Vom Leben und Lesen in einer Zeit „kalter Not“: Mit Büchern und - wie hier -Postkarten beleuchtet die Badische Landesbibliothek schlaglichtartig das Jahr 1918.
Blicke aufs Jahr 1918: Mit Büchern und - wie hier - Postkarten beleuchtet die Badische Landesbibliothek schlaglichtartig das letzte Kriegsjahr. | Foto: Postkarten: Badische Landesbibliothek Karlsruhe / Montage: BNN

Badische Landesbibliothek

Schlaglichter 1918: Vom Leben und Lesen in einem Jahr „kalter Not“

Schlaglichter auf das Jahr 1918: Mit 100 Büchern und vielen Postkarten beleuchtet die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe eine „Zeit kalter Not“. Bei der Ausstellung kann man viele – bisweilen verblüffende – Entdeckungen machen. 

Das Jahr 1918. Noch immer ist Krieg. In der Heimat regiert der Mangel. Kaum eine Familie gibt es, die nicht um Angehörige trauert. Manche Männer sind mit zuvor nicht vorstellbaren Entstellungen und Amputationen zurückgekehrt. Doch das Leben geht weiter. Es muss weitergehen. Und auch das Lesen geht weiter.

: Die Ausstellung „Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918“ ist bis 26. Mai in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe zu sehen.
Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Die Ausstellung bis 26. Mai in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe zu sehen. | Foto: abw

Bücher sind teuer geworden

Zwar sind Bücher teuer geworden und das Papier ist oft von miserabler Qualität. Aber viele Menschen lassen sich guten Rat, moralische Unterstützung, Nahrung für Geist und Seele oder einfach die Ablenkung von den Nöten des Alltags etwas kosten. Brot, Mehl und Milch sind seit langem rationiert, seit 1916 auch Kartoffeln und Fett. Fleisch ist praktisch nicht mehr zu haben. Da greift die Hausfrau gerne zum „Sparkochbuch für knappe Zeiten“. Es verrät ihr, wie sie Steckrüben, Brennnesseln, Löwenzahn und Bucheckern zu schmackhaften Mahlzeiten verarbeiten kann. Und dass sich aus Wasser, Grieß, Zucker und Gelatine „Kriegsschlagsahne“ zaubern lässt.

Schlaglichter – 100 Bücher aus dem Jahr 1918

„Schlaglichter – 100 Bücher aus dem Jahr 1918“ heißt die Ausstellung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe (BLB), die bis 26. Mai zu sehen ist. „Natürlich ist das Jahr 1918 nicht in Büchern geronnen“, beugt Bibliotheksdirektorin Julia Hiller von Gaertringen falschen Erwartungen vor. Wer in die Ausstellung kommt oder sie als digitale Schau auf der Homepage der BLB besucht, dem wird auch nicht „die Geschichte von 1918“ präsentiert. Vielmehr ermöglicht die Bücher-Schau anhand von 100 ausgewählten Titeln schlaglichtartig Eindrücke von dem, was die Menschen im Epochenjahr 1918 lesen wollten oder sollten.

Kochbücher in der Ausstellung.
Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Kochbücher | Foto: abw

Modezeitschriften und politische Broschüren

Kriegstagebücher sind zu sehen, Modezeitschriften, politische Broschüren, wissenschaftliche Werke, Kunstbücher – und verblüffender Weise auch Reiseliteratur. Urlaubsfahrten im fünften Kriegsjahr?  An eine Fernreise wagt ja kaum jemand zu denken. Aber das Interesse an exotischen Ländern ist zumindest nicht ganz verschwunden. Und Kurstädte wie Baden-Baden bemühen sich verzweifelt, attraktiv zu bleiben für diejenigen, die sich eine Sommerfrische noch leisten können.

Durchhalte-Propaganda und Galgenhumor

Sieben Mitarbeiter der Landesbibliothek haben am Konzept der Ausstellung mitgewirkt. Und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven heraus Bücher für die Schau ausgewählt. Eine schöne Idee war es, zu den zwangsläufig recht schriftlastigen Ausstellungsstücken thematisch passende Postkarten zu gruppieren. Mit ihren teils martialisch, teils idyllisch-wehmütig anmutenden Motiven, hier der Durchhalte-Propaganda dienend, dort von bittererer Ironie triefend, erzählen sie ihre eigenen Geschichten. Bunt, knapp, eindrucksvoll.

Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Die Mode war selbst im letzten Kriegsjahr noch ein Thema.
Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Gedrucktes zum Thema Mode. | Foto: abw

Warum die Röcke kürzer wurden

Hatten Damen während des Ersten Weltkriegs denn keine anderen Sorgen, als mit der Mode zu gehen? Pariser Chic war seit Kriegsbeginn verpönt. Eine deutsche Patriotin orientierte sich an der „Wiener Mode“. Verblüffend mondän wirken die Sportkostüme, die eine gleichnamige Zeitschrift im Oktober 1918 Hausfrauen zum Selbstschneidern empfahl. Und doch spiegeln sie den aus der Not geborenen Trend zur Vereinfachung und Verknappung wider: Die Schnitte waren so konzipiert, dass Hausfrauen Teile abgetragener Kleidungsstücke wiederverwenden konnten. „Die Röcke wurden kürzer, die Silhouetten schmaler, die Falten flacher, die Hüte kleiner“, erzählt Julia von Hiller.

Gnadenlos geschönte Erlebnisberichte

Ein wirklichkeitsnahes Bild vom Massensterben und der demoralisierenden Kraft des Grabenkrieges konnten die Menschen an der „Heimatfront“ aus den Druck-Erzeugnissen des Jahres 1918 nicht zu gewinnen. Die Feld- wie die Heimatpresse versuchten unermüdlich, der um sich greifenden Kriegsmüdigkeit entgegenzuwirken. Auch die massenhaft erscheinenden Kriegserlebnisberichte schönten meist gnadenlos.

Die Kriegsflagge flattert lustig im Wind

„Aus dem Kriegstagebuch einer badischen Schwester“ heißt ein eher unscheinbares Büchlein, das der Badische Frauenverein 1918 herausgab. Die Autorin hatte von 1915 bis 1917 an der Ostfront gedient. Sie beschreibt „lautes deutsches Soldatenlachen“ und blumengeschmückte Krankensäle, dieweil „die deutsche Kriegsflagge lustig im Winde“ flattert. Die eigentliche Arbeit im Lazarett kommt nicht vor.

Doktorarbeiten über Kriegsverletzungen

Eine ganz andere Sprache sprechen die Doktorarbeiten junger Ärzte aus dem Jahr 1918. Da geht es etwa um „Kriegschirurgische Operationen an den Extremitäten in Lokalanästhesie“. Oder um die „Pathologie und Chirurgie der Leberverletzungen mit besonderer Berücksichtigung der Kriegsschüsse“. Aber fürs breite Publikum waren die in den Feld- und Heimatlazaretten gewonnenen neuen medizinischen Erkenntnisse natürlich kein Lesestoff.

Erbauliches aus Baden.
Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Erbauliches aus Baden. | Foto: abw

Die kalte Not der Zeit vergessen

Vielleicht wollten viele es aber auch gar nicht so genau wissen und lasen lieber Geschichten über die „Schönen von Baden-Baden“, um „die kalte Not der Zeit“ zu vergessen. Oder sie zerstreuten sich bei der „Rose von Stambul“, dem meistgespielten Stück des Karlsruher Theaterjahres 1918. Der Klavierauszug für die Operette konnte man mit einem „Teuerungszuschlag 30%“ käuflich erwerben. Man mag eben „Erhebendes“ – auch im Krieg und in Zeiten des politischen Umbruchs.

Nicht besiegt und geschlagen…

Und erhebend waren auch die Worte auf einem Plakat, mit dem am 16. November 1918 die vorläufige badische Volksregierung die heimkehrenden Soldaten, jetzt „Bürger eines freien Staates“ begrüßte: „Nicht besiegt und geschlagen kommt Ihr zurück; gegen eine Welt von Feinden habt Ihr die Heimat verteidigt… Späte Jahrhunderte werden noch von Eurem Ruhme sprechen…“.

Schlaglichter – 100 Erhebend: Die vorläufige badische Volksregierung begrüßt am 16. November 1918 die heimkehrenden Soldaten.
Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Die vorläufige badische Volksregierung begrüßt am 16. November 1918 die heimkehrenden Soldaten. | Foto: abw

Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918: Die Ausstellung ist bis 26. Mai in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Erbprinzenstraße 15, zu sehen. Geöffnet montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung gibt es einen virtuellen Katalog mit sämtlichen Begleittexten. Die Bücher sind – soweit aus Urheberrechtsgründen möglich – digitalisiert, so dass man am Computer aus bequem in ihnen schmökern kann.