AUF DER LEARNTEC hat die Messe Karlsruhe digitale Möglichkeiten getestet, um die Besucherbetreuung und -bindung zu verbessern. | Foto: jodo

Digitalisierung

Scanner statt Visitenkarte: So digital ist die Messe Karlsruhe

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Insider wissen es schon längst: Der Weltkonzern SAP ist immer wieder Mieter der Messe Karlsruhe. Auf der „D-Kom“ waren zu Jahresbeginn über 6.000 SAP-Entwickler dabei. Es liegt auf der Hand, dass die Softwareschmiede eine Top IT-Infrastruktur in Karlsruhe braucht. Das WLAN wurde dementsprechend nochmals aufgerüstet, sagt Messe-Chefin Britta Wirtz im Gespräch mit dieser Zeitung.

Trotz des Internets gibt es weiterhin Messen – die persönliche Begegnung zählt offenbar in diesen oft so anonymen Zeiten. Dennoch müssen sich die deutschen Messestandorte weiter an die digitale Welt anpassen.

Messe Karlsruhe testete neuen Service auf der Learntec

Ein Beispiel nennt Wirtz: Auf der jüngsten Learntec, Kongressmesse für digitale Bildung, wurden weniger klassische Visitenkarten als früher ausgetauscht. Etliche Fachbesucher ließen an den Ständen ihren Learntec-Ausweis abscannen – per Smartphone oder speziellen Geräten. So hatten die Aussteller und ihre Vertriebsmitarbeiter gleich die Kontaktdaten von Interessenten.

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An den drei Learntec-Tagen sei dieses Angebot über 10.000 mal genutzt worden, zeigt sich Wirtz begeistert. Sie können sich nach diesem Pilotversuch nun vorstellen, dieses Dienstleistung „sukzessive auf andere Messen im IT-Umfeld auszurollen“.

„Match Making“ ist ein bisschen wie Tinder

Die „Learntec-App“ sei mit einem Plus von 43 Prozent deutlich öfter heruntergeladen worden. Das sogenannte „Match Making“ ist ein – freiwilliges – Angebot innerhalb der App. Ein Anwendungsbeispiel: Ein Besucher gibt ein, für welche Themen er sich interessiert. Die App zeigt ihm geeignete Vorträge und Aussteller an. Letztere werden parallel informiert, können den Besucher gezielter ansprechen und mit ihm auch nach der Messe in Kontakt bleiben.

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Kontaktpflege ist vieles bei Messen: Auch hier wollen die Karlsruhe ihre digitalen Möglichkeiten ausbauen. Ein Beispiel: Bei der Registrierung gibt ein Fachbesucher seine E-Mail-Adresse an, wird so während der Messe detailliert informiert und am Abend per Mail nett verabschiedet. Es versteht sich von selbst, dass der Kontakt für die Folgemesse bestehen bleibt.

Standausstattung wird im Online-Service-Center zusammen gestellt

Zu den Ausstellern: Die mussten früher – oft mit Durchschlag – per Formular angeben, was sie für ihren Stand so alles wünschen. „Das war einmal“, sagt Wirtz. „Wir bieten über 3.000 Dienstleistungen für Aussteller in unserem Online-Service-Center an.“

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Das fängt beim Teppichboden an, den ein Kunde an seinem Stand wünscht, geht über Blumen, Hostessen, elektrische Anschlüsse bis hin zur Art der Standwände. Die Bestellungen werden laut Wirtz dann an die Lieferanten beziehungsweise Dienstleister weitergeleitet, mit denen die Messe Karlsruhe zusammenarbeitet.

Was der Kunde einmal gewünscht hat, bleibt im System hinterlegt. Bei der kommenden Messe muss er also nur auf Änderungswünsche eingehen.

Hintergrund
Des einen Leid ist des anderen Freud’: Die internationale Automobil-Ausstellung IAA steckt auch deswegen in der Krise, weil viele Aussteller auf Technologiemessen wie die CES in Las Vegas setzen. Die CeBIT in Hannover ist Geschichte, da jede Branchenmesse, die etwas auf sich hält, digitale Themen spielt. Die Resale, einst größte Gebrauchtmaschinenmesse der Welt und in Karlsruhe groß geworden, wurde auch durch entsprechende Angeboten im Internet obsolet. Weil Virtual-Reality-Brillen auf Messen eingesetzt werden, muss dort nicht mehr so viel gezeigt werden. Die Stände sind kleiner geworden. Das schmälert die Einnahmen der Messegesellschaften. Und dennoch boomen Messen weltweit – auch, weil die Digitalisierung ihnen Chancen bietet. Die Technik ermöglicht es, dass Messeveranstalter und Aussteller ziemlich komfortabel das ganze Jahr über mit ihren Kunden in Kontakt bleiben können. „Matchmaking“, wie es auch die Messe Karlsruhe bei der Learntec anbot – eine Art „Tinder“ für Aussteller und Besucher –, ist eine weitere Chance für zusätzliche Einnahmequellen. Messen als Datenhändler: Die Deutsche Messe hat mit ihrer Hannover Messe AG gezeigt, wie es funktionieren kann: Auf freiwilliger Basis bekamen bei der jüngsten Auflage der weltweit größten Industriemesse 20.000 Besucher einen Bluetooth-Sender verpasst. Damit ließen sich deren Laufwege und Verweildauer nachvollziehen. Der Veranstalter weiß nun, wie seine künftige Hannover Messe attraktiver gestaltet werden kann. Anonymisierte Bewegungsdaten sind aber auch für Aussteller interessant. Die Koelnmesse hingegen arbeitet an einer Routenplanungs-App, damit ihre Besucher rascher zur Messe kommen können.