Trügerische Idylle: Im Landschaftsschutzgebiet Grötzinger Bergwald-Knittelberg bringt Steffen Winkels seine derzeit 17 Schafe regelmäßig auf seine Weiden. Viele Spaziergänger nutzen die Gegend ebenfalls. Nach der Prügelattacke auf den Schäfer herrscht nun Verunsicherung auf dem Knittelberg.
"Der hat genau gewusst, was er macht", sagt Steffen Winkels über seinen Angreifer. | Foto: Jörg Donecker

Spaziergänger verunsichert

Prügel-Attacke in Karlsruhe-Grötzingen: „Ich habe Glück, dass ich noch lebe“

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So schnell kann die Idylle zum Albtraum werden: Es ist ein sonniger Spätnachmittag im Oktober, Steffen Winkels hat gerade seine Schafe auf dem Hügel am Rande des Landschaftsschutzgebiets Grötzinger Bergwald-Knittelberg versorgt. Jetzt will er noch zu den Hühnern, dann ist das Tagwerk des 54-Jährigen getan, der sich beruflich mit dem christlichen Missionsverein ASAF in Afrika engagiert. Doch der Tag endet für Winkels beim Notarzt. Auf einem schmalen Spazierweg im Grünen wird der Hobby-Schäfer Opfer einer brutalen Prügelattacke.

Der Fall hat eine Vorgeschichte: Im Frühjahr soll der Hund des Aggressors ein Lamm aus Winkels’ Herde gebissen haben, das daraufhin starb. Seither gilt für diesen Hund Leinenpflicht. „Ich selbst habe den Vorfall nicht gesehen“, betont Winkels. Eine Nachbarin habe es damals der Polizei gemeldet.

Prügel-Attacke am Stacheldrahtzaun

An dem Sonntag Mitte Oktober eskaliert die Situation zwischen Winkels und dem Hundehalter: Beim Vorbeijoggen erschreckt der frei laufende Hund des Mannes eines von Winkels’ Schafen so sehr, dass es sich im Zaun verfängt. „Er rief mir zu, ich solle meine Schafe anleinen“, schildert Winkels die erste Begegnung an diesem Tag.

Kurz darauf treffen die Männer wieder aufeinander, als der Hundehalter den Spazierweg „Froschhöhle“ hinaufgejoggt kommt. „Da habe ich ihn auf die Leinenpflicht für seinen Hund hingewiesen“, sagt Winkels. Zudem habe er angefangen, Fotos zu machen, um den Verstoß gegen die Leinenpflicht zu dokumentieren. Daraufhin sei der Mann über ihn hergefallen.

Ich habe Glück, dass ich noch lebe

Der Schäfer wird zu Boden geworfen, mit dem Kopf in einen Stacheldrahtzaun. „Er hat mir den Stacheldraht an den Hals gedrückt, um mich zu fixieren“, erzählt Winkels. Dann habe der Mann begonnen, ihm ganz gezielt mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. „Ich hatte alles zu tun, mein Gesicht zu schützen“, erzählt der Grötzinger Missionar. Er ist der Bewusstlosigkeit nahe. „Ich habe gedacht: jetzt kannst du nichts mehr machen.“

Genau in diesem Moment hört Winkels die Hunde einer Nachbarin bellen, die auf den Hund des Prüglers anschlagen. Er schöpft wieder Hoffnung und ruft um Hilfe. Da lässt der Mann von seinem Gesicht ab und tritt Winkels noch ein paar Mal seitlich in die Rippen, so die Schilderung des Schäfers. „Der hat genau gewusst, was er macht. Ich habe Glück, dass ich noch lebe.“

Mit dem Kopf im Stacheldraht wurde Steffen Winkels an einem Spazierweg in Grötzingen von einem Mann verprügelt.
Mit dem Kopf im Stacheldraht wurde Steffen Winkels an einem Spazierweg in Grötzingen von einem Mann verprügelt. | Foto: Jörg Donecker

