Aufsicht in der Kanzel
Alles im Blick : In der "Kanzel" laufen die Bilder zusammen, die 23 Kameras aus allen Ecken des Bades liefern. Allerdings braucht es ein geschultes Auge, um zu erkennen, wo Ye Rittmann und seine Kollegen eingreifen müssen. | Foto: Sandbiller

Als Jobber im Europabad

Entspannt am Beckenrand? Von wegen!

Anzeige

Weg vom Schreibtisch – rein in die Eisdiele, Currywurstbude oder ins Schwimmbad. Die Redakteure versuchen sich diesen Sommer einmal in typischen Ferienjobs. Was sie dabei erleben, wo sie vielleicht auch an ihre Grenzen kommen – all das ist in der wöchentlichen Serie „Ferienjobber für einen Tag“ zu lesen.

Um 7 Uhr morgens im Europabad

Saubere Sportschuhe, kurze Hosen, 7 Uhr morgens – das sind die Ansagen in meinem Bewerbungsgespräch. Okay, ich bräuchte noch ein silbernes Rettungsschwimmabzeichen und mindestens vier Wochen Zeit, aber da drückt Bäderchef Oliver Sternagel beide Augen zu. Ich will im Europabad jobben – wo meine klischeehaften Vorstellungen sich in der wohltemperierten Luft auflösen, kaum dass ich das rote Mitarbeiter-Shirt übergezogen habe.

Das Tagwerk beginnt mit Putzen

Das Badpersonal, das entspannt am Beckenrand steht und sich nur mit der Sonne weiter bewegt? In den ersten drei Stunden ist das achtköpfige Team ständig in Bewegung. In Schwimmhalle, Sauna und Umkleiden heißt es: Putzen. Im Wasser sind nur die Frühschwimmer, auf die Tim Becker achtgibt – er ist schon seit 6.15 Uhr da. An Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken hat die Spätschicht des Vortages schon aufgeklart, ebenso in einem Teil des Umkleidebereichs. Der große Rest der Spinde und Kabinen gehört heute Ye Rittmann und mir. Er widmet sich mit Schlauch und Schrubber der riesigen Fußbodenfläche, ich starte mit den Spiegeln: Einsprayen, Wischen – ich muss mich strecken, damit auch die oberen Bereiche der Spiegel blank werden. Temperaturbedingt gerät meine Brille bereits ins Rutschen. In den nächsten anderthalb Stunden werde ich sie immer wieder mit dem Handrücken zurückschieben. Als ich die kleinen Spiegelflächen unter den höhenverstellbaren Wandhaartrocknern angehe, setzt deren Hochleistungsgebläse ein. Nun fleckenfrei, reflektieren die Spiegel mein Gesicht in einem Farbton, der sich meinem Shirt angeglichen hat.

Kabinencheck mit Überraschungen

Zu putzende Spiegel gibt es auch in den Kabinen, die ich auf grobe Verschmutzungen checke und gegebenenfalls den Wischlappen einsetze. Ich sammle Kleiderbügel ein, Haarnadeln vom Boden auf, beseitige eine leere Getränkedose, eine Brötchentüte und das Plastik einer Großpackung Wiener Würstchen, ziehe die Hygienefolie einer neuen Bikinihose von der Wand und heble zwei Kaugummis von den Sitzen. Im letzten der geschätzt 20 Gänge, die ich mit Putzeimer, Lappen, Papierhandtüchern, Glasreiniger und Mülltüte bewaffnet entlang mäandre, finde ich den Klassiker: eine Damenbinde.

Langweilig, aber notwendig

Beim nächsten Durchgang konzentriere ich mich auf die Spinde: Tür auf, den Blick von oben nach unten wandern lassen, notfalls wischen, Tür zu – ich mache wie ein Roboter die immer gleichen Bewegungen, bis ich bei Nummer 1 539 in der letzten Ecke ankomme. „Langweilig, aber notwendig“, sagt Ye, der nun einen ganzen Berg Haare mit dem Schlauch vor sich her treibt.

Kontrollgang in den Rutschen

In der Schwimmhalle verteilen die Kollegen bereits die Liegestühle. Rund 250 wuchten sie von den Stapeln. Ich bin nicht undankbar, dass ich eine andere Aufgabe habe: Ich helfe beim Überprüfen der Rutschen. Es gibt Noppenschuhe an die Füße, eine Lampe vor die Stirn, dann geht es hinein in die Plastikröhre, durch die in einer Stunde das Wasser und die Badegäste schießen werden. Deren Sicherheit gilt der Kontrollgang: Auf den Nähten zwischen den Röhren-Abschnitten liegt unser Augenmerk. Wäre eine Fuge beschädigt, könnte man sich wehtun.

