Kein Ausweg in Sicht: Suizidgedanken können viele Ursachen haben. Oft sind Gespräche der erste wichtige Schritt, um damit umzugehen.
Kein Ausweg in Sicht: Suizidgedanken können viele Ursachen haben. Oft sind Gespräche der erste wichtige Schritt, um damit umzugehen. | Foto: Oliver Berg/dpa

In einer Lebenskrise

Plötzlich fehlt der Lebensmut: Student erzählt von seinen Suizidgedanken

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Die Panikattacke trifft Christian Greif (Name von der Redaktion geändert) im August 2019 völlig unerwartet. Von einem auf den anderen Tag gerät die Welt des 21-jährigen Studenten aus den Fugen. Der fröhliche junge Mann, der sich gerne mit Freunden trifft und sein Leben genießt, fällt plötzlich in ein tiefes Loch. Seine Gedanken kreisen um Selbstmord.

Einige Zeit versucht Greif, das alles zu verheimlichen. Er fürchtet eine Stigmatisierung. Erst als ihn seine Mutter Anfang November auf die oft schlechte Laune anspricht, bricht es aus ihm heraus. Die Familie ermutigt ihn, zum Arzt zu gehen, sich Hilfe zu suchen. „Es war lebensrettend, darüber zu reden“, sagt der heute 22-Jährige im Rückblick.

Es war lebensrettend, darüber zu reden.

Christian Greif

Greifs Hausarzt diagnostiziert eine mittelschwere Depression, verschreibt ihm Medikamente. Zunächst fällt es ihm dennoch schwer, die Krankheit zu akzeptieren. „Ich dachte, ich bin bekloppt“, erzählt er. Es sei schließlich etwas anderes, ob man auf Krücken über den Campus humple oder im Kopf krank sei.

Das erste Licht am Ende des Tunnels sieht der Student, als er im Dezember Dorothea Manz in den Beratungsräumen des Karlsruher Vereins Arbeitskreis Leben (AKL) gegenüber sitzt. „Da habe ich begriffen, dass die Suizidgedanken ein Symptom meiner Depression sind. Und dass ich nicht schuld an der Krankheit bin“, sagt er.

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Das Leben im eigenen Kopf wird unaushaltbar

Fast 200 Betroffene, Angehörige oder Hinterbliebene begleitete der AKL im vergangenen Jahr durch Lebenskrisen. „Den wichtigsten Schritt haben sie dann ja schon hinter sich“, sagt Manz. „Sie sind zu uns gekommen und haben verstanden, dass sie Hilfe brauchen.“

Dass diese Erkenntnis wie bei Christian Greif erst reifen muss, ist völlig normal. „Viele plagen sich schon länger mit Suizidgedanken, bevor sie zu uns kommen. Aber die wenigsten wollen tot sein“, erklärt sie. „Sie können nur ihre Situation nicht ertragen wie sie ist.“

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Nach diesem Muster beschreibt auch Greif seine schwierigsten Monate. Er habe gefühlt unter einer erdrückenden Wolke der Hoffnungslosigkeit gelebt. Im eigenen Kopf sei es unaushaltbar gewesen. „Ich habe gespürt, dass irgendetwas in mir ist, das nicht mehr leben will. Aber das war nicht ich. Ich wollte leben.“

Je intensiver sich der Student ab Dezember mit seiner Krankheit auseinandersetzt, desto mutiger wird er. Greif öffnet sich Freunden, führt viele Gespräche. Keiner wendet sich ab, im Gegenteil. „Alle hatten Verständnis. Teilweise haben sie sogar von eigenen Problemen erzählt“, sagt er. „Das war wahnsinnig wichtig für mich. Bis heute fällt es mir schwer, alleine zu sein.“

Kontakte sind in Krisensituationen essenziell

Kontakte zu Familie und Freunden sind für Menschen in Krisensituationen essenziell, bestätigt Manz. „Der Austausch gibt Stärke und Zuversicht.“ Gerade deshalb macht sich die Beraterin derzeit Sorgen um einige ihrer Klienten, die durch die Corona-Krise noch stärker isoliert sind als sie es ohnehin schon waren.

„Diejenigen, denen es vorher echt schlecht ging, trifft das am härtesten“, so Manz. Wer wenige Kontakte hatte, hat seit Mitte März noch weniger, ist sie überzeugt. Telefongespräche oder Chats könnten den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. „Die Betroffenen sind wie ausgebremst“, sagt sie.

Ab dieser Woche setzt der AKL daher auch wieder auf Einzelgespräche mit entsprechenden Schutzmaßnahmen.

Corona-Krise könnte sich mit Verzug bemerkbar machen

Größer ist die Nachfrage nach Hilfe durch die Corona-Krise derzeit noch nicht geworden – das könnte sich mit zeitlichem Verzug allerdings ändern. „Wo aktuell Belastungen wie ein Jobverlust entstehen, müssen sich die Menschen erst mal um anderes kümmern“, mutmaßt Cordula Sailer. „Um die Psyche kümmert man sich später.“

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Ein bis maximal fünf Anrufe gehen derzeit bei der eigens eingerichteten psychosozialen Hotline der Stadt ein, so die Leiterin der städtischen Beratungsstellen. Auch die Angebote verschiedener Träger melden nicht mehr Anrufe als sonst. „Wir sind aber darauf vorbereitet, falls sich das ändert“, sagt AKL-Beraterin Manz.

Ich habe gelernt, mit den Suizidgedanken zu leben.

Christian Greif

Christian Greif war im März zu seinem letzten Gespräch beim AKL. Vor einiger Zeit hat er eine Verhaltenstherapie begonnen, die ihm durch schlechte Tage helfen soll. Die Depression hat er weitestgehend überwunden, viele Ängste sind aber noch da.

„Ich habe gelernt, mit den Suizidgedanken zu leben“, erzählt Greif. „Ich bin sicher: kein Depressiver will wirklich sterben.“ Aus der Krankheit versucht der 22-Jährige noch etwas Positives mitzunehmen. Er traue sich heute mehr, über seine Gedanken und Gefühle zu sprechen. „Ich will mich nicht verstecken, muss keine Maske mehr aufsetzen“, sagt er schmunzelnd.

Hilfsangebote

In Karlsruhe bieten verschiedene Organisationen Hilfe in Lebenskrisen an. Eine umfangreiche Auflistung findet sich unter karlsruhe.de im Bereich „Leben und Arbeit/Soziales“ unter dem Stichwort „Rat und Hilfe in allen Lebenslagen“.

Der Arbeitskreis Leben ist telefonisch unter (07 21) 81 14 24 zu erreichen. Die Psychosoziale Hotline ist von Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 16 Uhr unter (07 21) 133 13 13 geschaltet.

Hinweis der Redaktion
Die Badischen Neuesten Nachrichten berichten nicht über Suizide. Grund dafür ist, dass die Berichterstattung über Selbsttötungen erwiesenermaßen zu vielen Nachahmern führen kann. Ausnahmen werden nur gemacht, wenn ein Fall durch bestimmte Umstände besonders relevant ist. Sollten Sie selbst Probleme haben oder über Suizid nachdenken, gibt es in Deutschland 104 Seelsorgestellen, die jederzeit eine anonyme Beratung anbieten. Die kostenlosen Rufnummern lauten 0800 – 1110111 oder 0800 – 1110222. In Karlsruhe bieten zudem der Kriseninterventionsdienst K.i.D. (0721 – 830 36 47) und der Arbeitskreis Leben Karlsruhe (0721 – 811424) Hilfe und Beratung an.