Grüne Kreativschmiede: Silke Wilhelm (links) betreibt seit 2002 ihren Blumenladen „Die Kornblume“ in Beiertheim. Derzeit bildet sie Marta Spurk aus. Die Zahl der Auszubildenden in diesem Beruf ist in den vergangenen Jahren rapide gesunken. | Foto: jodo

Immer weniger Blumengeschäfte

Sag mir, wo die Blumen sind…

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Die ältere Frau, die ihre Einkäufe aus dem Auto holt, zuckt ratlos die Schultern: „Im Dezember habe ich noch einen Weihnachtsstern gekauft.“ Jetzt blüht hier nichts mehr. Die Steinkübel vor dem Eingang leer, die Tür verschlossen, die Schaufenster zugeklebt. Nur der Schriftzug erinnert an das, was in dem Ladengeschäft in der Neureuter Hauptstraße unweit der Südkirche viele Jahre lang war: Blumenhaus Riedler. Seit Anfang des Jahres stehe der Blumenladen leer, berichtet ein Kunde in der nahen Bäckerei Glutsch.

 „Die Pusteblume“ ist verblüht

In der Bäckerei in der Neureuter Hauptstraße bedauert man nicht nur den aufgegebenen Blumenladen, sondern auch die Schließung der Metzgerei Gross in der Kirchfeldsiedlung. Das Blumengeschäft „Pusteblume“ ist dort auch „verblüht“. Die kleinen Fachgeschäfte verschwinden immer mehr, beklagt der Bäckereikunde, der inzwischen an einem Kaffee nippt. „Aber beim Edeka bekommen sie doch Blumen“, wirft eine Kundin in die Runde und steckt ihr Brot in die Einkaufstasche. Genau das ist ein Teil des Problems.

Das Kaufverhalten hat sich verändert – die Leute wollen es möglichst bequem.

„Das Kaufverhalten hat sich verändert. Die Leute wollen am liebsten alles an einem Platz, unter einem Dach im Supermarkt. In meiner Generation ging man noch zum Bäcker, zum Metzger, zum Blumenladen – jetzt wollen es die Leute möglichst bequem“, sagt Bernhard Stolz. In seiner Gärtnerei, die inzwischen sein Sohn Matthias in vierter Generation führt, baut Bernhard Stolz neben Gemüse auch Tulpen, Sommerblumen sowie Beet- und Balkonpflanzen an. Das Geschäft mit den Blumen ist rückläufig.

Ausgeblüht: Das Geschäft mit Blumen ist rückläufig, sagt Gärtnermeister Bernhard Stolz aus Neureut. Viele Kunden kaufen lieber im Supermarkt – aus Bequemlichkeit. | Foto: jodo

„Die Leute setzen andere Prioritäten – vielen sind Freizeit und Urlaube wichtig. Da macht sich keiner die Mühe, den Balkon zu bepflanzen“, so Stolz, der sich noch gut erinnert, als es „allein im Neureuter Ortskern vier Blumenläden gab.“ Geblieben ist nur noch das Floristikgeschäft „Atelier Stolz“. Dort waren die Türen in den vergangenen Tagen ebenfalls geschlossen – allerdings nur aus Urlaubsgründen.

Das leise Verschwinden der Blumenläden

Das leise Verschwinden der Blumenläden beobachtet Rudi Dürr mit Sorge. Er kennt die Branche. Sein Laden „Blumen Dürr“ hinter der Bernharduskirche in der Oststadt ist seit 65 Jahren im Familienbesitz, der 69-Jährige ist Vorsitzender und Sprecher der Bezirksgruppe Karlsruhe beim Fachverband Deutscher Floristen. „Man kann sehr wohl von einem Blumenladensterben sprechen“, sagt er und rechnet vor: Von den einst bis zu 60 Fachgeschäften gibt es in Karlsruhe nur noch rund 25.

