An den Zeitzeugen Rolf Joseph erinnert ein Schülerwettbewerb über Juden in Deutschland, den Simon Warnach mit initiierte. Canelle Trobrillant, Judith Voether und Safia Harrane (von links) von der Tulla-Realschule sind Preisträgerinnen.
An den Zeitzeugen Rolf Joseph erinnert ein Schülerwettbewerb über Juden in Deutschland, den Simon Warnach mit initiierte. Canelle Trobrillant, Judith Voether und Safia Harrane (von links) von der Tulla-Realschule sind Preisträgerinnen. | Foto: privat

Einblicke in jüdisches Leben

Drei Karlsruher Schülerinnen in Berlin mit Rolf-Joseph-Preis ausgezeichnet

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Lektüren im Fach Deutsch und Fakten aus dem Geschichts- und Religionsunterricht – das waren bislang die einzigen Berührungspunkte, die Canelle Trobrillant, Judith Voether und Safia Harrane mit dem Judentum hatten. Motiviert von ihrer Klassenlehrerin Maria Weber stellten sich die drei damaligen Neuntklässlerinnen der Tulla-Realschule dennoch einem bundesweiten Wettbewerb zum Thema jüdisches Leben.

Mit großem Erfolg: Für ihre Kurzgeschichte „Gideon“ erhielt das Trio nun in Berlin einen Rolf-Joseph-Preis. Mit Filmen, Ausstellungen, künstlerischen Darstellungen oder Texten kann man sich beteiligen – Canelle, Judith und Safia einigten sich aber schnell auf eine Kurzgeschichte. „Wir machen gerne Schreibarbeiten zusammen“, schildert Judith – und doch mussten sich die Freundinnen, die unterschiedliche Ideen hatten, erst einmal zusammenraufen.

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Buchfigur Gideon berichtet von seiner Flucht vor den Nazis

Und gemeinsam recherchieren: Für den Hauptdarsteller ihrer Geschichte suchten sie einen jüdischen Namen, erzählt Safia. Ein Enkel, der seinen Großvater bittet, ihm etwas zu erzählen, das war der Anfang und der Rahmen ihrer Geschichte, auf den sie sich einigten.

Was der junge Gideon auf der Flucht vor den Nazis erlebt, wie er die Verhaftung seiner Eltern mit ansehen muss und seine ebenfalls untergetauchte Schwester sucht, dazu hat jede von ihnen einen eigenen Textabschnitt verfasst, erklärt Canelle.

Der Schluss war wieder ein gemeinsames Werk und ist offen: Wie Gideon seine Schwester wieder gesehen hat, möchte der Großvater am nächsten Tag berichten. Ohne es zu wissen, haben die drei eine Geschichte erzählt, die der Rolf Josephs ein bisschen ähnelt. „Das habe ich gemerkt, als ich im Buch über sein Leben gelesen habe“, sagt Safia.

100 Euro Preisgeld für den dritten Platz

Das nämlich erhielten die drei zusätzlich zu den 100 Euro Preisgeld für den dritten Platz – und besondere Einblicke in jüdisches Leben. In Berlin gehörten der Shabbat-Gottesdienst in der Synagoge in der Pestalozzistraße, eine Führung im Jüdischen Museum und ein Workshop zum Programm.

„Der Rabbiner sang die meiste Zeit und sprach Hebräisch, aber viele Texte, die er vortrug, konnten wir mitlesen“, erzählt Canelle. „Es ist aber schon eine Welt, von der wir sonst gar nichts mitbekommen“. Ein bisschen aufgeregt waren die drei, als es bei der Preisverleihung an die Präsentation ihrer Kurzgeschichte ging – und haben den Auftritt doch souverän gemeistert, findet Maria Weber.

Am Samstag werden Stolpersteine in Karlsruhe gereinigt

Ein Rollenspiel zum Einstieg und Zeichnungen zu ihrer Geschichte machten diese fürs Publikum noch plastischer. Viel Zeit haben sich auch die Initiatoren des Preises genommen und mit den Schülern diskutiert, schildert sie. „Es ist eben auch ein besonderer Preis, weil er damals von Schülern geschaffen wurde“, findet sie.

Für ihre Präsentationsprüfung zum Abschluss der zehnten Klasse wollen die drei Mädchen nun ihre Erfahrung nutzen. Motivierend sei ihr Erfolg aber für die ganze Schule. „Es gibt schon eine Gruppe, die beim nächsten Mal mitmachen will“, erzählt Maria Weber.

Auch beim Reinigen der Stolpersteine am Samstag möchte sich eine Gruppe beteiligen. Und freilich gehe es dabei auch immer wieder darum, Empathie zu wecken und zu ermutigen, sich gegen Ausgrenzung und Rassismus zu stellen.

Rolf-Joseph-Preis
Der Rolf-Joseph-Preis wird seit 2012 jährlich für Schüler der achten bis zehnten Klasse ausgeschrieben und fordert dazu auf, sich damit zu beschäftigen, was „Jüdisch-Sein“ früher bedeutete oder heute bedeutet. Die Wahl des Mediums ist den Teilnehmern überlassen, zudem können sie als Gruppe oder einzeln, mit einem Unterrichtsprojekt oder einer eigenen Initiative mitmachen.
Ins Leben gerufen hat den Preis eine frühere Schülergruppe: Als Neuntklässler des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin-Schmargendorf lernten sie bei einem Besuch der Synagoge in der Pestalozzistraße im Zuge des Religionsunterrichts Rolf Joseph kennen.
Er kam darauf zu ihnen in den Unterricht und berichtete, wie er als Berliner Jude den Nationalsozialismus überlebt hat, wie er sich jahrelang versteckte, den Schergen mehrfach in letzter Sekunde entkam und wer ihm geholfen hat. „Das hatte nichts mit Lernen aus Schulbüchern zu tun, wie wir es sonst kannten. Wir merkten, dass er seine Geschichte schon viele Male erzählt hatte und dennoch blieb das Gefühl, nicht alles erfahren zu haben“, schreibt einer der Schüler.
So folgten viele weitere Treffen, und letztlich brachten die sechs Mitglieder der „Joseph-Gruppe“ die Geschichte des Zeitzeugen zu Papier. „Ich muss weitermachen – die Geschichte des Herrn Joseph“ heißt ihr Buch, aus dessen Erlös der Preis (100 bis 300 Euro für die drei Preisträger) mit finanziert wird. Weitere Informationen gibt es unter www.rolfjosephpreis.de