Städte in Baden-Württemberg

Wo die Menschen nicht nur grün wählen, sondern auch grün handeln

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Grün wählen, aber mit dem SUV vor dem Bioladen parken – wenn Anhänger der Grünen kritisiert werden, dann häufig für ihre angebliche Doppelmoral. Wie viel Wahrheit steckt in solchen Vorurteilen? Eine BNN-Auswertung zeigt, ob in Städten mit vielen Grünen-Wählern auch mehr Klimaschützer leben.

Seit fast zwei Jahrzehnten misst die Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim regelmäßig die größten Sorgen der Deutschen. Am 10. Mai, kurz vor der EU-Wahl, stuften diese den Klimawandel als „wichtigstes Problem“ des Landes ein – zum ersten Mal in der Geschichte der Umfrage. Profitiert haben davon vor allem die Grünen: Bei der EU-Wahl wurden sie in sechs von acht kreisfreien Großstädten stärkste Kraft. Nur in Heilbronn und Pforzheim landeten sie auf Platz zwei beziehungsweise drei.

Grünen-Wähler in den Großstädten

Doch leben in den Grünenhochburgen in Baden-Württemberg auch die besseren Klimaschützer? Die folgenden Grafiken zeigen anhand von sechs ausgewählten Merkmalen, inwiefern Bewohner der kreisfreien Großstädte bereits klimafreundlich handeln. Schneidet eine Gemeinde besser ab als der Durchschnitt der acht Städte, bekommt sie einen Punkt.

Autos pro 1000 Einwohner

Der Individualverkehr ist für einen großen Teil der klimaschädlichen Treibhausgase verantwortlich. In der Studentenstadt Heidelberg gibt es umgerechnet auf die Einwohner die wenigsten Autos, in Heilbronn die meisten. Das grüne Ulm landet auf dem vorletzten Platz.
In allen Städten ist der Anteil der Elektroautos verschwindend gering. E-Autos sind zwar nicht emissionsfrei, sorgen aber lokal für ein besseres Stadtklima. In Stuttgart sind mit 1,1 Prozent noch vergleichsweise viele Vollstromer und Plug-in-Hybride zugelassen, bundesweit ist deren Anteil nur in den Autobauer-Städten Ingolstadt (Audi) und Wolfsburg (VW) höher. Dafür fährt auch jeder zehnte Stuttgarter ein leistungsstarkes Auto mit mehr als zwei Liter Hubraum. Auf den Straßen von Freiburg und Heidelberg, den zwei grünsten Städten Baden-Württembergs, sind pro Einwohner die wenigsten Autos mit großen Hubraum unterwegs.

Wohnfläche pro Einwohner

Große Wohnungen sind nicht nur teuer, sondern auch schlecht fürs Klima. Denn je größer die Wohnfläche, desto mehr muss geheizt werden. Und die Heizkosten machen in Privathaushalten den mit Abstand größten Anteil des direkten Energieverbrauchs aus. Da es immer mehr Single-Haushalte gibt, steigt auch die Wohnfläche pro Kopf. Stuttgart, die größte Stadt des Landes, hat je Einwohner die kleinste Wohnfläche, dicht gefolgt von Freiburg. Im grünen Ulm brauchen die Menschen am meisten Platz, aber auch Mannheim und Karlsruhe schneiden schlecht ab.

Grünflächen im Stadtgebiet

Pflanzen sind ein natürlicher Feinstaubfilter und CO2-Speicher, außerdem verbessern sie an heißen Tagen das Stadtklima. Ob Hauseigentümer ihre Dächer, Höfe und Gärten lieber bepflanzen oder mit Schotter auffüllen, und wie viele Parks und Wälder sich die Städte auf ihrem Gemeindegebiet leisten, zeigt eine BNN-Datenanalyse von Satellitenbildern. Mannheim, zumindest dem Wahlergebnis nach grün, liegt in der Auswertung auf dem letzten Platz. Auch Karlsruhe kommt trotz Stadtwald nicht gut weg. Auf dem ersten Platz landet die Großstadt mit dem schlechtesten Wahlergebnis der Grünen und dem größten Waldanteil Baden-Württembergs: Pforzheim.

Restmüll pro Kopf

Bei der Mülltrennung sind die Baden-Württemberger bundesweit Spitze. Allerdings gibt es auch hier regionale Unterschiede: Die Restmüllmenge pro Einwohner ist ein Indikator, wie viel in den Haushalten konsumiert wird – und wie viel Ehrgeiz die Menschen bei der Mülltrennung an den Tag legen. Am besten schneiden die Freiburger ab, dicht gefolgt von den Ulmern. Mannheim liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz. Die Kurpfälzer produzieren damit pro Kopf fast doppelt so viel Restmüll wie die Oberschwaben in Ulm. Mannheim setzt beim Biomüll allerdings weiterhin auf Freiwilligkeit. Eigentlich hätten die Stadt- und Landkreise bereits zum 1. Januar 2015 eine verpflichtende Biotonne einführen sollen – so sieht es ein im Oktober 2011 im Bundestag verabschiedetes Gesetz vor.

