Fair-Teiler: Lebensmittel, die nicht mehr verwendet werden, können im NCO-Club in der Nordstadt ebenso wie gerettete Nahrungsmittel abgegeben werden. Laut Robin Liebeck sind Kühlschrank und Schrank schnell wieder leer. | Foto: Jörg Donecker

Foodsharing in Karlsruhe

Rettungskommando bewahrt Lebensmittel vor der Tonne

Anzeige

Vollkornkekse, Rosmarincracker und getrocknete Datteln liegen in kleinen Schüsseln auf dem Tisch und laden zum Naschen ein. Ganz normal sehen die Lebensmittel aus. Kein Schimmel, nicht zerbröselt. Riechen und schmecken tun sie auch wie erwartet. Wo ist der Haken? Immerhin wurden sie von Betrieben aussortiert und von der Karlsruher Foodsharing-Gemeinschaft gerettet.

Abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum, Überschuss, Verpackungswechsel sind nur einige Gründe, warum Nahrungsmittel, die eigentlich noch genießbar sind, in der Tonne landen. Allein in Deutschland werden laut dem Verein Foodsharing jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Kooperation mit 42 Betrieben und Events

Einen Salat wegschmeißen, weil ein Blatt welk ist? – „Das geht gar nicht!“, findet Cindel Heil. Schließlich seien das mit Energie produzierte Lebensmittel. Für Heil und die anderen Foodsharing-Mitglieder bedeutet Lebensmittel zu retten, Ressourcen zu schonen. Dafür klettern sie aber nicht etwa in die Müllcontainer von Supermärkten. „Müll hat immer einen Besitzer“, erklärt Claudia Nottebrock. Stattdessen haben die Foodsharer derzeit Kooperationen mit 42 Betrieben und Events, die ihnen nicht mehr benötigte Nahrungsmittel kostenlos zur Weiterverteilung überlassen. Nicht alle Betriebe wollen öffentlich genannt werden, aus Angst vor einem Imageschaden, wie Nottebrock sagt. Zwei Supermärkte, die zu ihrer Kooperation mit den Lebensmittelrettern stehen, sind Edeka Behrens und Edeka Lukasiewicz.

Wenige Organisationen, die so divers sind wie Foodsharing

„Ich glaube, es gibt wenige Organisationen, die so divers sind wie Foodsharing“, mutmaßt Nottebrock. „Lebensmittelretter sind durch alle Schichten, alle Berufe hindurch anzutreffen“, bestätigt auch Elisabeth Kuhnle. In Karlsruhe sitzen anfangs sieben Personen um den Tisch. Im Laufe des Abends kommen mehr dazu. Die Foodsharing-Gemeinschaft hält ihr monatliches Treffen ab. Mit dabei sind Frauen und Männer ab 18 – das ist das Mindestalter, um Lebensmittelretter zu werden – bis 80. Wer mitmachen will, muss sich zuerst auf der Internetplattform des Vereins Foodsharing registrieren. Insgesamt gibt es in Karlsruhe derzeit 580 registrierte Foodsharer.

Vielfältige Ausbeute

Obst, Gemüse, Knabbereien, Backwaren, Molkereiprodukte, abgepackte Wurst und Fisch – die Ausbeute der Lebensmittelretter bei ihren Einsätzen ist vielfältig. „Es gibt auch Dinge, die wir aus Prinzip nicht mitnehmen“, sagt Heil. „Wenn Fleisch und Wurst aus der Auslage in einen Sack gepackt werden, kann das zu Kreuzkontaminationen führen.“ Einweghandschuhe seien daher Pflicht, sobald es um das Retten von unverpackten Nahrungsmitteln geht, erklärt die junge Frau.

124,7 Tonnen Lebensmittel gerettet

„Es ist unterschiedlich, wie viele Lebensmittel man pro Abholung bekommt“, meint Kuhnle, „nach geballten Feiertagen rufen teilweise auch Betriebe an, die nicht mit uns kooperieren.“ Nottebrock ergänzt: „Da kommen wir teilweise mit fünf bis sechs Autos und die sind dann voll.“ Bislang konnten so rund 124,7 Tonnen Lebensmittel allein von der Karlsruher Foodsharing-Gemeinschaft gerettet werden.

