Nur 19 Prozent aller Radfahrer schützen ihren Kopf mit einem Helm. Dabei bieten Fahrradhelme heutzutage idealen Tragekomfort. Sie sind leicht, luftdurchlässig und an jede Kopfform angepasst.
Über 90 Prozent aller Handybesitzer in Deutschland schützen ihr Handy mit einer Hülle, aber nur 19 Prozent aller Radler schützen ihren Kopf mit einem Fahrradhelm. Dabei bieten Fahrradhelme heutzutage idealen Tragekomfort. Sie sind leicht, luftdurchlässig und an jede Kopfform angepasst. | Foto: @ goodluz / Adobe Stock

Das Gehirn verzeiht nichts

Plädoyer für den Fahrradhelm: „Der Mensch hat keine Knautschzone“

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Von Cindy Boden
Ein Fahrradhelm sei hässlich, unpraktisch und zerstöre die Frisur – Vorteile, die von Radlern ohne Helm immer wieder zu hören sind. Doch sie sind lebenswichtig, findet Uwe Spetzger, Klinikdirektor der Neurochirurgischen Klinik in Karlsruhe. „Die Menschen haben keine Knautschzone“, sagt er. Ein Beinbruch könne wieder verheilen, aber Schäden am Gehirn nur schwer. „Das verzeiht einfach nichts.“

2017 registrierte die Polizei in Karlsruhe 624 Unfälle mit Fahrrädern

Im Stadtgebiet Karlsruhe gab es nach Angaben des Polizeipräsidiums im vergangenen Jahr 624 Unfälle mit Fahrrädern. Diese Zahl liegt unter der des Vorjahres. Von den betroffenen Radfahrern verunglückten fünf tödlich. Angaben, ob diese Unfälle mit oder ohne Helm geschahen, machte die Polizei an dieser Stelle nicht. Aber immer wieder sind in Polizeimeldungen Bemerkungen zu finden wie: „Nur leichte Verletzungen, sehr wahrscheinlich, weil die Person einen Helm trug“ oder „der getragene Fahrradhelm verhinderte möglicherweise Schlimmeres“.

Für jede Kopfform gibt es einen Fahrradhelm

Einen Fahrradhelm zu tragen ist in Deutschland keine Pflicht. Aber: „Es gibt aus meiner Sicht keine Ausreden“, meint Wolfgang Ott, stellvertretender Referent im Verkehrsbereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe. Aussagen, die Frisur sähe nach dem Tragen nicht mehr so schön aus, haben für ihn nur etwas mit Eitelkeit zu tun. Stattdessen seien heute viele verschiedene Hersteller, Formen sowie Belüftungsgrade auf dem Markt. „Es gibt keine Kopfform, für den es keinen Deckel gibt“, sagt Ott.

Bei Pedelecs kommt die hohe Geschwindigkeit hinzu

In der Polizeistatistik ist auch die Rede von Pedelecs – also von E-Bikes beziehungsweise Elektrofahrrädern, die den Fahrer mit einem Elektroantrieb unterstützen. 2017 waren in Karlsruhe 24 dieser Räder an Unfällen beteiligt – ein Anteil von 3,8 Prozent. Klinikdirektor Uwe Spetzger sieht in diesem Gebiet jedoch einen ersten Trend, da werde wahrscheinlich etwas kommen. „Ein E-Bike ohne Helm zu fahren ist grob fahrlässig“, sagt der Arzt. Er könne durch seine Polsterung das Verletzungsrisiko bei einem Unfall minimieren. Besonders die hohe Geschwindigkeit, die diese Fahrräder erreichen, könne Probleme bereiten.
Wolfgang Ott ergänzt, dass die Geschwindigkeit am Ende nicht das größte Problem sei. Wenn eine Person ungeschützt mit der Schläfe auf dem Bordstein auftreffe, sei dies so oder so schlimm. Er selbst habe bereits einen solchen Unfall erlebt – der Helm habe ihn gerettet. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich ohne Schutz auf die Schläfe gefallen wäre.“