Ökostrom-Wechsler

Genau die Hälfte der Freiburger, die in den vergangenen zwei Jahren auf der Vergleichsplattform Verivox einen Stromvertrag abschlossen, hat sich für Ökostrom entschieden. Damit liegt die Stadt mit dem besten Wahlergebnis der Grünen auch beim Strom aus erneuerbaren Energien vorn. Pforzheim, die Großstadt mit dem schlechtesten Wahlergebnis der Grünen, landet auf dem letzten Platz. Doch selbst das Schlusslicht kommt auf einen Wechsler-Anteil von gut einem Drittel. Kein Wunder, denn viele Tarife sind inzwischen kaum teurer als Strom aus Kernkraft oder fossilen Brennstoffen. Einen positiven Klimaeffekt haben allerdings die wenigsten. Welche Ökostrom-Anbieter am klimafreundlichsten sind, hat die Umweltorganisation Robin Wood untersucht. Empfohlen werden vor allem Tarife mit dem Siegel „ok-power“ oder „Grüner Strom“.

Bioläden pro 100.000 Einwohner

Freiburg ist in Sachen Bio einsame Spitze in Baden-Württemberg. Auffällig ist, dass das grüne Mannheim weniger Bioläden pro Einwohner hat als das schwarze Heilbronn und Pforzheim. Berücksichtigt wurden in der Auswertung Reformhäuser und jene Lebensmittelhändler, die ausschließlich oder vorwiegend Bio-Produkte anbieten.
Ökolandbau ist in vielen Punkten klimafreundlicher als konventioneller – zu diesem Schluss kommt eine umfangreiche Metastudie des Thünen-Instituts. Laut der zweiten „Nationalen Verzehrsstudie“ essen Menschen, die überwiegend im Biomarkt ihre Lebensmittel kaufen, außerdem deutlich weniger (Bio-)Fleisch. Wer sich vegetarisch ernährt, vermeidet jährlich knapp eine Tonne CO2-Äquivalente.

Mannheimer sind nur an der Wahlurne grün

Fazit: Freiburg und Heidelberg sind die grünsten Städte Baden-Württembergs. Nirgends stimmten mehr Menschen für die Grünen und nirgends war der Abstand zur zweitplatzierten CDU größer. Und tatsächlich liegen die beiden Städte auch beim grünen Handeln vorne: Sowohl Freiburg als auch Heidelberg erreichen im Öko-Ranking sechs von sechs möglichen Punkten, wobei Freiburg bei fünf Merkmalen besser abschneidet. Auf Platz drei folgt die Stadt mit dem drittbesten Wahlergebnis der Grünen, Karlsruhe, allerdings mit drei Punkten Abstand.

Überraschungen gibt es auf den hinteren Plätzen: In Stuttgart ist der Anteil der Grünen-Wähler geringer als Ulm. Trotzdem hat Stuttgart mehr Punkte beim Öko-Bewusstsein. Selbst bei den Pkw pro Einwohner verhalten sich die Bewohner der Autostadt klimafreundlicher. Die größte Diskrepanz zwischen grünem Wahlergebnis und grünem Handeln gibt es in Mannheim. Dort wurden die Grünen mit 26,1 Prozent stärkste Kraft, trotzdem schneidet die Stadt in der Auswertung schlechter ab als das schwarze Heilbronn. Auch in der Großstadt mit dem schlechtesten Wahlergebnis der Grünen, Pforzheim, handeln die Menschen im Öko-Ranking klimafreundlicher als das Wahlergebnis vermuten lässt.









Warum sind es gerade diese Merkmale geworden?
Bei der Auswahl und Bewertung spielte in erster Linie der Impact-Faktor eine Rolle, sprich: Wie wichtig ist das jeweilige Merkmal für Klima und Biodiversität – und wie viel kann jeder Einzelne in diesem Bereich bewirken?
Warum kommen dann Flugverhalten und Fleischkonsum nicht vor?
Die Fleischproduktion ist ineffizient, Fliegen wesentlich klimaschädlicher als Autofahren. Zudem kamen mehrere repräsentative Umfragen, zuletzt im Jahr 2016, zu dem Schluss, dass Grünen-Wähler häufiger fliegen als Anhänger von anderen Parteien. Leider gibt es weder zum Flugverhalten noch zum Fleischkonsum regionalisierte Daten auf Landkreisebene. Die Anzahl der Bioläden lässt allerdings einen Rückschluss auf den Fleischkonsum zu.
Ich habe gelesen, dass es gut fürs Klima sei, keine Kinder zu kriegen.
Tatsächlich haben Forscher aus Schweden und Kanada berechnet, dass jedes nicht in die Welt gesetzte Kind jährlich 58,6 Tonnen CO2-Äquivalente einspart. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Auto produziert 2,4 Tonnen CO2 im Jahr, ein Transatlantikflug 1,6 Tonnen (Hin- und Rückflug). Die Wissenschaftler haben in ihrer Auswertung allerdings nicht nur die Kinder, sondern auch deren zukünftige Kinder berücksichtigt. Daher, und weil ein Verzicht auf Kinder gesellschaftlich schwer vermittelbar wäre, wurde auf die Fertilitätsrate als Öko-Merkmal verzichtet.
Sind die Verivox-Daten zu den Ökostrom-Wechslern repräsentativ?
Nein. Die Marktdaten zeichnen dennoch ein aufschlussreiches Bild. Verivox und das zweite große Vergleichsportal Check24 haben laut Bundeskartellamt einen erheblichen Anteil am Abschluss neuer Stromverträge. Rund 3,5 Millionen neue Verträge von Haushaltskunden werden jährlich von Online-Portalen vermittelt, die dafür Provisionen erhalten.

Quellen
Kraftfahrt-Bundesamt, Statistisches Landesamt, Verivox-Verbraucher-Atlas, USGS/Nasa, Google Maps/OSM, 75 Ideen, wie Sie den Klimawandel stoppen können/Volker Stelzer (KIT Karlsruhe), Wo Deutschland grün tickt

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som / Flourish