Das Karlsruher Schloss im Jahr 2010, links oben das Bundesverfassungsgericht. Damals fiel insgesamt rund ein Meter Neuschnee mehr als üblich.
Karlsruhe im Jahr 2010. Damals fiel ein Meter Schnee mehr als üblich. | Foto: euroluftbild.de/Werner Rehm

Städte im Schneevergleich

Im Südwesten fällt weniger und seltener Schnee als früher

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War früher tatsächlich alles weißer? Eine BNN-Auswertung zeigt, wie sich die Zahl der Schneetage in Baden-Württemberg entwickelt hat, und wann Sie in Ihrer Stadt mit dem ersten Schnee rechnen können.

Pünktlich zur Bescherung versank Deutschland im Schnee. 30 Zentimeter in Pforzheim und Baden-Baden, in Stuttgart reichte es sogar zum Snowboarden, in der Karlsruher Innenstadt immerhin zum Schlittenfahren.

Es war ein Weihnachtsfest aus längst vergessen geglaubten Zeiten, eines der schneereichsten überhaupt. Neun Jahre ist das jetzt her, von Klimawandel scheinbar keine Spur. Also alles gut?

Andreas Kern erinnert sich. „Wichtig ist, dass zwischen dem 23. Dezember und dem 6. Januar Schnee liegt – dann, wenn die Leute Zeit haben.“ Kern betreibt den Skilift Mehliskopf im Nordschwarzwald. Wenn es gut läuft, macht er in den Wochen zwischen Heiligabend und Dreikönig das Drei- bis Vierfache des üblichen Umsatzes. Im Jahr 2010 fiel der Schnee gerade rechtzeitig.

Weihnachten 2010: Freeride im Tiefschnee auf 450 Metern am Schloss Solitude in Stuttgart.
Weihnachten 2010 in Stuttgart: Snowboarden im Tiefschnee auf 450 Metern. Im Hintergrund das Schloss Solitude. | Foto: dpa

Im vergangenen Jahr standen Kerns Lifte still. Bis zum 6. Januar, dem letzten Tag der Weihnachtsferien. „Klar, das allein reicht nicht“, sagt Kern. Deshalb baut er sein Skigebiet auch weiter aus – für den Sommerbetrieb.

„Um die Talfahrt des Betriebs zu stoppen, haben wir jetzt eine Bobbahn“, erzählt Kern. Die können Gäste sogar mit VR-Brille fahren. Daneben gibt es eine Mountainbike-Strecke, einen Klettergarten, Bogenschießen.

Weniger Schneetage

Denn auch Kern weiß: Das Wetter mag von Jahr zu Jahr verschieden sein, langfristig zeigt der Trend aber in eine klare Richtung. Die Zahl der Schneetage schrumpft. Und zwar überall in Baden-Württemberg.

An den Wetterstationen im Südwesten gab es seit 1991 zwischen sieben und 28 Schneetage im Jahr weniger als im Vergleichszeitraum 1961 bis 1990 – das zeigt eine Datenauswertung der BNN. In Stuttgart waren es 14 Tage, in Karlsruhe, Mannheim und Freiburg zehn Tage weniger.

Auch der erste Schnee fiel später, im Schnitt knapp eine Woche. Die Baden-Badener müssen sich sogar rund zwei Wochen länger gedulden als früher.

Schneetage und erster Schnee in Baden-Württemberg

Je größer der Punkt, umso mehr Schneetage gab es seit 1991; je heller, umso früher fiel Schnee.

Feuchter und trotzdem weniger Schnee

Wann an einem Ort wie viel Schnee fällt, hängt maßgeblich von der Höhe ab. Aber nicht nur. „Es muss nicht nur kalt, sondern auch feucht genug sein“, erklärt Hans Schipper, Leiter des süddeutschen Klimabüros am KIT in Karlsruhe. Und je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen.

Die Erderwärmung muss also nicht zwangsläufig dazu führen, dass es weniger schneit. Zumindest theoretisch. Weil aber in niedrigen Lagen und in Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald die Zahl der Frosttage sinkt, verschiebt sich dort die Schneegrenze immer weiter nach oben.

Die Folge: Die Zahl der Tage mit geschlossener Schneedecken geht wegen des Klimawandels tatsächlich zurück. „Wenn es dann mal regnet oder schneit, fällt häufig gleich sehr viel Niederschlag“, ergänzt Schipper.