Der Fahrradhelm reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Schädelbruchs

Wenn ein Radfahrer bei einem Unfall mit dem Helm aufschlägt, dient der Schaumstoff des Helmes als Knautschzone. Dadurch wird die Energie, die sonst auf den Schädel und das Gehirn wirkt, vom Helm aufgenommen. Dadurch sinke zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit eines Schädelbruchs, beschreibt die Internetseite fahrradhelme.org. Dabei sei es jedoch auch wichtig, dass der Kopfschutz richtig sitzt. Er dürfe nicht zu weit in den Nacken oder die Stirn rutschen, die Riemen sollten nicht auf das Ohr oder die Halsschlagader drücken. Nach einem Unfall blieben oft Verformungen am Helm, weshalb man ihn nicht mehr benutzen sollte.

Manche fürchten, das Fahrrad könne durch eine Helmpflicht an Akzeptanz verlieren

Das Thema Helmpflicht bringt in Deutschland trotz des dadurch höheren Schutzes Kritiker hervor. Internationale Untersuchungen aus Ländern mit einer solchen Regelung wie Finnland, Schweden oder Australien, zeigen laut der genannten Seite, dass Fahrräder dort seltener genutzt werden. Diese Auswirkung ist, nicht zuletzt der Gesundheit wegen, unerwünscht. Stattdessen müsse sich weiter die Vernunft durchsetzen, meint Ott.

Nur 19 Prozent schützen ihren Kopf

Den Helm stärker ins Bewusstsein der Menschen zu rufen, versucht auch die Kampagne „Ich trag Helm“. Auf ihrer Internetseite wollen sie die Radfahrer mit Zahlen wachrütteln: 91 Prozent der Handynutzer würden ihr Telefon mit einer Hülle schützen, aber nur 19 Prozent aller Radfahrer schützten ihren Kopf mit einem Helm.

Kinder radlen mit guten Beispiel voran

Diese geringere Zahl der Fahrradfahrer mit Helm ermittelte auch die Bundesanstalt für Straßenverkehrswesen für das Jahr 2017 über alle Altersgruppen hinweg. Dennoch ist im Vergleich über die Jahre seit 2000 ein steigender Trend in der Helmnutzung erkennbar. Dabei gehen die Kinder zwischen sechs und zehn Jahren mit gutem Beispiel voran: Der Bundesanstalt zufolge trugen vergangenes Jahr 72 Prozent der Kinder einen Helm – ermittelt durch Studienergebnisse, die auf alle Radnutzer hochgerechnet wurden.

ADAC empfiehlt eine Probefahrt mit Fahrradhelm

Der ADAC beruhigt die Personen, die sich demnächst einen Helm kaufen möchten. Ein guter Helm müsse nicht teuer sein, wie ein Test von 15 verschiedenen Modellen ergab. Mittlerweile gebe es auch Mechanismen, die es ermöglichen, den Helm platzsparend zusammenzuklappen. Hierbei sollte jedoch darauf geachtet werden, dass in der Handhabung und dem Unfallschutz keine Abstriche gemacht wurden.
„Der ADAC empfiehlt vor dem Helmkauf, das Produkt einige Minuten zu tragen. Falls möglich, sollte auch eine Probefahrt mit dem Helm gemacht werden“, sagt Unternehmenssprecher Christian Buric.

Bürgermeister Klaus Stapf träft (fast) immer einen Helm

Welche Gefahren beim Fahren ohne Helm entstehen, weiß auch der Karlsruher Bürgermeister Klaus Stapf (Grüne). Er versuche so oft wie möglich das Rad zur Arbeit zu nehmen. „Dabei trage ich einen Fahrradhelm. Bei einigen dienstlichen Fahrten in der Innenstadt bin ich leider und zugegebenermaßen nicht immer so konsequent.“ Aber ihm sei bewusst, dass bei Helmträgern das Risiko für schwere Hirntraumata oder auch für den tödlichen Ausgang des Unfalls deutlich geringer sei und Verletzungen am Kopf gemindert werden.