Nackter Mann
ÜBERRAGEND: Der „Nackte Mann“ hält noch Wache am alten Stadion, während hinter ihm der Tribünenwall umgegraben wird. Für die KSC-Fans ist das Denkmal unverzichtbar. | Foto: jodo

Geschichte vom „Nackten Mann“

„Schlotter-Beck“ wechselt die Position

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Der „Nackte Mann“ am Wildparkstadion wird vom Sockel geholt. Die KSC-Fans müssen mit der nackten Tatsache leben, dass die als Treffpunkt beliebte Steinstatue von Emil Sutor ihre Position bald räumen muss. Der große Stadionumbau fordert auch diesen Preis. „Aber er kommt zurück“, verspricht Karlsruhes Stadion-Bauchef Frank Nenninger den KSC-Anhängern eine Zukunft mit ihrem „Nackten Mann“.

Der „Nackte Mann“ ist Jahrgang 58. Seit 60 Jahren steht der schlanke Sportler am Wildparkstadion. Die schlichte Steinskulptur ist zu einer Identifikationsfigur für die KSC-Anhänger und für die Karlsruher überhaupt geworden.

Nackter Mann
Der „Nackte Mann“ vom Wildpark. | Foto: jodo

Keine Angst vorm „Nackten Mann“

Am Kunstwerk von Emil Sutor treffen sich die Schlachtenbummler, bevor sie die größten Triumphe und die bittersten Niederlagen auf den Tribünen der Arena von 1955 erleben. Jedes Karlsruher Kind weiß, wer der „Nackte Mann“ ist und dass man sich vor ihm nicht fürchten muss. Bald aber wird er vom Sockel geholt.

Comeback ist sicher

Der schmale Wildparkwächter muss dem Stadionneubau weichen. Aber dieser Sportsmann hat sein Comeback sicher. Stadionbauchef Frank Nenninger verspricht, den nackten Stein dick einzupacken, damit er gut in Form  2022 seine neue Position einnehmen kann. Mit den KSC-Fans wird er die Stadionseite wechseln. Unvorstellbar: Sie würden ihren alles überragenden Glücksbringer nackt am Eingang zum Gästeblock stehen lassen.

 

Fans vor Stadion
SIE GEHÖREN ZUSAMMEN: Die KSC-Fans und ihr Mann aus Stein.                                      Foto: Stadtarchiv/Schlesiger | Foto: Stadtarchiv/Schlesiger

Ausgemergelt

Ausgerechnet diese ausgemergelte Gestalt trägt also den Sportsgeist des alten Wildparks in die Zukunft der kommenden Fußballarena. Während bereits die Wälle der Tribünen und damit die Schuttberge der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Innenstadt abgetragen werden, wird der Steinzeuge der Nachkriegszeit den Wandel überdauern.

Legenden ranken sich um den zwölften Mann

Mag die Steingussskulptur auch weiter nackt dastehen, so ranken sich Legenden um ihn. Viele Jahre nannten eingefleischte KSC-Schlachtenbummler ihren zwölften Mann „Schlotter-Beck“, manche noch heute.

Heinz Beck und das Schlottern

Das volkstümliche Standbild bekam als Übernamen eine Kombilösung: Namenspate war der legendäre KSC-Mittelstürmer Heinz Beck. Der sehnige Angreifer traf von 1952 bis 1961 bei 163 Einsätzen in der damals erstklassigen Fußball-Oberliga Süd sagenhafte 114 Mal für den KSC ins Netz der Gegner

Schlacks müllerte für den KSC

Der Karlsruher Kicker mit dem begnadeten Torinstinkt kam aus Daxlanden. Er war der KSC-Sturmtank in den 50er Jahren, der erfolgreichsten Zeit des Vereins mit deutscher Vizemeisterschaft und Pokaltriumph 1956. Und er war ein Schlacks. Heinz Beck, der wirkliche „Schlotter-Beck“, starb im Dezember vor zwölf Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

