Winfried Kretschmann beim närrischen Empfang in Stuttgart. Der grüne Ministerpräsident ist bekennender Narr. | Foto: dpa

Winfried Kretschmann wird 70

Runder Geburtstag in politisch bewegten Zeiten

Winfried Kretschmann wird morgen 70. Der Landesvater. Der Grüne. Die Lebensversicherung seiner Partei in Baden-Württemberg. Der, der schon manchen CDU-Wähler in Gewissensnöte gestürzt hat: Kretschmann wählen, obwohl er ein Grüner ist?

Als er in Indien auf Dienstreise war, zog es Winfried Kretschmann in Mumbai ins Gandhi-Museum Mani Bhavan. Lange verharrte er vor einer übergroßen Büste des legendären Freiheitskämpfers mit der runden Brille. Um ihn herum surrten Kameras und produzierten schöne Bilder für die Heimat. Eine Führerin redete unaufhörlich auf den Schwaben ein. Kretschmann blieb stumm. Staunte er? War er ergriffen? Oder einfach müde? Als der Premier später wieder auf die schwüle Straße trat, bekannte er fast entschuldigend: „Ich bin kein Pazifist.“

Die Vorzüge des Alters

„Wenn man 70 ist, geht man auf die 80 zu“, seufzte er gestern. Wenn das Alter überhaupt Vorzüge habe, dann sei es die Lebenserfahrung. „Man kann dann unterscheiden zwischen wichtigen Problemen und steriler Aufgeregtheit.“

Holprig, behäbig, authentisch

Der Mann aus Sigmaringen-Laiz bleibt ein Phänomen. Sobald die Rede auf den ergrauten Regierungschef kommt, ist das am meisten strapazierte Attribut „authentisch“. Man nimmt ihm ab, dass er meint, was er sagt. Seine mitunter holprige Rhetorik, sein für den Politikbetrieb manchmal behäbig wirkender Habitus kommt an. Man sollte nun nicht den Fehler machen, zu meinen, dieser Winfried Kretschmann sei überhaupt kein Produkt seiner Berater. Vielleicht haben sie es einfach nur geschickter verstanden als andere, auch das Ungelenke und scheinbar Nachteilige für einen Politiker zu einer weithin einmaligen Marke zusammenzubinden. Zur Marke Kretschmann.
Winfried Kretschmann. Foto: dpa
Wenn die Südwest-Grünen in Umfragen auf rund 30 Prozent Zuspruch kommen, dann gehen 15 Prozent davon auf Kretschmanns persönliches Konto. Er punktet mit Sternstunden der Gefühligkeit wie jener vor gut zwei Jahren in der Karlsruher Stadthalle, als er auf dem Hochpunkt der Flüchtlingskrise im Gespräch mit Joschka Fischer über Heimat räsonierte. Dieses starke Gefühl, sagte er, erfasse ihn stets beim Anblick des Juragesteins der Schwäbischen Alb. Man spürte genau, was er meint – auch im Badischen.
Kretschmann ist Lehrer, und er ist der derzeit wohl dienstälteste Fahrensmann der Landespolitik. 1980 zog er mit den Grünen erstmals in den Landtag ein. Als Student war er Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands; alsbald schwor er dem Linksradikalismus ab. Gefragt, was der damalige Winfried vom heutigen Kretschmann gehalten hätte, blitzt die ihm eigene Authentizität wieder auf: Er hätte ihn wohl für einen „Agenten der herrschenden Klasse“ gehalten, meint der 69-Jährige.

