Nichts zu rütteln gibt es am Schutzstatus der Mauereidechsen. Finden sich bei der artenschutzrechtlichen Überprüfung für Planungen – auch für private Bauvorhaben – Mauereidechsen, muss gehandelt werden. | Foto: Boris Roessler/dpa

Aufwand für Mauereidechsen

„Platzhalter“ für andere Arten

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Das kann man drehen und wenden, wie man will, am Ergebnis ändert es nichts: Die Mauereidechse gilt laut der EU-weit gültigen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie als eine „streng zu schützende Art“. Nicht erst seit Stuttgart 21 findet sich diese Eidechsenart immer wieder in den Schlagzeilen. Auch im Landkreis und in der Stadt Karlsruhe sorgt das kleine Reptil für Diskussionsstoff. Beispiel Ettlingen: Im Zuge des Neubaus der Tribüne im Albgaustadion muss das Tier umgesiedelt werden. Rund ums Thema Mauereidechse sprach BNN-Mitarbeiter Klaus Müller mit Vertretern der Behörden, mit dem Nabu (Naturschutzbund), mit einem Fachbüro und mit einem Fachgutachter.

Am Schutzstatus ist nicht zu rütteln

Am Schutzstatus der Mauereidechse gibt es nicht zu rütteln. Die gesetzlichen Vorgaben haben auch ihre Gültigkeit für Regionen, zum Beispiel der Stadt- und Landkreis Karlsruhe (wie überhaupt Süddeutschland), in denen die Mauereidechsen-Population hoch ist. Ausnahmeregelungen, betonte Jörg Menzel, Leiter des Dezernates Umwelt und Technik im Landratsamt, gebe es keine. Grundlage für die Bewertungen seines Amtes als untere Naturschutzbehörde sei das entsprechende Artenschutzgesetz. Viel Spielraum ließen die artenschutzrechtlichen Vorgaben ohnehin nicht zu, ergänzt der Ettlinger Bürgermeister Moritz Heidecker. Allein schon deswegen sollte bei Planungen – das gelte ebenso für private Bauvorhaben – der Artenschutz rechtzeitig einbezogen werden.

Vorsicht Mauereidechse

Finden sich bei einer artenschutzrechtlichen Überprüfung Mauereidechsen, muss gehandelt werden. Ziel sei es, so Menzel, ein „artenschutzfreies Baugebiet“ einzurichten. Mit dem Prozedere wird üblicherweise ein externes Fachbüro beauftragt. Im Falle von Ettlingen ist es das Karlsruher Büro „Aland – Ingenieure und Ökologen für Wasser und Umwelt“. Das Büro kümmert sich federführend um die Gutachten rund um den Artenschutz. Unter Umständen, abhängig von der Jahreszeit und den schützenswerten Tieren, kann der artenschutzrechtliche Ablauf sich über Monate erstrecken.

Dazu gehört zunächst die quantitative Erfassung der Tiere. Bei der Mauereidechse gelten unterschiedliche Zählfaktoren, darin einbezogen Größe des bisherigen Lebensraums sowie Sichtungsmöglichkeiten. Um fünf gezählte Mauereidechsen geht es in Ettlingen, die dann laut Menzel mit dem Faktor Vier multipliziert werden.

Umsiedeln oder Vergrämen?

Am Besten wäre es natürlich, wenn man die Tiere vergrämen könnte, sagt Fachgutachter Carsten Weber. Seine Aufgabe ist es unter anderem, die Eidechsen auf unterschiedliche Art und Weise einzufangen. Das Reptil wird beim Vergrämen gezielt aus seinem bisherigen Lebensraum in einen neuen, direkt angrenzenden Lebensraum behutsam „getrieben“.

Aufwendiger wird es beim Umsiedeln. „Dafür muss man die Tiere eingefangen“, so Weber. Zudem muss für sie ein neuer, äquivalenter (Ersatz-)Lebensraum geschaffen werden. Nicht immer zufrieden ist der Nabu mit solchen neuen Lebensräumen. In diesem Zusammenhang erwähnt Artur Bossert, stellvertretender Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Karlsruhe, ein „eher schlechtes Beispiel“ in der Fächerstadt. Dort sei für Mauereidechsen ein Ersatzlebensraum nahe der Vogesenbrücke eingerichtet worden. Das betreffende Areal ist laut Bossert allerdings von Straßen umgeben. Es gebe keine Möglichkeit der Ab- oder Zuwanderung.

Insgesamt aber attestiert der Nabu-Mann mit Blick auf den Artenschutz den zuständigen Behörden – die haben meistens das letzte Wort – im Landkreis und in der Stadt eine „ordentliche Arbeit“.

Kopfschütteln über Schlagzeilen

Für viel Stimmung gegen die Sinnhaftigkeit solcher Vergrämungs- und Umsiedlungsaktionen sorgen Schlagzeilen wie, Millionenbetrag für Umsiedelung oder bis zu 5 000 Euro werden pro Mauereidechse fällig. Solchen Meldungen begegnen sogar die Behörden bisweilen mit Kopfschütteln. Man müsse dabei das Gesamte sehen, meint Menzel. Die Kostenangaben würden sich auf das Gesamtpaket Artenschutz beziehen – darin eingeschlossen Planungen, Gutachter und vieles mehr.

Kritik übt Fachgutachter Weber aber auch an all denjenigen, die den Artenschutz, dessen verbindliche Vorgaben, für ihre Zwecke ausnutzten. Da werde oftmals der Artenschutz für die eigenen Zwecke, zum Beispiel weil man gegen eine Bebauung (vor der eigenen Haustür) sei, vorgeschoben.

Dann gibt es aber auch diejenigen, die den Artenschutz in seiner Bannbreite mehr oder weniger verdammen, ihn lächerlich machen: „Mauereidechsen sind wichtiger als die Belange von Menschen“, heißt es da schon mal. Eins freilich, mahnt nicht nur Weber, sollte man dabei nicht vergessen: Schütze man eine Art, wirke sich das positiv auf andere Arten aus, die dadurch ebenfalls geschützt würden. So gesehen sei ein spezieller Schutz eine Art Platzhalter für das Gesamte.

 

Klaus Müller