Auch am Badischen Kunstverein ist derzeit nicht abschätzbar, wie es nach dem noch nicht absehbaren Krisen-Ende weitergeht.
Auch am Badischen Kunstverein ist derzeit nicht abschätzbar, wie es nach dem noch nicht absehbaren Krisen-Ende weitergeht. | Foto: Hora

Große Unwägbarkeiten

Schon vor der Corona-Krise war die Lage beim Badischen Kunstverein angespannt

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Plan B, Plan C, EKT: Das sind für Anja Casser derzeit die Richtpunkte ihrer Arbeit, die sie – wie viele zurzeit – im Homeoffice verrichtet. Das Kürzel EKT steht für Europäische Kulturtage. Auch für die gilt: 2020 wird zum Verschiebebahnhof für Großereignisse von den Olympischen Spielen über den Ingeborg-Bachmann-Preis bis zu den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Ansonsten ist für Casser und den Kunstverein alles in der Schwebe. Plan B wäre: Vom 20. April an dürften Institutionen wie Museen, Galerien und Kunstvereine wieder öffnen. Dann würden die beiden bereits Anfang Februar eröffneten und seit mehr als drei Wochen nicht mehr zugänglichen Ausstellungen von Jeremiah Day und Rory Pilgrim verlängert.

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Keine schnelle Wiedereröffnung erwartet

Allerdings ist Casser da wenig optimistisch. Sie rechnet damit, dass die Kultureinrichtungen nicht die ersten sein werden, bei denen die Restriktionen aufgehoben werden. Sprich: Der Badische Kunstverein müsste auch über den aktuellen Stichtag hinaus geschlossen bleiben.

Dann wäre Plan C angesagt. Der heißt: flexibel sein. Eigentlich war für den Herbst eine Ausstellung über Künstlerinnen vorgesehen, die sich auf dem Gebiet der Konkreten Poesie hervorgetan haben. Ein Vorhaben, das viel Recherche-Aufwand beinhaltet – der jetzt nicht zu leisten ist, weil unter den Künstlerinnen, deren Arbeiten vorgestellt werden sollten, viele Italienerinnen sind.

Obendrein liegen die meisten Ateliers und Archive, die zu besuchen wären, in den von Covid-19 besonders schwer betroffenen Regionen Norditaliens. An Vor-Ort-Recherche ist dort derzeit nicht zu denken. Kunsttransporte entfallen. Also muss auch dieser Termin im Jahresprogramm des Badischen Kunstvereins auf 2021 verschoben und nach kurzfristigem Ersatz gesucht werden.

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Projekte mit deutschen Künstlern werden wohl vorgezogen

Casser erwägt, bereits angepeilte Projekte mit Künstlern vorzuziehen, die in Deutschland leben. „Ich bin mit Künstlerinnen und Künstlern in Verbindung, die unsere Räume gut kennen,“ sagt die Kunsthistorikerin, die seit 2007 den Verein leitet. Ein scheinbar belangloser Satz, hinter dem sich aber ein logistischer Haken verbirgt: Wie soll sich etwa ein Künstler aus Frankreich bei den gegenwärtigen Reisebeschränkungen auf räumliche Gegebenheiten einstellen, wenn er sich die Säle und Kabinette nicht vorher ansehen kann?

Zu solchen organisatorischen Problemen kommen finanzielle Engpässe. Schon vor der Krise war die Kassenlage angespannt. Jetzt, sagt Casser, wird vieles möglicherweise noch schwieriger. Es werde weniger Privatförderung geben, „weil sich alle zurückziehen“, fürchtet die Direktorin des BKV. Und auch die Unterstützung aus dem Ausland, wie sie bei internationalen Projekten üblich ist, könnte geringer ausfallen.

Karlsruhe ist mit derlei Sorgen nicht allein, sie sind auch nicht wirklich neu. Daran hat erst jüngst der Württembergische Kunstverein in einem Statement erinnert. In ihm fragen die Direktoren Hans D. Christ und Iris Dressler, wie sie „auf breiter Ebene mit den prekären Verhältnissen des Kunstbetriebes, deren Härte sich in der jetzigen Krise besonders deutlich zeigt, umgehen sollen und können“.

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Wie wird es weitergehen, wenn die Einschränkungen aufgehoben sind?

Eine Frage, die sich auch Anja Casser stellt. Rein praktisch, weil sie Mitarbeiter, die jetzt eigentlich nicht gebraucht werden, nicht im Regen stehen lassen will. Aber auch generell: Wie wird es weitergehen, wenn die Einschränkungen aufgehoben sind? Ihrer Ansicht nach werde es dann Aufgabe der Kunstvereine sein, verstärkt gesellschaftliche Debatten aufzugreifen.

Debatten, die sich nicht zuletzt aus den Maßnahmen ergeben, die unter dem Siegel der Covid-19-Bekämpfung getroffen wurden, die es aber nach dem Tag X neu zu bewerten gelte. Casser ist es wichtig, „dass man innehält, Diskussionen zulässt und nicht einfach weitermacht wie immer“.

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