Sondereinsatz in Baden-Baden: Im Dezember 2015 verletzte sich ein damals 43-Jähriger schwer bei einem Sturz in die Oos. Der Rettungshubschrauber musste damals aus der Schweiz kommen. | Foto: Wagner

Hilfe aus der Schweiz

Rettungshubschrauber muss nachts pausieren

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Karlsruhe. Rettungshubschrauber werden bei besonders schweren Unfällen eingesetzt, weil sie die Patienten auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus bringen können. Das ist oft ein Kampf mit der Zeit. Da erscheint es seltsam, wenn die Anflugzeit unnötig erhöht wird – wie in Baden-Württemberg, wo Helikopter von Stationen, die sich innerhalb der Landesgrenzen befinden, nach Sonnenuntergang nicht fliegen dürfen. Daran soll sich demnächst etwas ändern – allerdings nur bedingt, wie die BNN erfahren haben.

Rayan Ercik ist sieben Jahre alt. An einem Dienstag Ende August vergangenen Jahres brach er sich auf einem Karlsruher Spielplatz am Spätnachmittag kompliziert den linken Arm. Im Städtischen Klinikum konnten ihn die Ärzte gut versorgen, aber aufgrund eines Herzfehlers nicht operieren: Für die Narkose brauchte Rayan die speziellen Kenntnisse eines Anästhesisten aus Freiburg.

„Es geht ja manchmal um Minuten“

Also musste er mit einem Rettungshubschrauber dorthin geflogen werden. Aber da es schon Abend war, brachte ihn nicht der am Regionalflughafen Rheinmünster-Söllingen stationierte „Christoph 43“ der DRF Luftrettung nach Freiburg, sondern ein Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega. „Ich denke, wenn es abends einen Notfall gibt, sollte der Helikopter nicht aus Basel nach Karlsruhe kommen müssen. Es geht ja manchmal um Minuten“, erzählte Rayans Mutter Selma Ercik.

Der Rettungshubschrauber „Christoph 43“ am Regionalflughafen Rheinmünster-Söllingen.
Der Rettungshubschrauber „Christoph 43“ am Regionalflughafen Rheinmünster-Söllingen. | Foto: DRF Luftrettung

Kein Nachtflugverbot

Stefanie Kapp, Pressereferentin der DRF Luftrettung, die im Land sieben der acht Helikopter-Standorte betreibt, erklärte, wo das Problem liegt: „Sämtliche Hubschrauberstationen in Baden-Württemberg sind nur tagsüber im Dienst. Das heißt von sieben oder acht Uhr morgens bis Sonnenuntergang. Das wurde vom Land so festgelegt.“

Dabei handele es sich nicht um ein Nachtflugverbot, sondern es liege daran, dass das Innenministerium lediglich Tag-Stationen ausgeschrieben habe. „Wir hätten das Know-how. Also in Bayern machen wir es“, sagte Kapp. Das führt zu der merkwürdigen Situation, dass etwa bei einem Unfall am Abend auf der A 5 bei Bruchsal ein Rettungshubschrauber aus Nürnberg oder München kommen dürfte, aber keiner aus Leonberg oder Mannheim.

Gerade im Winter könnte das schlimme Folgen haben: Aufgrund der Glätte kommt es häufig zu Unfällen und die Sonne geht früher unter – gestern in Karlsruhe etwa gegen kurz nach 17 Uhr.

Vorfall 2015 in Baden-Baden

Bekannt ist das Problem schon seit längerem: Im Dezember 2015 verletzte sich ein Mann schwer, als er abends in Baden-Baden drei Meter tief auf das Pflaster des Oos-Bachbetts stürzte. Auch damals musste ein Helikopter aus der Schweiz kommen. Das Innenministerium teilte den BNN nach diesem Vorfall mit, aus Kostengründen gebe es mit den deutschen Trägern der Luftrettungskräfte und den Krankenkassen keine Vereinbarung über einen 24-Stunden-Betrieb im Land. Allerdings werde überlegt, wie die nächtliche Luftrettung zu optimieren sei.

„Der konkret angedachte Ausbau am Standort Freiburg wird angesichts aktueller städtebaulicher Planungen der Stadt Freiburg wohl nicht realisiert werden können“, sagte Renato Gigliotti vom baden-württembergischen Innenministerium den BNN. Der Zeitvorteil, der durch die Luftrettung tagsüber erreicht werden könne, sei nachts aufgrund der stärkeren Abhängigkeit von Wetterbedingungen und Lichtverhältnissen deutlich geringer. Zudem gelte für die Luftrettung keine Hilfsfrist.

Die DRF Luftrettung, ehemals Deutsche Rettungsflugwacht, wurde 1972 gegründet. Auch in Karlsruhe ist eigentlich ein Rettungshubschrauber, „Christoph 43“, stationiert. Aufgrund des Neubaus der St. Vincentius-Kliniken startet er aber momentan vom Regionalflughafen Rheinmünster-Söllingen. Dort befindet sich auch das „Operation-Center“ mit Werft und zentraler Koordinierungsstelle für Baden-Württemberg.

Innenministerium: Ausbau mindestens eines Standortes

Es soll sich jedoch etwas ändern, ergänzte Gigliotti: „Die Krankenkassen als Kostenträger haben dem Land zugesagt, mindestens einen der Intensivtransporthubschrauber-Standorte in Baden-Württemberg über die bisherige reguläre Einsatzzeit hinaus für einen 24-Stunden-Betrieb zu ertüchtigen.“ Dies soll „zeitnah“ geschehen, gelte allerdings nur für Sekundärtransporte, also wenn ein Patient verlegt werden müsse.

VDEK spricht sich für Betrieb rund um die Uhr aus

Der Verband der Ersatzkassen (VDEK) spricht sich hingegen dafür aus, einen Rettungshubschrauber-Standort 24 Stunden zu betreiben. „Die Gespräche laufen und wir sind auf einem guten Weg. Aber wir brauchen noch Zeit, da noch rechtliche Probleme gelöst werden müssen“, sagte Stephan Trabert, Teamleiter im Referat „Ambulante Versorgung“ in der VDEK-Landesvertretung.

Für Selma Ercik lässt sich die ganze Problematik auf eine simple Frage komprimieren: „Geht es ums Geld oder um die Gesundheit eines Kindes?“