„Chef auf dem Platz“: Der 14-jährige Silas Linnebach leitete im März in Mingolsheim erstmals eine Fußballpartie. | Foto: Kochanek

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Schiedsrichter: „Wir pfeifen aus dem letzten Loch“

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an.

Die Nummer zehn: Der Schiedsrichtermangel wird zum Problem.

An einem Wochenende im Mai war es soweit. Im Fußballkreis Bruchsal war das eingetreten, was man in der Energiewirtschaft einen Blackout nennt: Zumindest punktuell gelang es nicht mehr, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. In der Kreisklasse C2 fiel ein ganzer Spieltag nahezu komplett aus. Der Grund: Es waren einfach zu wenige Schiedsrichter verfügbar. Wirklich überraschend kam das auch für die Verantwortlichen des Fußballkreises nicht, der Schiedsrichtermangel ist seit Jahren ein allzubekanntes Problem.

Manche Vereine haben überhaupt keine Referees

„An manchen Wochenende pfeifen wir aus dem letzten Loch“, sagt der Vorsitzende des Kreisschiedsrichterausschusses, Thomas Nitsch aus Östringen, der selbst für den TSV Oberöwisheim Partien leitet. Auch wenn der Spielbetrieb an den allermeisten Wochenenden aufrecht erhalten werden könne, sei die Lage extrem angespannt. Statt der rund 200 Unparteiischen, die die Soll-Rechnung vorsieht, sind es nur wenige mehr als 100, die allwöchentlich die Spiele leiten und auch noch regelmäßig ihre Lehrgänge besuchen (siehe Grafik). Teilweise wird auch schon von erfolgreichen Abwerbeversuchen einzelner Clubs berichtet, die damit die Geldstrafen umgehen wollen, was auch Nitsch bestätigt. Vereine wie der SV Menzingen und der SV Oberderdingen stellten zuletzt überhaupt keine Referees. „Wir können machen, was wir wollen. Wir finden niemanden, der es machen will“, sagte ein Vereinsvertreter beim Kreistag im Frühjahr dazu. Viele andere nickten.

Bei derselben Veranstaltung wurde daher die Satzung geändert. Herrscht künftig an einem Spieltag Mangel, muss der Heimverein in der Kreisklasse C selbst dafür sorgen, dass jemand die Partie leitet. „Das ist unbefriedigend, aber nicht zu ändern“, sagte der Kreisvorsitzende Heinz Blattner dazu. Unbefriedigend ist es vor allem deshalb, weil es nur ein herumdoktern an den Symptomen ist. Wichtiger wäre die Ursachenbekämpfung – daran haben sich Verband und die Kreise verstärkt gemacht.

Patenmodell soll die Abbrecherquote senken

Ein gutes Beispiel ist Silas Linnebach. Erst seit März leitet der 14-Jährige Spiele. Nach wenigen Wochen darf der Reilinger, der auf der Schiedsrichterliste des FC Östringen steht, bereits Spiele der B-Junioren pfeifen. „Silas ist sehr ehrgeizig und nimmt jeden Rat an“, sagt sein Pate Thorsten Kimling. „Ich bin mir sicher, er wird seinen Weg machen.“ Kimling, selbst seit vielen Jahren als Unparteiischer im Einsatz, ist Mitglied im Schiedsrichterausschuss des Fußballkreises und kennt die Schwierigkeiten. Die Akquise als solche sei noch nicht einmal das Problem, stellt er fest. Die Neulingskurse sind in der Regel gut besucht. Schwerer sei es, die Nachwuchskräfte bei der Stange zu halten. „Viele gehen irgendwann studieren, andere treten wegen der Ausbildung und Schule kürzer“, sagt Kimling. Ein großes Problem seien aber auch die Anfeindungen und Pöbeleien auf dem Platz, die schnell für Frustration bei jungen Menschen sorgen können.
Hier soll das Patenmodell, das der Verband auch auf Vorschlag des Fußballkreises Bruchsal eingeführt hat, gegenwirken. Ein erfahrener Referee begleitet die Neulinge in ihrer Anfangszeit, greift im Zweifel deeskalierend ein, versucht aber auch, seine Schützlinge zu bestärken und auf ihre Befindlichkeiten einzugehen. Sie sollen sich nicht allein gelassen fühlen. „Das ist eine gute Sache, auch wenn es mehr Aufwand bedeutet“, findet Kimling.