Kein Ronaldo

Weil an dem dünnen Nachkriegssportler eben der Anzug nur so schlotterte, erkannten die Fans in dem „Nackten Mann“ des Karlsruher Bildhauers Emil Sutor dessen leibhaftige Nachbildung in Stein. Er ist kein muskelbepackter Chauvi wie Ronaldo, dessen Bronzebody am Hafen von Madeira grüßt, auch kein deutscher Fußballheld der Nachkriegszeit wie Max Morlock und Helmut Haller, deren Andenken Nürnberg und Augsburg vor ihren Stadien mit Statuen ehren.

In Blau-Weiß, als die Bayern kamen

Die Karlsruher schätzen den Aufrechten, den Nackten, der nie ein Trikot trug. Nur im April 1994, als die Bayern in den Wildpark kamen, pinselten euphorische KSC-Fans ihrem „Schlotter-Beck“ ein blau-weißes Leibchen auf die schmale Brust.

 

Emil Sutor
EMIL SUTOR hat in Karlsruhe und der Welt viele Spuren seiner Kunst hinterlassen. | Foto: Stadtarchiv/Schlesiger

 

Überhaupt ist der „Nackte Mann“ ein Geschenk. War doch der Künstler Sutor mit dem Karlsruher Star-Architekten Erich Schelling eng befreundet. Schelling hat nicht nur die Schwarzwaldhalle, sondern eben auch das Wildparkstadion gebaut.

Bildhauer und Baumeister

Außerdem war der Bildhauer selbst ein großer Fußballfreund. Der Künstler wurde Dauergast im Wildpark und Ehrenmitglied des KSC. Und so schenkte Sutor sein Kunstwerk der Karlsruher Fußballwelt und stellte 1960 den damals zweijährigen „Nackten Mann“ neben das Bauwerk seines Freundes.

Im „Bauhaus“

Die Künstler wohnten im Musikerviertel um den Haydnplatz. Sutor ließ sich 1929 an der Hildapromenade ein Wohnhaus im Bauhausstil errichten. Bis zu seinem Tod 1974 lebte er in dem Juwel der funktionalen Bauästhetik. Dabei passte er sich nach der Machtergreifung Hitlers 1933 dem ganz anders gearteten Kunstideal der Nazis an.

 

Sutors Haus
DAS BAUHAUS“, das der Künstler Sutor 1929 an der Hildapromenade bauen ließ,
besticht auch heute viele Spaziergänger in der Weststadt.
| Foto: jodo

In Kirchen und Parks

Plastiken und Reliefs des Karlsruher Künstlers sind noch heute in Brasilien, Tokio oder Washington zu sehen. Besonders in Karlsruhe und Umgebung hat Sutor Spuren hinterlassen: Sein Flötenspieler gibt den künstlerischen Ton vor dem Hochhaus des Landratsamts an. Auf dem Schlossplatz stammen die Statuen der halb nackten Göttinnen „Diana“ und Hebe“ aus Sutors Atelier.

Auch das glasierte Tonrelief „Bremer Stadtmusikanten“ am Pfeiler der Zoobrücke ist ein echter Sutor. Auch die Madonna in St. Stephan, der Brunnen am Albtalbahnhof, der Paulus in Mühlburgs katholischer Kirche oder der Steinschmuck in vielen Kirchen, etwa Christkönig in Rüppurr und St. Franziskus in Dammerstock – alles von Sutor.

Mit dem Zeitgeist

Der ernste junge Mann draußen am Wildparktor, der eigentlich so gar nichts von einem vor Lebenslust und Spielfreude sprühenden Fußballstar hat, verkörpert den Wandel der Zeit und gleichzeitig das Beständige. In diesem Widerspruch bewegen sich auch Leben und Schaffen des Künstlers Sutor. Er ist wie „Schlotter-Beck“ und damit seine Schöpfung „Nackter Mann“ zeitlebens hoch aufgeschossen und schlank. Sutor passt seinen Stil dem jeweiligen Zeitgeist an.

