Eine Straßenbahn am Europaplatz.
Die gelbe Wand soll weg. So sieht es die Kombilösung vor, an der seit 2010 gebaut wird. Die Karlsruher stimmten 2002 gerade wegen des Verschwindens der Bahnen aus der Kaiserstraße der Kombi mehrheitlich zu. Dagegen fiel die U-Strab mit weiter oberirdischem Verkehr in der Fußgängerzone 1996 beim ersten Bürgerentscheid durch. | Foto: Kevin.B/Wikimedia

Forderung von Fahrgastverband

Schienen in der Fußgängerzone: Doch weiter Bahnen durch die Kaiserstraße?

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Da nun die vermutlich frühestens Ende 2021 anbrechende Kombi-Zeit langsam näher rückt, kommt eine alte Idee, die nie tot war, wieder mit Macht zum Vorschein: Die Gleise sollen in der Kaiserstraße bleiben und es sollen dort weiter Bahnen rollen.

Mit diesem Verstoß gegen die Kombi würde man sich den Schienenweg durch die Einkaufsmeile erhalten, zusätzlich zu den zwei U-Strab-Gleisen in der von „Giulia“ gebohrten Röhre unter der Kaiserstraße sowie im Südabzweig unter dem Marktplatz, der Karl-Friedrich-Straße und der Ettlinger Straße sowie dem dann auch neuen Doppelgleis in der Kriegsstraße.

Durch den Tunnel abgehängt?

Der Fahrgastverband Pro Bahn macht sich für diesen Kombi-Bruch stark und will damit nun in die öffentliche Auseinandersetzung gehen. Nur so könnten ganz besonders die Fahrgäste aus der Südstadt und der Südweststadt sowie aus anderen Quartieren wieder gut – also direkt an die Fußgängerzone Kaiserstraße und Marktplatz – angebunden werden, meinen die Pro Bahnler.
Fallen aber die oberirdischen Fahrten bei Inbetriebnahme des U-Strab-Tunnels weg, können die Bahnen im Westen von der Karlstraße am Europaplatz und im Osten von der Fritz-Erler-Straße am Kronenplatz nicht mehr zum Marktplatz einbiegen.
Pro Bahn sieht darin einen gehörigen Nachteil für viele Karlsruher. Die neue Alternative Kriegsstraße mit oberirdischem Halt am Ettlinger Tor stuft Pro Bahn als minderwertig ein.

Verband Anwalt des Volks?

„Die Leute wollen doch weiter direkt in die Kaiserstraße“, meint Willy Pastorini, der Liniennetz-Experte von Pro Bahn. Folglich lassen die Interessenvertreter der Passagiere die Umsteigemöglichkeiten von oben nach unten am Ettlinger Tor, am Europaplatz und am Kronenplatz nicht als adäquaten Ersatz gelten.
Pro Bahn hat deshalb einen Alternativplan entwickelt. Er sieht drei oberirdische Linien in der Kaiserstraße vor. Dies sollen laut Pastorini die Linien 3,4 und 5 sein. Unterirdisch rollen nach Vorstellung von Pro Bahn die Straßenbahnen 1 und 2 sowie die Stadtbahnen S 1/11, S 2, S 4 und S 5, S 7 und S 8.

Sieben Bahnen im Tunnel

Mit welchem konkreten Liniennetzplan die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) 2021 ins Rennen um die Gunst der Karlsruher gehen wollen, ist noch nicht ganz klar. Einerseits gibt es immer noch den uralten Entwurf von 2004. Er sieht sieben Bahnen im U-Strab-Tunnel und zwei Linien in der Kriegsstraße sowie eine in der West-Ost-Achse Hermann-Billing-/Baumeisterstraße und Bahnen wie gehabt über die südlichste West-Ost-Gleispassage Friedrich-Ebert-Straße/Bahnhofplatz/Tivoli vor.

Drei Linien in Kriegsstraße

Daneben aber existiert auch eine mit externen Experten erarbeitete „Optimierung des Liniennetzes Karlsruhes“ auf Basis der Kombilösung. Das federführende Zuse-Institut Berlin hat unter Mitwirkung von VBK-Chef Ascan Egerer und VBK-Fahrbetriebsleiter Ralf Messerschmidt sowie dem Karlsruher Verkehrsplanungsunternehmen PTV das Papier verfasst.
Darin heißt es: „Da seit 2002 die Bevölkerung in Karlsruhe um 20 000 Personen zugenommen hat und einige Stadtteilentwicklungsprojekte umgesetzt wurden, erscheint eine erneute Überprüfung der Netzplanung sinnvoll.“ Dieser neue Liniennetzplan-Entwurf von 2018, den die VBK noch nicht publiziert haben, sieht nun drei statt zwei Linien in der Kriegsstraße vor.

Stolz und Stober

Gerhard Stolz von Pro Bahn, einst Grünen-Landtagsabgeordneter, beklagt, dass die Abkopplung der Bahnen durch die Karlstraße und die Rüppurrer Straße und damit der Verbleib manches Stadtquartiers ohne Direktverbindung in die zentrale Kaiserstraße beim Kombi-Entscheid trotz vehementer Proteste von Pro Bahn untergegangen seien.
Da nun seitdem 17 Jahre vergangen sind und die Bedeutung des ÖPNV auch wegen der Klimakrise noch einmal zugenommen habe, müsse nun eben noch einmal debattiert werden, ob die Gleise nicht doch in der Kaiserstraße bleiben. „Wir haben immer diese Position vertreten“, unterstreicht Johannes Stober von Pro Bahn. Beim Bürgerentscheid habe man sich auch als Befürworter der U-Strab und der Gleise durch die Kriegsstraße nur schweren Herzens zu einem Ja durchgerungen. Er selbst habe sich der Stimme gar enthalten, berichtet der SPD-Politiker und Ex-Landtagsabgeordneter.

Werden Karten neu gemischt?

„Nun ist der legitime Zeitpunkt gekommen“, über die Aufteilung der Linien und den Straßenbahnverkehr unter und auf der Kaiserstraße im Kombi-Zeitalter neu zu diskutieren, meint Stober. „Wir wollen für den oberirdischen Fahrbetrieb von nur noch drei Linien durch die Fußgängerzone Bewusstsein schaffen“, sagt Pastorini. Schließlich könne man so auch erreichen, dass die Geschäftsmeile auch am Abend durch die Bahnen belebt werde.

„Die Kombi ist überholt“

Pastorini meint, dass die Kombilösung mit dem von Pro Bahn geforderten Plus „oberirdisch durch die Kaiserstraße“ teilweise doppelten Nutzen bringe. Man dürfe nicht „an einem überholten Einzelaspekt eines bald 17 Jahre alten Bürgerentscheids“ festhalten und damit zulassen, dass 1,3 Milliarden Euro „für ein mittelmäßiges Ergebnis“ ausgegeben würden. Dagegen sei es zwingend, dass man die aktuellen Herausforderungen der notwendigen Verkehrswende in eine neue Entscheidung einbeziehe.