Wertschätzung spielt eine wichtige Rolle

Ein weiterer Punkt, der eine wichtige Rolle spielt, ist die Wertschätzung der Schiedsrichter im Verein. Vorzeigeclub ist dabei eben der FC Östringen, der mit elf aktiven Unparteiischen die meisten im Kreis hat. „Es ist wichtig, eine Person zu haben, die sich für die Interessen der Schiedsrichter einsetzt“, sagt der Östringer Adelbert Frank, der auch Schriftführer der Schiedsrichtervereinigung ist. „Mal ein Präsent bei der Vereinsfeier oder einfach schon die Bezahlung von Trikots und anderer notwendiger Utensilien“ seien entscheidende Signale. Auf der Homepage des Landesligisten werden alle Unparteiischen persönlich vorstellt – so etwas gibt es bei den wenigsten Vereinen im Kreis. „Oft sind Schiedsrichter ein ,geduldetes Übel’, und das ist natürlich schlecht“, sagt Frank. Auch von Seiten des Verbands kommt ihm zu wenig: „Es ist für alles Geld da, aber nicht für die Basis.“

Verband erhöht die Aufwandsentschädigungen

Diesen Eindruck möchte der Badische Fußballverband widerlegen. Im Dialog will das Präsidium „Stellschrauben identifiziert“ haben, an denen gedreht werden kann, um die Situation zu entspannen, wie es in der neuesten Pressemitteilung zum Thema heißt. So werden zur kommenden Saison die Aufwandsentschädigungen angepasst. Für eine Spielleitung in der Kreisklasse B gibt es zum Beispiel zukünftig 33 statt 25 Euro (zuzüglich Fahrgeld), für eine Partie der C-Junioren sind es 15 statt 13 Euro. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung, das allerdings die Vereine bezahlen. Ob sich der Mangel damit beheben lässt, darf stark bezweifelt werden, denn Geld ist für die allermeisten der kleinste Antrieb, in die Schiedsrichterei zu gehen.
Gewalt, vor allem verbaler Art, bleibt weiter ein Problem, das sich auch mit Spesen und Entschädigungen nicht lösen lässt. Ende September des vergangenen Jahres beleidigte ein Spieler des FC Germania Singen aus dem Enzkreis die Schiedsrichterin Ines Bechtel vom ATSV Mutschelbach mit den Worten „Du gehörst in die Küche!“. Nur zwei Wochen später stellte der SV Oberderdingen in der Kreisliga-Partie beim FV Neuthard nach drei Platzverweisen das Spielen ein und teilte danach verbal ordentlich gegen dieselbe Unparteiische aus. Bechtel selbst nahm es sportlich: „Für manche Mannschaften ist es wohl komisch, wenn eine Frau auf dem Platz das Sagen hat.“ Frank vom FC Östringen stört bei der Sache, dass besonders die Vereine, die selbst keine Schiedsrichter haben, meist am Unangenehmsten auffallen.

Schiedsrichter bleiben Reizthema an den Stammtischen

Dass es auch umgekehrt geht, zeigt ein kurioser Fall von Ende April. Zum Spiel der A-Klasse zwischen der Spvgg Oberhausen und dem FC Forst hatte der Referee aus der Pfalz einen Baseballschläger mitgebracht und damit Spieler sowie Zuschauer bedroht. Es war wohl seine Art, auf die, aus seiner Sicht, unqualifizierte Kritik von außen zu reagieren, die auf den Sportplätzen eher die Regel als die Ausnahme ist. So oder so, die Spielleitung bleibt an den Seitenlinien und Stammtischen ein Reizthema.
Einer der es geschafft hat, ist Tobias Fritsch. Der Untergrombacher, der vom 1. FC Bruchsal kommt, hat sich bis in die Dritte Liga hochgearbeitet und macht allen Mut, die sich auf den Amateurplätzen herumschlagen. „Pfeifen sorgt für eine enorm starke Persönlichkeit“, sagt er.
Ehrgeizig geht auch Linnebach seine Partien an, obwohl der Reilinger erst 14 Jahre alt ist. „Es ist toll, der Chef auf dem Platz zu sein“, sagt er. Mittlerweile spielt er sogar mit dem Gedanken, mit dem American Football, das er nebenbei spielt, aufzuhören und sich auf das Pfeifen zu konzentrieren. Es bräuchte mehr Nachwuchskräfte wie ihn.