Wetter ungleich Klima

So wie an Heiligabend 2010? Möglich, sagt Schippes. Eine zufällige, jährliche Schwankung des Wetters könne jedoch ebenfalls dahinterstecken. Die gab es schon früher – etwa 1989, als im gesamten Jahr keine einzige Schneeflocke am Oberrhein zu Boden ging. Der Blick aus dem Fenster erklärt also nicht, warum die Schneemenge langfristig sinkt.

„Man kann nie von einem Jahr auf das andere schließen“, sagt auch Hanns-Ulrich Kümmerle vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Erst eine langfristige Statistik macht den Klimawandel sichtbar. Und die ist im Falle des Schnees eindeutig.

Schwarzwald seltener weiß

Einfluss auf die Schneemenge haben aber auch andere Faktoren. „Im Schwarzwald gab es schon immer etwas weniger Schnee, weil er im Regenschatten der Vogesen liegt“, erklärt Kümmerle. „Bei Westwetterlagen fällt ein Teil des Niederschlags bereits über Frankreich.“

Von der Rheinebene aus ließe sich das im Winter leicht überprüfen. „Im Westen, über den Vogesen, liegt in der Regel mehr Schnee als gegenüber im Schwarzwald“, sagt der Meteorologe.

Baden-Baden: Wenn es schneit, dann richtig

Hinzu kommen regionale Besonderheiten. Etwa in Baden-Baden, wo die Wetterstation des DWD in einem engen Schwarzwaldtal liegt. „Bei bestimmten Wetterlagen schieben sich dort große Regen- und Schneewolken zusammen“, sagt Kümmerle. Einen ähnlichen Effekt gebe es auch in Freiburg. Die Folge: Im Winter fallen vereinzelt große Schneemengen – obwohl beide Stationen vergleichsweise niedrig liegen.

Im langfristigen Vergleich hat sich aber auch dort die jährliche Neuschneemenge reduziert. In Baden-Baden um zehn Zentimeter, in Freiburg um knapp das Doppelte. Besonders betroffen sind Mittelgebirge wie die Schwäbische Alb und der Schwarzwald. In Freudenstadt etwa, auf rund 800 Metern, schrumpfte die Neuschneehöhe zwischen 1991 und 2018 im Schnitt um einen Meter im Vergleich zu den 30 Jahren davor.

Freudenstadt: Ein Viertel weniger Neuschnee

Für Skiliftbetreiber in Baden-Württemberg wird das zum Problem. Die können ihre Pisten zwar großflächig beschneien. Billig ist das allerdings nicht, zumal sich Schnee in der Regel nur bei Minusgraden herstellen lässt.

 Skifahrer waren am Mehliskopf schon Ende der 20er-Jahre unterwegs. Das Foto zeigt den Hang am Hundseck – damals noch ohne Skilift.
Skifahrer waren am Mehliskopf schon Ende der 20er-Jahre unterwegs. Das Foto zeigt den Hang am Hundseck – damals noch ohne Skilift. | Foto: Archiv

„Einfacher wird es natürlich nicht“, gibt Andreas Kern vom Skigebiet am Mehliskopf zu. In den 30er-Jahren hing seine Großmutter die Karriere als Profi-Skifahrerin an den Nagel, um sich um den Haushalt zu kümmern. „Gott sei Dank, sonst wäre ich heute nicht hier“, sagt er. Er selbst denkt aber gar nicht ans Aufhören. Schon der Großmutter zuliebe.

Woher stammen die Daten?
Die Analyse der Schneetage und des ersten Schneefalls beruht auf Daten von 156 DWD-Stationen. Die in der Karte dargestellten Zahlen sind Mittelwerte der täglichen Messungen zwischen 1991 und 2018.
Wie wurde der Schnee gemessen?
Ein Tag zählt als Schneetag, sofern an der Wetterstation um 7 Uhr eine weitgehend geschlossene Schneedecke existiert. Als Neuschnee gilt Schnee, der sich zwischen zwei Beobachtungszeitpunkten neu gebildet hat.
Wie aussagekräftig sind die Zahlen?
Für den historischen Vergleich wurden nur Daten von Stationen verwendet, für die Messwerte an mindestens 25 der 30 Jahre des Vergleichszeitraums („Normalperiode“ 1961-1990) vorlagen. Für den baden-württembergischen Durchschnittswert wurden einzelne Stationen aufgrund ihrer Lage und Höhe ausgewählt, um eine möglichst repräsentative Aussage treffen zu können.

Quelle: Deutscher Wetterdienst / eigene Berechnungen
Datenvisualisierung: Flourish / som