Saltatio Mortis bringen mit "Brot und Spiele" ihr elftes Studioalbum heraus.
Saltatio Mortis bringen mit "Brot und Spiele" ihr elftes Studioalbum heraus. | Foto: Eikelpoth

Zu Besuch bei den BNN

Saltatio Mortis sprechen über neues Album „Brot und Spiele“

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„Als Gunter damals mit 1.000 CDs in den Proberaum gekommen ist, haben wir ihn gefragt: Bist du wahnsinnig?“, lacht Timo Gleichmann. „Aber nach fünf Festivaltagen in Schweden waren sie alle verkauft.“

Man kann sagen, dass mit dieser Episode im Jahr 2001 die Geschichte jener Band erst richtig begann, mit der Timo Gleichmann als Lasterbalk der Lästerliche und Gunter Kopf als Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein bekannt geworden sind. Die beiden Karlsruher sind Gründungsmitglieder der Mittelalterrock-Formation Saltatio Mortis, die zum Zeitpunkt der ersten CD zwar schon bundesweit mit vollem Live-Terminkalender unterwegs war, sich aber lange dagegen gewehrt hatte, eine Platte zu veröffentlichen. Das hat sich grundlegend geändert: An diesem Freitag erscheint mit „Brot und Spiele“ das mittlerweile elfte Album von „Saltatio Mortis“ (lateinisch für „Totentanz“).

Und um die Nachfrage muss die Band sich wohl kaum Sorgen machen: Die beiden Vorgänger „Das schwarze 1×1“ (2013) und „Zirkus Zeitgeist“ (2015) haben jeweils Platz 1 der Album-Charts belegt. Auch sonst hat sich vieles getan seit den Anfangsjahren: Von der Instrumentalgruppe mit Dudelsäcken und Trommeln hat sich Saltatio Mortis zur Rockband entwickelt, die Hallen füllt, Festivals wie das Metal-Mekka in Wacken rockt und textlich klar Stellung zu aktuellen Themen bezieht.

Albumtitel „Brot und Spiele“: Mahnung aus der Antike

Auf der neuen Platte geht es beispielsweise um den schwindenden Zusammenhalt in Europa oder um den Überfluss an medialer Ablenkung. „Der Titel ,Brot und Spiele‘ bezieht sich auf die Befürchtung, dass wir in spätrömischen Zeiten leben“, erklären Gleichmann und Kopf bei einem Besuch in der BNN-Redaktion anlässlich der neuen Platte. „Man ist so vielen Ablenkungen ausgesetzt, dass man versäumt, die Realität zu sehen.“ Auch den Einfluss sozialer Medien auf die öffentliche Diskussion sehen sie kritisch: „Da landen per Algorithmus die zehn lautesten Schreihälse mit der negativsten Botschaft ganz oben – ich finde es schade, dass wir dem so viel Raum geben“, sagt Gleichmann.

Besonders deutlich wird er als Texter im Song „Besorgter Bürger“: „Im eigentlichen Wortsinn ist ein besorgter Bürger ja etwas Positives – nämlich jemand, der Sorge trägt um das Gemeinwesen Staat. Aber dieser Begriff ist von rechts gekapert worden, und das muss man auch so benennen.“

Der Wunsch nach aktuellen Themen war schon früh da

Wie passen solche Texte zusammen mit der Herkunft der Band aus der Mittelalterszene? „Wir haben schon immer politisch Stellung bezogen – auch früher als Instrumentalband, nämlich in unseren Ansagen statt in Songtexten“, betont Kopf. „Der Wunsch nach aktuellen Themen war schon früh da“, ergänzt Gleichmann. „,Fiat Lux‘ vom Album ,Sturm aufs Paradies‘ ist zum Beispiel ein Anti-Atomkraft-Lied, aber in mittelalterlicher Metaphorik.“