Die Green Viper hat einen feuchten Schlund

Die Schritte hallen durchs Dunkel, es wird wärmer, je weiter wir nach oben laufen – die Rutsche ist 70 Meter lang. Die Röhre wird heller und breiter, dafür aber auch flacher – es heißt Kopf einziehen. Oben angekommen schließt mein Kollege die Aqua Rocket auf und überprüft die Turborutsche, dann verschluckt uns die „Green Viper“. Die Schlange hat einen feuchten Schlund, durch den wir uns nun – vorsichtig mit den Händen an den Wänden – manövrieren, im Trichter der Viper ins Auge sehen und beim „Jump“ vorsichtshalber in die Hocke gehen, um nicht unfreiwillig Fahrt aufzunehmen. Bei aller Konzentration auf Fugen und meine Füße bleibt wenig Aufmerksamkeit für das coole Design der Schlangenhaut, die mich anblinkt.

In der Schaltzentrale

Dann läuft der Countdown: Punkt 10 Uhr strömen die Besucher ins Bad. Mit meiner Vorstellung, das Treiben entspannt am Beckenrand zu beobachten, wird es aber immer noch nichts: Schichtleiter Fabian Horn nimmt mich mit in die Schaltzentrale, wo er die komplette Schwimmbadtechnik und ihre Parameter im Blick hat. PH-Werte etwa, Chlor, Wassertemperaturen und Redox-Werte, die angeben, mit welcher Geschwindigkeit Keime abgetötet werden. Ich verinnerliche, dass Wasser und Energie optimal genutzt werden, merke mir, dass die Filter alle 80 Stunden gespült werden müssen und bekomme eine Ahnung davon, was die Fachangestellten und Meister für Bäderbetriebe täglich alles zu leisten haben.

 

Das Auge lernt

Nach der Mittagspause habe ich dann die Badegäste im Blick: auf vier Monitoren, die die Bilder der 23 Kameras zeigen. Ich sitze im Glaskasten beim Rutschenturm, versuche, mich auf einzelne Filme zu konzentrieren – und schrecke zusammen, als Tim eine klare Ansage ins Mikro schickt: „Hinsetzen und weiterrutschen!“, fordert er eine junge Dame auf, die in der Wildwasserrutsche aufstehen wollte. Ich habe, bei aller Konzentration, das Manöver nicht einmal gesehen. „Das Auge lernt – das meiste sieht man schon, bevor es passiert“, beruhigt mich mein Kollege. „Wir kennen aber auch die Punkte, an denen es gefährlich werden kann“, sagt er. Was nichts daran ändert, dass immer mal wieder die Pumpen abgeschaltet und ein panischer Badegast herausgezogen werden muss.

In drei Minuten den Beckenboden abscannen

Meine Augen sind nach einer Stunde weniger geschult als müde. Ich wechsle an den Rand des Erlebnisbeckens. An der Seite von José Triana Pacheco umrunde ich es und versuche wie die Kollegen in drei Minuten den kompletten Beckenboden abzuscannen. Auch Außenbecken, Dampfbad und Goldgrotte gehört zum Revier. Alle halbe Stunde muss man aber tatsächlich stehen bleiben: „Wenn der Strömungskanal angeht, muss man sehr wachsam sein“, erklärt mir José. Dass kleine Kinder ohne Schwimmflügel mit auf die Runden genommen werden, erlebt das Team immer wieder.

Nichts für aufbrausende Menschen

Michael Beisel fragt bei einem Vater nach, ob seine kleine Tochter schwimmen könne – und erntet für seine freundliche Erklärung nur Unverständnis. Mir wird klar: Für aufbrausende Menschen ist der Job nichts. Auch nicht für schüchterne, denn Badegäste, die man nachdrücklich an die Hausregeln erinnern muss, gibt es auch, schildern mir die Kollegen unisono. „Die allermeisten sind aber sehr nett“, stellt Digdem Cinar klar, mit der ich zum Ende meiner Schicht beim Kletterparcours „Aquacross“ stehe.

Motivation beim Aquacross

Der wird alle zwei Stunden über dem Schwimmerbecken in Betrieb genommen und vom jungen Badepublikum sehnsüchtig erwartet. Digdem passt nicht nur auf, dass niemandem etwas passiert, sie erklärt auch, wie es geht. Und sie motiviert die kleinen Badegäste, vor allem die Kinder, die weniger sportlich wirken. Ich spreche einen zögernden jungen Mann an – und freue mich, als er sein Können testet. Das sei ohnehin das Schöne an ihrem Job, meint meine Kollegin: Dass man viel mit Menschen zu tun habe. Und in einem tollen Team arbeite. Ich kann sie verstehen.

Fast den ganzen Tag auf den Beinen

15.45 Uhr, die Frühschicht hat Feierabend. Ich merke, dass ich fast den ganzen Tag auf den Beinen war. Digdem geht noch schwimmen: Sie muss bald ihr Rettungsschwimmabzeichen bestätigen. Das silberne, das mir für den Ferienjob eigentlich fehlt.