"Postfaktisch" ist das Wort des Jahres in Deutschland. | Foto: dpa

Das Wort des Jahres

„Postfaktisch“ siegte vor „Brexit“ und „Silvesternacht“

1990 waren es „die neuen Bundesländer“, 1991 der „Besserwessi“ und 1992 die „Politikverdrossenheit“. Das „Wort des Jahres“, das die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) seit 1971 regelmäßig kürt, ist immer auch ein Stück Zeitgeschichte. Man denke nur an 1980 („Rasterfahndung“), 1986 („Tschernobyl“) oder 2001 („der 11. September“). Für die Auswahl des jeweiligen Wortes ist nach Auskunft der GfdS nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität entscheidend. Die Liste treffe den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stelle auf ihre Weise einen Beitrag zur Zeitgeschichte dar, erklären die Sprachwächter aus Wiesbaden.

„Postfaktisch“ trifft den Nerv

Vor diesem Hintergrund mutet es ein wenig seltsam an, dass in diesem Jahr weder der „Brexit“ noch das „Burkiniverbot“, geschweige denn irgendetwas mit „Trump“ oder „Horrorclown“ zum „Wort des Jahres“ gekürt wurde, sondern der reichlich trockene Begriff „postfaktisch“. „Post was?“, mag sich da der eine oder andere fragen, dem dieses Wort zum ersten Mal begegnet.

Emotionen statt Fakten

In politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten, erklärte die Jury. Immer größere Bevölkerungsschichten seien aus Widerwillen gegen „die da oben“ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Ein bisschen bekannt geworden war der Begriff „postfaktisch“ durch eine Äußerung von Angela Merkel nach der Berlin-Wahl im September. „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten“, sagte die Kanzlerin damals und meinte damit: „Die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“ Übrigens hatte es „postfaktisch“ vor kurzem in der englischen Übersetzung „post-truth“ schon zum „International Word of the Year“ 2016 gebracht.

Österreich mit Humor

Ein bisschen mehr Glanz als das deutsche oder internationale „Wort des Jahres“ hat – das muss man neidlos anerkennen – das österreichische „Wort des Jahres“. Es heißt „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ und ist, so
die „Forschungsstelle Österreichisches Deutsch“ in Graz, „Sinnbild und ironischer Kommentar für die politischen Ereignisse dieses Jahres“. Gott sei Dank wurde in Österreich nur ein Präsident gewählt und kein Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän.

"Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung" ist das "Wort des Jahres" in Österreich.
„Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ ist das „Wort des Jahres“ in Österreich. | Foto: dpa

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