Der Roboterarm der Künstlergruppe robotlab schreibt eigenständig ein Manifest.
Ein Roboter schreibt Texte in der populären ZKM-Ausstellung, die bei freiem Eintritt bis Anfang 2019 geöffnet ist. | Foto: Hora

Robotlab im Portrait

Roboterarm schreibt selbstständig Manifest

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„Mensch und Automat sind gleichberechtigt“ schreibt ein beinahe menschhoher, orangenefarbener Roboterarm langsam mit Kugelschreiber auf ein Blatt Papier unter die Überschrift „Manifest“. Acht Thesen formuliert der Roboter, bevor er das Blatt mit der Nummer 2399 und dem aktuellen Datum versieht, abschneidet und fallen lässt. Neugierige Besucher der Open-Codes-Ausstellung heben es auf, lesen es verwundert und sind erstaunt über die Wortgewandtheit des Roboters. Denn seine 2398 vorherigen Manifeste sind alle mit anderem Text bestückt.

Robotlab gründete sich 2000

„Der Roboter formuliert seine Thesen selbstständig“, erklärt Matthias Gommel. Er bildet zusammen mit Martina Haitz und Jan Zappe die Künstlergruppe robotlab, die den Roboter programmiert hat. Die drei haben sich Ende der 90er Jahre am ZKM zusammengefunden. „Das war zu einer Zeit, als für das Jahr 2000 verschiedene Dinge prophezeit wurden“, berichtet Gommel.

Von der Künstlergruppe robotlab ist in der Open-Codes-Ausstellung das Exponat "Manifest" (hier im Hintergrund) zu sehen.
Matthias Gommel von robotlab erzählt im BNN-Gespräch über das Exponat „Manifest“. | Foto: Hora

Unter anderem habe es die Theorie gegeben, dass Roboter die Macht übernehmen würden. Nachdem dies nicht eingetreten sei und Roboter im alltäglichen Leben auch nach der Jahrtausendwende nicht sichtbar waren, machte sich robotlab auf die Suche nach den Maschinen. Gefunden hat die 2000 gegründete Gruppe die Roboter in großer Stückzahl in Fabriken.

Industrieroboter werden zu Kunstwerken

Einen davon haben Gommel, Haitz und Zappe von dem Roboterhersteller Kuka ausgeliehen, ins Foyer des ZKM gestellt und mit einem Bauzaun umrahmt. „Das war ein öffentliches Lab, wir haben experimentiert und programmiert, es gab Präsentationen und Vorführungen“, berichtet Gommel. Seither hat die Künstlergruppe immer wieder Industrieroboter für ihre Projekte verwendet, stets die gleiche Art.

Normalerweise würden diese Roboter vor allem in der Automobilindustrie verwendet, erläutert Gommel. Man könne den großen Roboterarm aber für alles Mögliche programmieren. Robotlab hat die Roboter bereits malen, tanzen und schreiben lassen, sogar einen Roboter-DJ programmierte die Gruppe. „Dabei haben wir die Roboter immer als Roboter gelassen. Sie wahren die Distanz zum Menschen und sind nicht menschenartig“, informiert Gommel.

Roboter bildet Thesen eigenständig

So ist auch der schreibende Roboter in den Open Codes eindeutig eine Maschine, dennoch hat der Greifarm etwas Menschliches, wenn er mit dem Kugelschreiber die Thesen zu Papier bringt. Seine Thesen versteht der Roboter trotzdem nicht, er bildet sie zufällig mit Satzteilen aus Gesetzestexten und Begriffen aus Ethik, Recht, Technik und Gesellschaft. Ihren Sinn bekommen die Thesen erst durch die Leser, die etwas hineininterpretieren, erklärt Gommel. Dadurch könnten die Museumsbesucher darüber nachdenken, so meinen die Künstler, wie weit fortgeschritten die Maschinen heutzutage schon sind.

Teile des Kunstwerks können die Besucher mitnehmen

„Der Industrieroboter ist praktisch der Urenkel der Industrialisierung“, so Gommel. Wenn dieser Enkel plötzlich selbstständig Manifeste schreibt, bekommen die Besucher ein Gefühl dafür, was noch alles möglich ist. Die Sorge, dass Maschinen den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen, teilt Gommel aber nicht. „Speziell in Deutschland leben wir von der Entwicklung von Hochtechnologie und nicht davon, dass wir unsere Schrauben von Hand irgendwo reinschrauben“, erläutert Gommel. Auch auf das Auto würde niemand verzichten, um sich nicht von dem Auto die Arbeit wegnehmen zu lassen.

An die Möglichkeiten der Roboter werden die Besucher auch zuhause erinnert: „Die Leute können die Manifeste mitnehmen. Sie landen sie an Küchenwänden und Klotüren.“ So kann es also durchaus sein, dass in manchen Haushalten bereits jetzt Sätze an der Wand hängen wie „Jede Maschine hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und ihren Aufenthaltsort frei zu wählen.“