Spezialist für Krieger

Der gefeierte Künstler ist zunächst Schöpfer von Kirchenfiguren, aber auch Avantgardist unter Einfluss des Expressionismus und Anhänger des Bauhausstils. Schon vor 1933 spezialisiert sich der Soldat des Ersten Weltkriegs auf Kriegerdenkmäler. Dann haut er die NS-Ideologie von Blut und Boden, von Härte und Kampf in Stein. Im Dritten Reich wandelt er sich zum Parteigänger der Nazis und meißelt mit seinen bildhauerischen Fähigkeiten an deren Heroenkult mit.

 

Sutors Flötenspielerin
DIE FLÖTENSPIELERIN sitzt noch heute im Garten
hinter dem Wohnhaus ihres Schöpfers.
| Foto: jodo

Nach der Kapitulation von 1945 findet sich der Karlsruher Kunststar Emil Sutor dann schnell im neuen Deutschland zurecht. Seine Steinfiguren protzen plötzlich nicht mehr mit Muskeln, sie drücken in ihrer Magerkeit Ernüchterung und Mangel aus. Der „Nackte Mann“ steht also beispielhaft für die 50er Jahre, für das erste Stadion im Wildpark und damit für einen Stil der Einfachheit, der Reduktion des illusionslosen Menschen auf die nackte Existenz. Deshalb genießt der „Nackte Mann“ auch Denkmalschutz und darf nicht aus der Wildparkwelt radiert werden.

Im Mantel der Geschichte

Ausgerechnet der „Nackte Mann“ vom Karlsruher Wildpark trägt also den Mantel der deutschen Geschichte: Sutor hatte als Bildhauer schnell die Wende geschafft – und seinen Stil entnazifiziert. Das Heroische war aus der Mode. Sutors martialischer „Kämpfer“ von 1939 wurde vom „Nackten Mann“ abgelöst. Der sehr gut verdienende Auftragskünstler der Nazis heimst auch im Wirtschaftswunderland Auftrag um Auftrag ein, mit seiner neuen Neigung zum Vereinfachen und Abstrahieren des Menschen in Stein.

Im „Bauhaus“  an der Hildapromenade

Emil Sutor wird 1888 in Offenburg geboren und stirbt 1974 in Karlsruhe. Er absolviert eine Bildhauerlehre in seiner Heimatstadt und studiert von 1907 bis 1909 an der Kunstakademie Karlsruhe. Seit 1919 hat er ein Atelier in der Fächerstadt. Als arrivierter Künstler mit Bauhaus-Villa an der Hildapromenade geht Sutor zur Arbeit in die Bildhauerwerkstatt auf dem eigenen Grundstück, die heute als Wohnhaus genutzt wird. Im Garten des Sutor-Hauses musiziert noch heute lautlos die von ihm geschaffene Flötenspielerin.

„Hitlereiche“ im Garten

Neben dem Haus stand bis vor zehn Jahren eine „Hitlereiche“. Der 1936 gepflanzte Baum bedrohte das Bauhaus von 1929 und wurde gefällt. Sutor gewann den Sämling im Topf als Dreingabe zu Lorbeerkranz und Goldmedaille.

Olympiasieger in Berlin

Mit seinem „Hürdenläufer“ wird Emil Sutor 1936 der Olympiasieger beim Bildhauerwettbewerb in der Kategorie Relief. Im Berliner Olympiastadion erhält er die erste Goldmedaille der Spiele. Leni Riefenstahl umarmt und küsst ihn bei der Siegesfeier, und in der Heimat wird Sutor groß mit Eintrag ins Goldene Buch der Fächerstadt bejubelt. Im Jahr seines Olympiasiegs tritt er der NSDAP bei.

