Der Karlsruher ZKM-Chef Peter Weibel ist ein digitaler Vordenker.
Der Karlsruher ZKM-Chef Peter Weibel ist ein digitaler Vordenker. | Foto: Fabry

ZKM-Chef im Porträt

Peter Weibel – ein digitaler Vordenker mit Wissenshunger

Als Apple-Visionär Steve Jobs und Microsoft-Boss Bill Gates Mitte der 1970er-Jahre die Grundsteine für die heutigen Weltkonzerne legten, war auch Peter Weibel schon tief in die digitalen Welten eingetaucht. „Leider habe ich damals nicht in einer Garage Computer zusammengebastelt, sondern mich mit den mathematischen Formeln beschäftigt“, sagt der Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) augenzwinkernd, „sonst wäre ich heute kein Theoretiker sondern Milliardär.“ Als Beweis für seine damalige Tätigkeit bringt er zu dem BNN-Gespräch ein von ihm herausgegebenes Buch mit, das sich mit den „Studien zur Theorie der Automaten“ von Claude Shannon beschäftigte, dem Begründer der Informationstechnologie.

Frühe Ausrichtung: ZKM-Chef Peter Weibel hat sich schon im Jahr 1974 als Co-Autor mit der Informationstechnologie beschäftigt. | Foto: Haendle

Weibel nimmt auf eine intellektuelle Zeitreise mit

Wer mit Peter Weibel über die Digitalisierung diskutiert, darf sich auf eine intellektuelle Zeitreise der Sonderklasse freuen – von Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz über den Karlsruher Physik-Pionier Heinrich Hertz bis hin zum deutschen Computer-Genie Konrad Zuse. Der 73-jährige Künstler und Medienwissenschaftler begründet mit österreichischem Dialekt und oft in rasanter Stenografie-Geschwindigkeit, warum die Digitalisierung eine „viel größere Erfindung als der Buchdruck ist“.

Visionär kann die Angst vieler Menschen nachvollziehen

Bei diesem Thema ist der „Polyartist, Kunst- und Medienkurator“ (Selbstbezeichnung) ganz in seinem Element. Visionär Weibel kann zwar die Angst vieler Menschen vor den digitalen Herausforderungen („ist der Algorithmus mein Feind oder Freund?“) nachvollziehen, doch aus diesem Verständnis entwickelt er eine klare politische Forderung: „Wir müssen diese neue Kulturtechnik lernen, unsere Lehrpläne und Schulsysteme umstellen“, sagt der ebenso wissenshungrige wie sympathische Querdenker und hebt mahnend den Zeigefinger: „Länder, die das nicht können, werden auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig sein.“ Peter Weibel macht keinen Hehl daraus, dass er beispielsweise die Banken und die Automobilindustrie als digitale Nachzügler betrachtet, die den Anschluss verloren haben.

Dass der ZKM-Chef in der Rangliste der digitalen Köpfe in der Region ganz vorne landet, liegt auch an seiner Biografie. Nach der Geburt am 5. März 1944 in Odessa auf der Krim wuchs er als Sohn einer alleinerziehenden „Stiegenputzerin in „unvorstellbarer Armut“ in Österreich auf. Materieller Besitz bedeutet ihm bis heute nichts, dafür entwickelte er bereits in frühen Jahren einen Bildungshunger, der bis heute sein Markenzeichen geblieben ist. Der keineswegs bescheidene Hansdampf in vielen Gassen unterhält sein Publikum nicht einfach mit schnell dahingeworfenen Theorien – nein, er kann sie alle überzeugend unterfüttern.

Auch deshalb, weil er schon auf sehr vielen Feldern geackert hat: als Aktionskünstler, als Schauspieler, als Hochschullehrer oder als Museumskurator. Dabei bürstet er gerne gegen den Strich, um seine Umgebung zum Nachdenken zu bewegen. Wie bei seiner nächsten Ausstellung, die am Freitag eröffnet wird und sich mit dem „Leben in digitalen Welten“ beschäftigt. Damit überhaupt Publikum kommt, verwandelt der Visionär das ZKM in einen digitalen Club Méditerranée – „eine Mischung aus Lounge und Labor“ mit bequemen Vitra-Designmöbeln, kostenlosen Getränken und freiem Eintritt. „Die Welt wird schwierig, aber man muss sie verstehen und bewohnen“, begründet Weibel das ungewöhnliche Konzept, das er gegen den Widerstand der eigenen Mitarbeiter durchgesetzt hat – was ihn übrigens diebisch freut, typisch Weibel!


Der Schreibtisch des ZKM-Chefs, der auch Apps entwickelt, bricht unter Bücherbergen fast zusammen – ist das nicht ein Widerspruch? Nein, lautet seine Antwort, er sei Bewohner zweier Welten: „Ich fühle mich in der Gutenberg-Galaxie zu Hause, habe aber mehr Vertrauen in die digitale Welt.“ Diesen dialektischen Ansatz will er auch umsetzen, wenn in zwei Jahren sein Vertrag als ZKM-Vorstand nach zwanzigjähriger Tätigkeit ausläuft. Dann will sich Weibel als Alterssitz auf einem bereits gekauften Grundstück in Wien einen zwölfstöckigen Bücherturm aus See-Containern bauen, den er bewohnt und in dem seine Bibliothek untergebracht wird. „Die Bücher sind schon alle digitalisiert, ich weiß dann genau, wo sie stehen“, sagt er zu seinem Unruhestandsplan. Warum er ihn nicht in Karlsruhe verwirklicht? „Die Wiener waren schneller und haben mir ein Grundstück angeboten.“

Die von Peter Weibel kuratierte Ausstellung „Open Codes. Leben in digitalen Welten“ wird am Donnerstag, 19. Oktober, um 19 Uhr im ZKM eröffnet. Bei freiem Eintritt, bequemen Sitzmöbeln und kostenlosen Getränken ist die neuartige Museums-Lounge noch bis August 2018 erlebbar.