Selbst essen ist auch erlaubt

Jedem Foodsharing-Mitglied sei selbst überlassen, was es mit den geretteten Esswaren macht. „Viele bringen sie ins Obdachlosenheim, zu Obdachlosentreffs oder in Männerwohnheime“, beschreibt Nottebrock. Selbst essen ist natürlich auch erlaubt. „Einiges wird in Studentenwohnheimen, wie dem Hadiko, verteilt“, sagt Kuhnle, „manche stellen Essenskörbe auf der Foodsharing-Plattform ein oder auf Facebook.“

Foodsharing auf Facebook

Für Karlsruhe und Umgebung gibt es gleich mehrere Facebook-Gruppen, in denen Nahrungsmittel geteilt und verschenkt werden. Eine der größten ist „Foodsharing Karlsruhe – Essen teilen & verschenken“. Dort werden unter anderem Müsli, Gummibärchen und Backmischungen angeboten. Ein paar Regeln gibt es auch hier: Unter anderem muss bei verderblichen Waren immer das Mindesthaltbarkeitsdatum angegeben werden.

Fair-Teiler statt Mülltonne

Eine weitere Möglichkeit, Lebensmittel vor der Mülltonne zu bewahren, sind Fair-Teiler. Das sind Schränke, in denen jeder die Nahrungsmittel, die er nicht mehr braucht, deponieren kann. Und natürlich darf auch jeder von dort etwas mitnehmen. Im NCO-Club gibt es solch einen Fair-Teiler. „Wir hatten die Idee das zu machen, weil uns das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist“, erklärt Robin Liebeck die Motivation des Jugendzentrums. „Im Prinzip kann jeder den Fair-Teiler füllen und leeren, es gibt aber ein paar Regeln.“

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist völlig egal

Diese betreffen alle Fair-Teiler: Leicht verderbliche Lebensmittel wie Rinderhack und Schweinemett sind ausgeschlossen, ebenso Produkte aus erhitzter Rohmilch, frisch zubereitete Speisen mit Ei. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist völlig egal, das hat ja nichts mit der Güte der Lebensmittel zu tun“, sagt Liebeck. Nahrungsmittel, deren Verbrauchsdatum abgelaufen ist, haben im Fair-Teiler nichts zu suchen. Wichtig ist auch, dass die Kühlkette von Produkten erhalten bleibt. Im NCO-Club gibt es nämlich einen Kühlschrank. „Leer ist der Fair-Teiler schnell – wir könnten noch mehr Lebensmittel annehmen“, stellt Liebeck fest.

Schränke müssen regelmäßig kontrolliert werden

Auch im Jubez gibt es einen Fair-Teiler. In dem Schrank im Vorverkaufsbüro können Backwaren, Getränke, Tierfutter und Trockenware abgegeben werden. Rund um die Uhr ist der Fair-Teiler im Falkenweg 1, Ecke Nürnberger Straße, offen. Hier gibt es auch einen offenen Kühlschrank. Zwei weitere Schränke mussten vorsorglich geschlossen werden, wie Heil erklärt. „Die beiden Fair-Teiler haben wir geschlossen, weil wir uns nicht um sie kümmern konnten.“ Regelmäßig müssen die Schränke kontrolliert und gereinigt werden, was Zeit kostet.

Irgendwo muss man anfangen

Sich selbst bereichern, wie ihnen manchmal vorgeworfen werde, können die Lebensmittelretter mit ihrer Ausbeute nicht, sagt Heil: „Man kann sich über das Foodsharing nicht selbst versorgen – da müsste man täglich retten gehen.“ Durch die verkürzte Haltbarkeit seien die Nahrungsmittel nicht darauf ausgelegt, lange gelagert zu werden. Zudem ist das Foodsharing sehr zeitaufwendig. Die Waren müssen erst abgeholt und sortiert werden, dann verteilt. Hinzu kommt organisatorischer Aufwand. „Unser großes Ziel ist es, die Überproduktion einzudämmen. Wir sind nur ein kleiner Stein im Getriebe, aber irgendwo muss man anfangen“, sagt Heil mit fester Stimme.

Hintergrund
Foodsharing ist eine 2012 entstandene Initiative. Der Verein betreibt die zugehörige Website, auf der sich Menschen organisieren, die Lebensmittel retten. Insgesamt wurden in Deutschland laut Foodsharing über 20.000 Tonnen Lebensmittel von mehr als 50.000 Rettern vor der Tonne bewahrt.
Seit 2013 gibt es Foodsharing auch in Karlsruhe. Wer sich auf der Website als Retter registriert und Lebensmittel in Betrieben abholt, stimmt einer Rechtsvereinbarung zu. Die Retter übernehmen damit die Haftung für die Lebensmittel, die sie unentgeltlich weiterverteilen.
Für Fair-Teiler gibt es Regeln, was abgegeben werden darf und auch, was die hygienischen Standards angeht. Diese sind auf der Website des Vereins einsehbar.