Im Lauf der Bandentwicklung habe er sich immer häufiger gefragt: „Wer definiert eigentlich, dass ich als Mensch des 21. Jahrhunderts meine Sprache reduzieren muss auf das Mittelalter?“ Diese Entwicklung gelte auch für die Musik: „Mitunter wird uns vorgeworfen, wir würden aus Kommerzgründen jetzt eher Deutschrock als Mittelalterrock machen“, berichtet Gleichmann. „Das wundert mich – erstens stimmt es nicht, und zweitens wäre es, wenn es uns wirklich um Kommerz ginge, doch einfacher, immer wieder das anzubieten, was die Leute schon von uns kennen.“

Auch der erste Impuls zum gemeinsamen Musikmachen war kein Masterplan für Chartplatzierungen, sondern die Begeisterung dafür, welche Energie entsteht, wenn man gemeinsam loslegt, erinnern sich die beiden. „Bei einem Mittelalter-Fest 1999 auf der Ronneburg bei Frankfurt haben wir im Burgkeller ein paar Gleichgesinnte getroffen – da stand zum ersten Mal unsere Urbesetzung auf dem Tisch und hat gespielt, und zwar die ganze Nacht lang. Das war ein so großartiges Erlebnis, dass wir danach beschlossen haben, einen Proberaum zu suchen und das regelmäßig zu machen.“

 

Den ersten großen Schritt markierte 2001 die Mittelalterwoche in Visby – „das Woodstock der Szene“, wie Kopf erklärt. „Um die Fahrtkosten dorthin reinzukriegen, haben wir ein Demo, das wir für Bewerbungen bei Mittelaltermärkten aufgenommen hatten, auf CD gepresst.“ Nämlich auf die eingangs erwähnten 1.000 Stück. „Das war billiger als 500“, grinst Kopf. „Ja, im Stückpreis schon“, lacht Gleichmann, „aber in der Summe natürlich nicht. Wir hatten keine Ahnung, wie wir die Rechnung bezahlen sollten.“

Saltatio Mortis hielten sich 2006 mit Weihnachtsmärkten über Wasser

Die Frage stellte sich bald nicht mehr, denn die Scheiben wurden ihnen geradezu aus den Händen gerissen. Was aber eine neue Frage aufbrachte: Wie sollte es langfristig weitergehen? Der Weg von der Spielmannkultur zur modernen Band mit eigenem Material führte über mehrere Platten zu einer größeren Umbesetzung und einem Neustart 2007 mit „Aus der Asche“. Wobei der Plattentitel ernst gemeint war: „Den Winter 2006 in Karlsruhe haben wir nur überstanden, indem wir die Weihnachtsmärkte in der Region abgefahren sind.“

Durch diesen Prozess ist die Band darin geschult, den eigenen Weg mit Hartnäckigkeit zu verfolgen – weshalb sie auch leichte Trübungen im Verhältnis zu ihrer Heimatstadt als „sportlichen Stachel im Fleisch“ sehen, wie Kopf erklärt: „Wir wollten seit unserer Bandgründung unbedingt mal auf dem ‘Fest’ spielen und zwischendurch haben wir uns schon gefragt, was man als Karlsruher Band denn dafür noch alles erreichen muss.“

Umso mehr bedauern sie, dass die im Oktober anstehende Tour nicht in Karlsruhe Station macht: „Wir sitzen bei den Saalgrößen zwischen den Stühlen“, erklärt Gleichmann. „Das Substage ist zu klein, die Schwarzwaldhalle ist zu groß.“ Aber in einer globalisierten Welt, fügt der reisefreudige Spielmann hinzu, sei Wiesbaden oder Filderstadt doch auch nicht soooo weit entfernt …

Das Album „Brot und Spiele“ gibt es – neben besonderen Ausführungen für Fans – in zwei Hauptversionen: Die Standard-Edition umfasst eine CD mit 13 Songs, die „Limited Deluxe Edition“ enthält eine zweite CD, „Ad Fontes“, mit weiteren 13 Songs.