Studierenden werden von den Professorinnen und Professoren betreut. Die Dozenten wurden informiert und sollen in den Veranstaltungen auf das Thema hinweisen.

Auch schwangere Studentinnen – und gebärfähige Frauen generell – gehören zu den besonders Schutzbedürftigen in Sachen PCB-Vorsorge. Dozenten wurde angeblich von KIT-Beauftragten empfohlen, sie sollten schwanger aussehende Studentinnen direkt ansprechen. Da fürchten einige aber die Fettnäpfchen-Gefahr. War das ein kluger Rat?

Ganß: Ich kenne diesen Rat nicht. Wir haben hier 25.000 Studierende und 9.300 Mitarbeitende, wir können beim besten Willen nicht alle steuern. Aber solchen Hinweisen gehen wir nach. Bei Studierenden ist es zugegebenermaßen etwas komplizierter. Woher sollen wir wissen, wer schwanger ist? Und wir wissen auch nicht, wie lange sich jede Studentin in welchen Gebäuden aufhält. Aber jeder kann sich jederzeit an unsere Arbeitsmedizin und die Sicherheitsbeauftragten wenden und beraten lassen – nicht nur Schwangere, auch Männer. Man kann die Informationspolitik natürlich immer noch besser machen, aber unser Angebot ist bereits jetzt vergleichsweise gut. Wir prüfen, wie wir an der einen oder anderen Stelle noch nachschärfen können. Deshalb wollen wir auch die bestehende PCB-Task-Force auch zu einer regelmäßige Kommunikationsplattform erweitern.

Angesichts der Messwerte müsste niemand umziehen

Versetzen Sie schwangere Mitarbeiterinnen aus den schadstoffbelasteten Bauten inzwischen automatisch in andere Büros?

Ganß: Nein, das machen wir nicht generell. Angesichts der Messwerte müsste niemand umziehen, denn ausschlaggebend ist die Gesamt-PCB-Belastung im Körper, und die kommt zu einem Großteil über die Nahrung herein. Daher bieten wir allen eine individuelle Beratung und auch Blutproben-Analysen an. Die Umzugsfrage fällt unter die Fürsorge der Vorgesetzten. Normalerweise regeln die Institute das für sich und bieten gegebenenfalls Ausweichbüros an. Wird keine Lösung gefunden, unterstützen wir sie dabei. Da unser Flächenmanagement personell stark belastet ist, geht das nur nicht immer ganz so schnell, wie man sich das vielleicht wünschen würde.

Auf dem Campus Nord, dem ehemaligen Forschungszentrum, stehen auch viele Gebäude aus den 60er und 70er Jahren. Welche Erkenntnisse haben Sie dort über PCB-Belastungen?

Ganß: Für den Campus Nord ist die flächendeckende Untersuchung vorbereitet und die Ausschreibung wird in Kürze veröffentlicht.

Die Bauherreneigenschaft ist weiterhin Ziel des KIT

Wann etwa können die Messungen dort beginnen?

Ganß: Unser Ziel ist es, zügig damit zu beginnen. Aber das hängt vom Ausschreibungsergebnis ab. Wir erleben inzwischen häufiger, dass sich wenige oder gar keine Fachfirmen auf Ausschreibungen melden.

Es war das erklärte Ziel des KIT, alle Gebäude vom Staat zu übernehmen. Allein nach den Messungen an der Uni ist klar, dass Sie sich eine gewaltige Last aufhalsen würden. Verzichtet das KIT da lieber auf die Bauherreneigenschaft?

Ganß: Die Bauherreneigenschaft ist weiterhin Ziel des KIT. Aber falls es dazu kommt – dazu braucht es zunächst die Bereitschaft des Landes –, dann wird man darüber reden müssen, wie die Finanzierung bei der Gebäudeübernahme aussehen würde.