Hier sind die Menschen im thüringischen Gera mit dabei, beim Rudelsingen. Es handelt sich um ein freies Singen von Pop, Schlagern oder auch anderem Liedgut in Hallen oder Lokalen. Texte werden wie beim individuellen Karaoke auf eine Leinwand projiziert. | Foto: dpa

Im Trend: Karaoke gemeinsam

Rudelsingen dringt in den Südwesten vor

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Vorigen Dezember versammelten sich rund 50 Leute auf dem Daxlander Schlaucherplatz, um gemeinsam zu singen – natürlich Weihnachtslieder. Den Text konnte man von einer Leinwand ablesen, ein Akkordeon gab den Ton vor. Derselbe Platz, das gleiche Ereignis, dann am Schmutzigen Donnerstag: Da waren es schon 80 Schmetternde, die sich an gemeinsamen Fastnachtsliedern erfreuten.

Daxlander mischten schon mit

Und der Bürgerverein Daxlanden, so Vorsitzender Reimund Horzel, plant für den Sommer die dritte Ausgabe dieses etwas anderen fröhlichen Beisammenseins. Es wurde von der Caritas-Quartiermanagerin Elvira Hauser mitangeregt und trägt einem deftigen Namen. Das Ganze nannte sich Daxlander Rudelsingen.
Nun hat die Rudelbildung im Sport keinen guten Ruf und im Geschlechtsleben ist sie eine schon sehr individuelle Geschmackssache.

Rudelsingen dringt im Südwesten vor

Den Begriff Rudelsingen kennen im Südwesten noch nicht so viele Menschen. Das Phänomen dringt jedoch von nördlicheren Gegenden Deutschlands kommend immer weiter vor. Mal wird es in Lokalen angeboten, mal über eine offizielle Plattform.

Seit 2011 gibt es dieses Kulturformat. Ausgangspunkt war Münster. Zu den offiziellen Veranstaltungen kämen monatlich 10 000 Menschen, erzählt Gründer David Rauterberg. Sein „Organisationsteam Odenwald“ ist für den Südwesten zuständig.

Vier mal in Heilbronn und zwei Mal in Stuttgart gab es schon das Original-Event. Aber über 50 Mal in Osnabrück! Beim Event Rudelsingen handelt sich um eine Art „Karaoke“ für alle. Die Besucher eines Lokals oder einer Halle bekommen Texte von Volksliedern, Schlagern oder Pop (auch in Englisch oder Italienisch) auf eine Leinwand projiziert. Jemand mit Klavier oder Gitarre gibt die Melodie an. Und alle singen lautstark mit, stehend oder sitzend.

Echt und mit Kuschelhormon

Man spürt: Das ist etwas Echtes, Analoges, Gemeinschaftsbildendes. Eine Alternative zum Contest-Hype, wo die Sänger im „Battle“ umjubelt werden sollen. Und für den nächsten Gesangstreff können die 30- bis 70-Jährigen, darunter auch Männer, sich ein Lieblingslied wünschen.

Rudelsingen kann glücklich machen, einmal im Monat. Wie Singen überhaupt das Kuschelhormon Oxytocin und wohlige Endorphine ausschüttet. Deshalb braucht man auch keinen Abgesang auf das etablierte Chorwesen anstimmen. Zukunftsbewusste Vereine haben junge, gemischte- und Gospelchöre gegründet.

Besser als mit den Wölfen zu heulen

Tolle Programme und Choreografien benötigen Übungszeit, bevor der große Kick genossen werden kann. So wie man für einen Zehn-Kilometer-Lauf oder Halbmarathon trainieren muss. Andere wollen ihre Stimme lieber nur ab und zu musikalisch einsetzen. Und dann ist Rudelsingen bestimmt besser als mit den Wölfen zu heulen.