Reisebüro Oberreut
GANZ ENTSPANNT gehen Natalia Filippova und ihr Mann Alexander Poberewski die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland an. Im Reisebüro am Oberreuter Zentrum wurden nur wenige Flüge mehr als üblich nach Moskau oder Krasnodar gebucht. | Foto: ruh

Russische Wurzeln in Oberreut

Russland spielt keinen großen Ball

Es kann losgehen. Seit Mittwoch ist auch Daniel bereit für das große Fußballfest in Russland. Zum zwölften Geburtstag bekam der junge Oberreuter von seinen Eltern ein Trikot der Nationalmannschaft geschenkt. Seine Eltern sind zwar gebürtige Russen wie viele Menschen im Stadtteil, aber „natürlich“ streift Fußballfan Daniel jetzt ein weißes Leibchen der Löw-Elf zur Fernsehübertragung über.

Überhaupt spielt Putins Russland nicht nur beim Fußball für die Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Karlsruhe gekommen sind, keinen großen Ball mehr.

„Sbornaja“ ist nur Außenseiter

Die „Sbornaja“ ist selbst bei der Heim-WM in Russland wenig beachtet, denn das Leistungsvermögen des russischen Nationalteams wird nicht gerade hoch eingeschätzt. „Die Russen überstehen in einer ganz schwachen Gruppe die Vorrunde, aber im Achtelfinale ist Schluss“, meint stellvertretend für die anderen Befragten ein alter Fußballhase, der lange in der Steppe Kasachstans lebte.

Etwas mehr Flüge

„Es wird etwa 15 Prozent mehr als voriges Jahr nach Russland geflogen“, berichtet Alexander Poberewski, Geschäftsführer von Grand Reisen, dem Reisebüro im Mix-Markt mitten in Oberreut. Seine Frau Natalia Filippova, die aus Tula, 200 Kilometer südlich von Moskau stammt, lässt die WM völlig kalt.

Ihr Mann Alexander, der in der damaligen SU-Republik Moldawien aufwuchs, hält „selbstverständlich mit Russland“. Auf die Frage „Wird Russland Weltmeister?“ aber lacht er nur – völlig entkrampft, und die Mithörer aus den Weiten des alten Sowjetreichs stimmen herzhaft ein.

alter mann aus Kasachstan
GELASSENHEIT bei grassierendem Fußballfieber demonstriert im Oberreuter Zentrum der lebenserfahrene Wilhelm Rifel. | Foto: ruh

Wilhelm Rifel lässt der ganze WM-Trubel ziemlich kalt. Seit 25 Jahren lebt der 84-Jährige in Deutschland. Es gehe ihm gut in Oberreut, mit Russland will er nichts mehr zu tun haben. „Ich denke gar nicht mehr dran“, erklärt der frühere Zimmermann, der mit sieben Jahren auf Stalins Befehl aus dem russischen Kaukasus wie viele deutschstämmige Russen, die jetzt in Oberreut leben, nach Kasachstan umgesiedelt und verbannt wurde. Den Anpfiff der WM will er aber nun doch nicht verpassen.

Star-Frisur bei „Galina Ganz“

Auch im Friseursalon „Galina Glanz“ am Platz spielt die Russland-WM eine untergeordnete Rolle. Immerhin verlangten einige Jungs gerade verstärkt nach einem „Fußballer-Schnitt“, erzählt eine Friseurin. Doch keiner der russischen Spitzenkicker sei als Haarmodell gefragt, auch die Oberreuter Jungfans mit russischen Vorfahren wollen jetzt aussehen wie Ronaldo oder Reus.

Polinnen in Vorfreude

In blendender Vorfreude auf die WM strahlen dagegen die Freundinnen Grazyna Gawenda und Kornelia Pismiok. Die Polinnen strahlen wie alle in Oberreut befragten Landsleute dank ihres Torjägers Robert Lewandowski großen Optimismus aus.

„Wir schauen zusammen mit Freunden, jede Woche zwei Spiele – das polnische und das deutsche, da kommt jede Familie als Gastgeber dran“, erzählt Gawenda. Und dann schwärmt sie von Polens Stars vor 44 Jahren, wie Lato und Gadocha 1974 bei der WM in Deutschland glänzten.

Fan
DIE HAARE FERTIG: Arno Eiermann ist schon von Schopf bis Fuß in WM-Form. | Foto: ruh

Auch für Arno Eiermann, der schon in voller Farbpracht am Oberreut Zentrum vorfährt, kann die WM jetzt losgehen. Der 57-Jährige ist frisch in Schwarz-Rot-Gold eingefärbt. Für den treuen Fan ist es seit 2002 die fünfte Weltmeisterschaft, bei der er seine Haare in den Nationalfarben leuchten lässt.