Krieger am Kanalweg

Sutor war mit seinen Werken 1939 und 1940 auf der „Großen deutschen Kunstausstellung“ in München vertreten. Kämpferische Schwert- und Speerträger kommen jetzt aus seiner Werkstatt. Auch der Siegfried mit Schwert und Schild, der noch heute an der Kasernenmauer beim Kanalweg in der Nordstadt prangt, ist von ihm.

Rassische Grundsätze

Über den Bildhauer Sutor schreibt Fritz Wilkendorf 1940: „Es sind überlebensgroße, edele aufgefasste Plastiken unseres bildhauerischen Zeitalters. So treten in den letzten großen Bildwerken Emil Sutors zwei rassische Grundsätze als Zeugen der deutschen Erneuerung bewusst hervor: die kämpferische, heldenhafte Gesinnung des Mannes und das reine starke Lebensgefühl der Mutter. Damit ist die Schöpfung ihrer Form aber nicht nur ein Anruf des Künstlers an die Gegenwart, sondern auch ein Anruf an die Zukunft, nach dem Willen des Führers den völkischen Lebensgesetzen die Treue zu halten, zur ewigen Erneuerung des deutschen Volkstums.“

Das zweite Reh  ist vergoldet

Bambi-Verleihung
DAS VERGOLDETE „BAMBI“ von 1958 ist auch eine Sutor-Schöpfung. | Foto: Stadtarchiv/Schlesiger

Mit einer kleinen Plastik aber landet Sutor später in der Unterhaltungskunst der jungen Bundesrepublik einen Volltreffer mit nachhaltiger Wirkung. Dieses Geschöpf des Karlsruher Kreativen ist wie der „Nackte Mann“ Jahrgang 1958. Es ist das „Bambi“ als vergoldete Bronzeplastik.

 

Bambi
DAS „BAMBI“ aus vergoldeter Bronze von Sutor löste 1958 das Ur-Bambi ein weißes Keramik-Reh aus der Majolika ab. | Foto: Stadtarchiv/Schlesiger

Glamour in der Schwarzwaldhalle

Diese von Sutor geschaffene Trophäe nehmen Filmstars wie Rock Hudson und Sophia Loren, Brigitte Bardot und Karlheinz Böhm, Heinz Rühmann und Maria Schell bis 1964 in der Karlsruher Schwarzwaldhalle entgegen und tragen ihren Ruf in die Glamourwelt hinaus.

Weißes Kitz aus Majolika

Franz Burda, der Herr der Regenbogenpresse aus Sutors Geburtsort Offenburg, wollte dem zehn Jahre alten Bambi mehr Glanz geben. Bis dahin war das Kitz weiß und aus Keramik der Karlsruher Majolika. Die Heidelbergerin Else Bach hatte das Rehkind im Hardtwald hinter dem Schloss geformt. Auch Sutors Künstlerweg führte vor allem von 1925 bis 1936 oft in die Ateliers der Majolika am Ahaweg.

 

Haydnplatz
SUTORS SPÄTWERK: Orpheus (links) und Eurydike liegen sich am Brunnen auf dem Haydnplatz gegenüber. Wie der „Nackte Mann“ sind diese mageren und sehr ausdrucksstarken Figuren Kunstgeschöpfe der Nachkriegszeit. | Foto: jodo

1958 wurde zumindest für die Nachkriegszeit Sutors erfolgreichstes Jahr: Erst später stellt sich durch die Standhaftigkeit des „Nackten Mann“ und die Erfolgsgeschichte des „Bambis“ heraus, dass der Bildhauer Sutor noch einmal den großen Durchbruch geschafft hatte. Dabei half dem Offenburger mit Burda ein Offenburger.

Unter Nachbarn

Auch beim „Bambi“ kommt erneut die Freundschaft von Sutor und Schelling zum Tragen. Nachbar Erich Schelling aus der Riefstahlstraße ist nicht nur der Architekt des Wildparkstadions von 1955 sondern eben auch der Bambi-Filmpreis-Bühne Schwarzwaldhalle von 1953.