Seither war Winkels mehrmals beim Arzt, beim Anwalt, bei der Polizei. „Jetzt sehe ich ja schon wieder sehr gut aus“, sagt er. Er hat blaue Flecken im Gesicht, einen Verband um rechte Hand und Handgelenk. Er zieht sein Hemd hoch: Hämatome überziehen seine rechte Körperseite. Schädelprellung, Jochbeinprellung, Schürfwunden und eine angerissene Daumensehne sowie Übelkeit und Konzentrationsstörungen sind in den Arztprotokollen genannt. „Manche der nötigen Untersuchungen habe ich noch gar nicht gemacht, zu viel Stress“, sagt der Schäfer. „Ich habe Kopfweh, und ich brauche jetzt einfach auch viel Schlaf.“

In Grötzingen mach sich Angst breit

Währenddessen macht sich Angst in der Nachbarschaft breit. Auch andere Spaziergänger beim Knittelberg hätten schon unschöne Erfahrungen mit dem Hund des Mannes, einer belgischen Schäferhund-Rasse namens Malinois, gemacht. „Der Hund einer Nachbarin wurde schon zweimal gebissen“, sagt Winkels. Doch solange die Frau das nicht beweisen könne, passiere nichts. Viele Grötzinger hätten jetzt Angst, in der Gegend spazieren zu gehen. Auch die Nachbarin, deren Hunde durch ihr Bellen der Prügelattacke ein Ende machten, will anonym bleiben.

In der Grötzinger Ortsverwaltung ist der Vorfall bekannt. Es sei aber nicht so gewesen, dass Steffen Winkels auf sie zugekommen sei, betont Ortsvorsteherin Karen Eßrich. Der Schäfer setzt seine Tiere auch zur Grünpflege öffentlicher Flächen in Grötzingen ein. „Einer unserer Gärtner hat ihn angesprochen, weil er entsprechend aussah“, so Eßrich. Man habe eine Genesungskarte mit Blumenstrauß geschickt.

Das Ganze sei ein sehr bedauerlicher Vorfall. Insbesondere das Warten auf weitere Schritte seitens Polizei und Staatsanwaltschaft sei sicher schwierig für das Opfer. Die allgemeine Sicherheit für Spaziergänger auf dem Knittelberg sieht sie nicht gefährdet. „Ich denke, das ist eine persönliche Sache dieses Mannes.“ Er sehe in dem Schäfer offenbar den Grund dafür, dass seine persönliche Freiheit durch die Leinenpflicht für seinen Hund eingeschränkt ist.

Sicherheit gibt es für mich nicht mehr

Grundsätzlich dürfen Hunde in diesem Gebiet ohne Leine laufen, erklärt die Ortsvorsteherin. „Es gibt aber die Verpflichtung, dass jeder seinen Hund unter Kontrolle hat.“ Wenn dies nicht anders möglich sei, müsse man sein Tier eben doch anleinen.

Für Ordnung sorgen in dem Landschaftsschutzgebiet zudem Feldhüter und Naturschutzwarte, die ein Auge darauf haben, dass die dort geltenden Regeln eingehalten werden. „Der Feldhüter schaut zum Beispiel, dass kein Müll abgelagert wird, keine unerlaubten Zäune aufgestellt werden und spricht auf den Streuobstwiesen Leute an, ob sie wirklich berechtigt sind, die Äpfel dort zu ernten.“ Auch wenn ein Hund sich auffällig verhält oder wildert, schreitet der Feldhüter ein. „Er ist berechtigt, die Personalien aufzunehmen und der Stadtverwaltung zu melden. Aber er ist eben nicht die Polizei.“

Polizei spricht von gefährlicher Körperverletzung

Die stuft den Fall als „gefährliche Körperverletzung“ ein, weil der Beschuldigte Kampfsporterfahrung habe, erklärt Polizei-Pressesprecherin Sabine Doll auf BNN-Anfrage. „So ein Fall ist eigentlich nicht alltäglich“, so Doll.

„Ein mulmiges Gefühl ist da. Sicherheit gibt es für mich nicht mehr“, sagt Winkels. Seine Familie und die Nachbarn hätten ihm geraten, seine Schafherde aufzugeben. Sie befürchten, dass der Mann ihn noch einmal angreifen könnte. Doch sein Hobby will sich Winkels nicht nehmen lassen. „Wenn meine Zeit gekommen ist, dann wird es eben so sein“, sagt er. „Dann gibt es vielleicht wenigstens Frieden für die anderen. Ich weiß, ich bin in Gottes Hand.“