Blumen aus dem Discounter

Im Rest der Republik sieht es nicht anders aus: Wie die Süddeutsche Zeitung vor einigen Wochen in einem Bericht über das Blumenladensterben schrieb, schätzt der Fachverband Deutscher Floristen, dass es bundesweit nur noch 10 000 bis 12 000 Blumenläden gibt, vor zehn Jahren waren es noch um die 15 000 gewesen. Die Menschen haben aber nicht etwa die Freude an Blumen verloren – viele kaufen sie nur woanders: beim Discounter, im Supermarkt, an der Tankstelle, im Baumarkt. Man schiebt den Wagen mit dem Wochenendeinkauf zur Kasse und greift dort spontan nach dem Tulpenbund für 1,99 Euro aus dem Plastikeimer.

Dienstleistung gibt es nur im Fachgeschäft.

Die Qualität der Blumen aus dem Supermarkt sei nicht schlecht, sagt Dürr, „aber Sie werden dort keine Dienstleistung bekommen. Die gibt es nur im Fachgeschäft“, betont er. „Der Florist hört Ihnen genau zu und setzt das um, was Sie wünschen. Er geht auf jeden Kunden individuell ein.“ Und Individualität sei besonders bei Hochzeits- Geburtstags- und Trauerfloristik gefragt.

Mangel an Auszubildenden

Das veränderte Kaufverhalten ist das eine. Mancher Blumenladen aber schließt, weil er keinen Nachfolger findet. Floristenlehrlinge sind zur Rarität geworden. „Wir hatten immer rund 30 Auszubildende in jedem Lehrjahr, aktuell haben wir im ersten Lehrjahr nur zwölf Azubis“, sagt Dürr, der Prüfungsvorsitzender ist.
Das bedauert auch Silke Wilhelm, Inhaberin des Ladens „Die Kornblume“ in Beiertheim. Die Meisterfloristin sitzt ebenfalls im Prüfungsgremium. „Von den einst drei Schulstandorten – Pforzheim, Bühl und Karlsruhe – ist nur noch Karlsruhe geblieben. Wir haben nur zwei angehende Floristen, die im Sommer ihre Abschlussprüfung machen werden“, berichtet Wilhelm.

Viele junge Leute wollen lieber im warmen, sauberen Büro sitzen.

Viele junge Leute möchten heute lieber in einem warmen, sauberen Büro sitzen. Sie wollen feste Arbeitszeiten und freie Wochenenden. Die 45-Jährige würde ihren Beruf gegen keinen Bürostuhl der Welt tauschen, sie liebt Blumen und die Kreativität ihres Berufs. Wilhelm weiß aber auch, dass der Verdienst nicht sehr üppig ist: „Als angestellter Florist fängt man mit rund 1 500 Euro brutto an.“

Silke Wilhelm mangelt es nicht an Kunden und Arbeit. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt sie. Das Geheimnis des Erfolgs? „Man muss Spaß am Beruf haben. Und man muss sich Mühe geben – eine besondere Auswahl an Blumen haben und den Kunden keinen Standard, sondern etwas Besonderes, etwas anderes bieten, was sie nicht überall sehen“, ist sie überzeugt. Bei Sträußen und Gestecken, die die Kunden verschenken, darf es übrigens gerne hochpreisig sein. „Die Leute sparen eher bei sich selbst, die Blumen für zuhause – das decken die Discounter ab.“

Von der Innenarchitektin zur Floristin

Eine der zwölf Azubis im ersten Lehrjahr ist Marta Spurk. Ihre Ausbildung absolviert sie bei Silke Wilhelm. Die große, schlanke Frau ist kein Durchschnitts-Azubi. Spurk ist 49 Jahre alt und Innenarchitektin. Den Beruf gab sie auf, als sie Mutter wurde. „Meine Kinder waren sehr schwierig, ich musste bei ihnen zuhause bleiben. Als sie groß waren und ich in meinen Beruf zurück wollte, hatte ich keine Chance.“ Das nagte an der Psyche, die verschiedenen Mini-Jobs machten sie nicht zufrieden. Als sie von einem Praktikum im Blumenladen hörte, bewarb sie sich – und kam zu Silke Wilhelm, die sie ganz schnell mit ihrer Kreativität überzeugte. Ausgerechnet an Muttertag, dem Tag der Floristen schlechthin. Marta Spurk band einen originellen Strauß nach dem anderen. An Ideen mangelte es der 49-Jährigen nicht, nur an der Technik. Die lernt sie jetzt bei Silke Wilhelm.