Der Angeklagte umringt von seinen vier Verteidigern: Wolfgang Zeitler (links) und Gottfried Reims sowie stehend Bernd Engler (links) und Tomislav Duzel
Der Angeklagte umringt von seinen vier Verteidigern: Wolfgang Zeitler (links) und Gottfried Reims sowie stehend Bernd Engler (links) und Tomislav Duzel | Foto: jodo

„Jetzt bin ich dein Mörder“

Tödlichem Schuss im Karlsruher Foxy Club ging Familienstreit voraus

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Dem tödlichen Schuss am 20. Januar dieses Jahres im Oberreuter „Foxy Club“ ging ein Familienstreit voraus, der sich über Monate immer weiter hochgeschaukelt hat. Das wurde am dritten Tag des Mordprozesses gegen einen 54-Jährigen am Landgericht Karlsruhe deutlich.

Opfer und mutmaßlicher Täter sind Teil einer Sinti-Großfamilie. Mehrmals war es in den vergangenen Monaten zu Handgreiflichkeiten gekommen. Was mit Geschrei und Ohrfeigen begann, führte über eine Kneipenschlägerei offenbar zur tödlichen Nacht. Sowohl der mutmaßliche Täter als auch das 39 Jahre alte Opfer sollen dem jeweils anderen massiv gedroht haben.

Streit in einer Großfamilie

Um sich dem Motiv für die Bluttat im „Foxy Club“ zu nähern, muss man einige Monate zurückblicken: Am Muttertag 2018 habe der Streit um das Sorgerecht für zwei Kinder zu Handgreiflichkeiten geführt, berichtete die Ehefrau des Angeklagten. Beide sind nur nach Sinti-Recht verheiratet. Die Aussage konnte sie somit nicht verweigern, klärte der vorsitzende Richter Leonard Schmidt auf.

Ihrem Mann wurde vorgeworfen, seine Schwiegermutter geschlagen zu haben. Danach habe der Rest der Familie dem 54-Jährigen und seiner Frau verboten, den Stadtteil Daxlanden zu betreten.

Angegriffen vor dem eigenen Haus

Weil sie trotzdem im Spätsommer 2018 mit dem Auto durchgefahren sind, erreichte der Streit offenbar eine neue Stufe der Gewalt. Keine 45 Minuten später seien mehrere Mitglieder der Großfamilie zur Wohnung der Frau des Angeklagten in Eggenstein gefahren. Sie sollen sie dort im Hof des Hauses gegen den Kopf und in den Bauch getreten sowie mit einem Stock geschlagen haben.

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Das spätere Opfer habe ihren Mann gewürgt bis er blau angelaufen war, so die Zeugin unter Tränen. Erst nachdem eine Nachbarin die Polizei gerufen hatte, seien die Angreifer abgezogen. Ihr Mann sei danach ängstlich gewesen, habe mehr Zeit zuhause verbracht, sagte die Zeugin.

Kneipenschlägerei in Karlsruhe-Grünwinkel

Einige Wochen später – an einem Abend Ende November 2018 – liefen sich der Angeklagte und der 39-Jährige zufällig in einer Kneipe in Grünwinkel über den Weg. Auch diese Begegnung beschäftigte das Gericht am Mittwoch lange. Unstrittig ist, dass es zur Schlägerei kam. Doch über die Umstände gibt es teils widersprüchliche Aussagen.

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Der Angeklagte habe den 39-Jährigen attackiert, als der ihn per Handschlag begrüßen wollte, berichteten mehrere Zeugen. Auch die Ehefrau des Angeklagten sagte aus, ihr Mann habe ihr erzählt, dass der 39-Jährige sich entschuldigen wollte, was er allerdings nicht akzeptiert habe. Dann enden die Gemeinsamkeiten in der Schilderung.

Einmal soll der 54-Jährige seinen Kontrahenten direkt angegriffen haben, ein andermal sei er zunächst kurz weg gewesen. Einmal soll er zuerst mit einer Flasche ausgeholt haben, dann mit einem Barhocker. Eine dritte Zeugin gab an, den Beginn der Schlägerei gar nicht gesehen zu haben.

Gegenseitige Drohungen

Das spätere Opfer soll im Verlauf der Auseinandersetzung die Oberhand gewonnen haben, da sind sich wieder alle einig. Der Kneipenwirt gab an, ihn von seinem am Boden liegenden Widersacher gezogen zu haben. Eine Bedienung versorgte im Anschluss eine blutende Kopfwunde des 54-Jährigen.

Danach soll der laut einer Zeugenaussage im Hinausgehen in Sinti-Sprache mehr zu sich selbst gesagt haben: „Du hast mich geschlagen, jetzt bin ich dein Mörder.“ Er habe das damals nicht ernst genommen, so ein Zeuge. „Solche Sachen sind unter Sinti irgendwie normal“, sagte er. Das werde öfter geäußert, aber es sei nichts dahinter.

Im aktuellen Fall war das offenbar ein Trugschluss. Nach der ausgeschlagenen Entschuldigung wussten scheinbar beide, dass der Streit damit nicht begraben war. Gefragt, wie das enden solle, habe das Opfer noch in der Tatnacht zu einem Bekannten gesagt: „Dann schlag ich ihn halt tot.“

Wenige Minuten später starb er selbst durch einen Schuss. „Es war klar, dass früher oder später etwas passiert“, sagte der Bekannte im Zeugenstand. „Dabei hätte man mit ein bisschen Einsicht alles verhindern können.“

Die Verhandlung wird am 11. November fortgesetzt.