Das Fichte-Gymnasium war das erste Mädchengymnasium Deutschlands. Seit 1973 werden hier Mädchen und Jungs in Koedukation unterrichtet.
Das Fichte-Gymnasium war das erste Mädchengymnasium Deutschlands. Seit 1973 werden hier Mädchen und Jungs in Koedukation unterrichtet. | Foto: Reissenberger

Fichte-Gymnasium

„Schüler werden offener“ – Schulsozialarbeiterin über die Einrichtung einer Unisex-Toilette

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Kathrin Kaiser arbeitet seit 2015 als Schulsozialarbeiterin am Fichte-Gymnasium in der Karlsruher Innenstadt. Im Gespräch erzählt sie, wie es dort 2018 zur Entstehung einer Unisex-Toilette kam und über welche Themen Schüler in Einzelgesprächen immer öfter sprechen wollen.

Kathrin Kaiser ist seit 2015 Schulsozialarbeiterin am Fichte-Gymnasium in Karlsruhe. Vorletztes Schuljahr hat sie die Entstehung einer Unisex-Toilette begleitet.
Kathrin Kaiser ist seit 2015 Schulsozialarbeiterin am Fichte-Gymnasium. | Foto: pr

Was war der Anlass für die Einrichtung einer Unisex-Toilette? Hat sich jemand diskriminiert gefühlt?

Kaiser: Das war ein Projekt von zehn Schülern aus der damaligen 11. Klasse. In dieser Stufe, wie auch an der Schule allgemein, gab und gibt es eine große queere Gemeinde. Diskriminierungen habe ich hier noch nicht erlebt. Es herrscht ein offenes Klima bezüglich trans- und homosexuellen Schülern.

Inspiriert wurden die Schüler auch vom Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Option des dritten Geschlechts einführte. In einer Jugendkonferenz von der Stadt Karlsruhe entstand dann die Idee, eine Unisex-Toilette am Fichte-Gymnasium einzurichten.

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Was haben Sie für Reaktionen von den Schülern, Lehrern und Eltern wahrgenommen?

Es gab keine negativen Reaktionen. Alle haben es einfach zur Kenntnis genommen. In manchen Klassen gab es eine oder zwei Nachfragen. Ich denke, dass manche sich dran gewöhnen müssen. Aber eigentlich kennen wir es von zuhause: Da gibt es ja praktisch auch Unisex-Toiletten.

Inwieweit spielen Themen wie Identität und Geschlecht in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Die Schüler und Schülerinnen beschäftigen sich mit diesen Themen im Biologie-, