Die Ausstellung „Wie viel Geschichte steckt in Dir? Nationalsozialismus in Karlsruhe“ ist bis 24. April 2020 im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen.
Die Ausstellung „Wie viel Geschichte steckt in Dir? Nationalsozialismus in Karlsruhe“ ist bis 24. April 2020 im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen. | Foto: abw

Geschichte

Schüler von drei Karlsruher Gymnasien auf den Spuren des Nationalsozialismus

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Mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Klar, das Thema Nationalsozialismus ist in den Bildungsplänen der Schulen verankert. Aber fast 75 Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches sind die NS-Diktatur und ihre furchtbaren Folgen ganz schön weit weg. Zu weit weg, um junge Menschen wirklich zu bewegen?

Schülerinnen und Schüler von drei Karlsruher Gymnasien wollten es genau wissen: Wie viel Geschichte steckt in Dir? Fünf Jahre lang haben sie sich auf die Spuren des Nationalsozialismus begeben. Was geschah in ihren Schulen und in ihrer Stadt?

Ergebnisse der Schüler-Forschungen sind jetzt in einer Ausstellung im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen. Als Seminar-Arbeiten und als Kunstwerke. Zudem haben die Schüler auch noch dem „alternativen Stadtrundgang“ des Stadtjugendausschusses eine Frischzellen-Kur verpasst.

Vielsagend ist das Leitmotiv der Ausstellung „Wie viel Geschichte steckt in Dir? Nationalsozialismus in Karlsruhe“. | Foto: © Generallandesarchiv Karlsruhe

Angefangen hat alles im Schuljahr 2014/15 mit dem ersten Seminarkurs „Nationalsozialismus in Karlsruhe“, den das Helmholtz-, das Bismarck- und das Goethe-Gymnasium schulübergreifend anboten. Solche Seminarkurse, die auf die Abitur-Note angerechnet werden können, belegen Oberstufen-Schüler freiwillig. In den Kursen, so Geschichtslehrer Hendrik Hiss vom „Helmholtz“ werde – quasi im Vorgriff aufs Studium – wissenschaftlich gearbeitet.

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Die Schüler brachten viele eigene Ideen mit

Das beginnt mit dem Finden eines Forschungsthemas. „Bei den Schülern war eine große Offenheit da, sich mit eigenen Ideen einzubringen“, erinnert sich Lehrerin Marion Bodemann vom „Goethe“ an mittlerweile fünf Seminarkurse zum Nationalsozialismus. Ihr Kollege Tobias Markowitsch vom „Bismarck“ fand die Themenfindung auch aus Lehrersicht sehr spannend, zeigte sie doch, „welche Aspekte für eine neue Erinnerungskultur eine Rolle spielen“.

Was, wenn deine Freunde und Lehrer sich gegen dich stellen?

Zwei Kursteilnehmerinnen etwa, die die Lebensläufe von jüdischen Schülern ihres Gymnasiums erkundeten, trieb die Frage um: „Wie ist das, wenn deine Freunde und Lehrer sich gegen dich stellen?“. Und eine Schülerin, die sich mit der Entnazifizierung von Lehrern nach 1945 beschäftigte, wollte wissen: „Wer trägt denn jetzt die Schuld in diesem Volk von Mitläufern und kleinen Lichtern?“

Dass Schwarz und Weiß in der Geschichte nicht immer säuberlich zu trennen sind, bemerkten die Schüler bei ihren Forschungen schnell. Ebenso wie sie feststellen mussten, dass auch ein Gang ins Archiv nicht jede Frage erschöpfend beantworten kann.

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„Zu manchen Themen gab es im Generallandesarchiv oder im Stadtarchiv große Kisten voll Material, zu anderen nur eine kleine Akte oder auch mal nichts“, erzählt Marion Bodemann. Die Schüler hätten dann zur Anfertigung ihrer Seminararbeiten andere aussagekräftige Materialien suchen oder etwa im Bundesarchiv nachfragen müssen. Wissenschaft kann mühsam sein.

Solidarität einem jüdischen Lehrer – das gab es auch

Aber es gab auch tolle Erfolgserlebnisse. Einen Brief etwa, den Gymnasiasten im Generallandesarchiv entdeckten, als sie Schicksal eines ehemaligen Goethe-Lehrers erforschten.

Professor Ulrich Bernays war 1933 seiner jüdischen Großeltern wegen „beurlaubt“ worden – doch das wollten damals etliche seiner Schüler nicht hinnehmen. Sie setzten ein Schreiben an den badischen Kultusminister auf, um die Wiedereinstellung des Pädagogen zu erreichen. Pfiffig erwähnten sie dabei, dass sie als „nationalgesinnte Schüler“ natürlich nach wie vor „hinter unserem geliebten Führer Adolf Hitler“ stünden.

Das von Karlsruher Gymnasiasten entdeckte, bis dahin unbekannte Dokument der Schüler-Solidarität mit einem Lehrer jüdischer Herkunft bewog im Anschluss Wissenschaftler der Universität Heidelberg zu weiteren Forschungen.

Rundgang zu Stationen des Nationalsozialismus in Karlsruhe

„Die Arbeiten der Jugendlichen verstauben nicht in den Regalen“, bestätigt auch Jakob Wolfrum vom Karlsruher Stadtjugendausschuss. Pionierarbeit hat der Stadtjugendausschuss einst geleistet, als er in den 1980er Jahren unter dem Motto „Nie Wieder“ einen „alternativen Stadtrundgang“ zu Stationen des Nationalsozialismus erarbeitete. Der richtet sich vor allem an junge Menschen, wurde mehrfach weiterentwickelt und ist inzwischen auch digital verfügbar.

Mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten sorgten die Schüler jetzt dafür, dass im dem Rundgang ganz neue Stationen aufgetaucht sind. Auch die Seminarkurse selbst sind auf der Website dokumentiert. Was die rund 70 teilnehmenden Gymnasiasten in den vergangenen fünf Jahren erarbeiteten, sei somit „ein wichtiger Bestandteil der aktiven Erinnerungskultur in Karlsruhe“ geworden, sagt Wolfrum.

Und wo bleiben die Gefühle?

Zu einer Erinnerungskultur im Hier und Heute gehört allerdings mehr als die wissenschaftliche Aufarbeitung. „Wenn man sich mit den Schicksalen von echten Menschen beschäftigt, erzeugt das Emotionen“, sagt Banu Beyer vom ZKM.

Und so kam bei jedem der fünf Seminarkurse auch die Kunst ins Spiel. Sie ermöglichte es den Schülern der drei Karlsruher Gymnasien, sich von der Gegenwart aus ihren historischen Untersuchungsgegenständen zu nähern.

Es galt, Medien zu finden, die ihre Gedanken ausdrücken. In Zusammenarbeit mit Kunstvermittlern des Zentrums für Kunst und Medien schufen die Kursteilnehmer Zeichnungen, Fotografien, Videos und Objekte, aber auch akustische Arbeiten. Ein Schüler beispielsweise setzte seine Seminararbeit zum Thema „Wohin verschwanden Hitlers treue Journalisten nach dem Krieg?“ in eine „Entnazifizierungs-Rhaspodie“ um – ein Ein-Mann-Hörspiel entstand.

Eine „Entnazifizierungs-Rhaspodie“ entstand als künstlerische Umsetzung der Seminararbeit zum Thema „Wohin verschwanden Hitlers treue Journalisten nach dem Krieg?“ | Foto: © ZKM, Felix Grünschloss

Kunstwerke poppen auf

Die Kunstwerke „poppten“ nach jeden Seminarkurs als Ausstellung oder Installation in den beteiligten Schulen und an anderen Karlsruher Orten auf. Allerdings hat sich im fünfjährigen Verlauf des Schulprojektes die Form, in der die Pop-up-Ausstellungen präsentiert wurden, sichtlich gewandelt. „Das war auch unser Ausgangspunkt“, sagt Banu Beyer: „Neue Formen des Gedenkens zu finden, die aktuell und präsent bleiben, sich aber dennoch verändern können“.

Wie viel Geschichte steckt in Dir?

Einen Eindruck von dieser jungen Erinnerungskultur erhält man zum Abschluss des Projekts im Generallandesarchiv, wo viele der Gymnasiasten geforscht haben.

„Wie viel Geschichte steckt in Dir?“ Vielsagend ist das Leitmotiv, das man für die so betitelte Ausstellung wählte. Das Kunstwerk entstand, als ein Schüler Anschauungsmaterial aus dem Rassekunde-Unterricht mit Porträts von Teilnehmern seines Seminarkurses „Nationalsozialismus in Karlsruhe“ zusammenführte.

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Die Ausstellung „Wie viel Geschichte steckt in Dir? Nationalsozialismus in Karlsruhe“ ist bis 24. April 2020 zu sehen im Generallandesarchiv Karlsruhe, Nördliche Hildapromenade 3. Geöffnet dienstags bis donnerstags von 8.30 bis 18.30 Uhr und freitags von 8.30 bis 19 Uhr. Der Eintritt in die kleine Schau ist frei. Mehr Infos sowie das Begleitprogramm gibt es hier.