Vom Kritiker zum Wirtschaftsversteher

Eines jedenfalls ist gewiss: Kretschmann hat im Lauf der Jahre und Jahrzehnte manche politische Häutung vollzogen. Aus dem Kritiker des Kapitalismus ist ein Wirtschaftsversteher geworden. Seine Reise ins Silicon Valley war ein Schlüsselerlebnis für den Naturwissenschaftler, der neben Biologie und Chemie auch Ethik studiert hat. Er kam aus Kalifornien zurück mit dem Mantra, dass Baden-Württemberg und seine Wirtschaft die Speerspitze dieser disruptiven Umwälzung namens Digitalisierung sein müsse.
Überhaupt die Wirtschaft. Bald nach seiner ersten Wahl zum Regierungschef 2011 tat er den denkwürdigen Satz, weniger Autos seien besser als mehr. Darauf folgte ein Entrüstungs-Tsunami und bei Kretschmann stellte sich die Erkenntnis ein, dass man gegen die Wirtschaft nicht regieren kann. Das muss er auch nicht. Denn mit grünen Technologien lasse sich der Wohlstand halten und mehren, ist er überzeugt. Und zu grünen Technologien zählt er gern auch den Dieselmotor, sofern er nach der Abgasnorm Euro 6d-temp zertifiziert ist.

Kalkül und Überzeugung

Ähnlich wie die von ihm geschätzte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre CDU in den vergangenen Jahren merklich nach links geführt hat, hat Kretschmann die Grünen – zumindest im Südwesten – in die andere Richtung geöffnet. Das war Kalkül und Überzeugung zugleich. Bei Leuten wie dem stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden Winfried Mack hat das eine gewisse Ratlosigkeit hinterlassen. Kretschmann sei doch ein „falscher Fuffziger“ wetterte der Christdemokrat von der Ostalb zu Oppositionszeiten. Der Ministerpräsident verkaufe Politik, für die die Grünen doch gar nicht stünden.

Kein reiner Machtmensch

Ein reiner Machtmensch ist Winfried Kretschmann nicht. Die langen Linien der Politik, wie er sagt, sind ihm wichtig, das was im Gemeinwesen Sinn stiftet. Vieles dreht sich bei ihm um die Frage, wie es gelingt, die Gesellschaft auch in Zukunft zusammenzuhalten. Oft stützt er sich dabei auf die Überlegungen seiner Säulenheiligen Hannah Arendt – etwa zur Pluralität im Politischen Raum und zu Elementen direkter Demokratie. Aber auch Erwin Teufel und Manfred Rommel haben den amtierenden Südwest-Premier geprägt. Viele von Teufels Maximen hat Kretschmann verinnerlicht. Etwa die, nach der „das Amt zum Manne“ kommen müsse und nicht umgekehrt. Und an Rommel, den heiter-gelassenen OB der Landeshauptstadt haben Kretschmann die liberale Grundausrichtung und die Bereitschaft zur Versöhnung beeindruckt.

Bekennender Katholik

Sein Bekenntnis zum Katholizismus bringt dem bald 70-Jährigen gerade in seiner oberschwäbischen Heimat einigen Kredit. Dabei fasst er das Evangelium gesellschaftspolitisch weit: Die Ideale des Sozialstaats, die Bewahrung der Schöpfung oder die Würde des Menschen, das seien durchgreifende Erfolge der Evangelien in der heutigen Welt, sagt er. „Da braucht es keinen christlichen Stempel, damit es dem Geist des Neuen Testaments entspricht.“
Sich selbst nennt Kretschmann mitunter einen „pragmatischen Humanisten“. Was er damit meint, machte seine Positionierung in der Flüchtlingskrise deutlich: Die Bundeskanzlerin unterstützend, machte er sich anschließend bei vielen Parteifreunden unbeliebt, als er CDU-Innenminister Thomas Strobl mit dessen unnachgiebiger Haltung beim Thema Abschiebungen den Rücken stärkte. Dem unter Druck geratenen Stellvertreter sprang er auch bei, als dieser sich im Nachgang zu den Ereignissen von Ellwangen dem Vorwurf mangelhafter Informationspolitik ausgesetzt sah. Überhaupt: Geht es um den Nachweis, dass Grün-Schwarz funktioniert, hat Kretschmann oft eine erstaunliche Flexibilität. Die Grünen in Regierungsverantwortung zu bringen, ist sein politisches Lebensprojekt. Im Südwesten hat er es geschafft. Im Bund war zumindest für Jamaika die Zeit noch nicht reif.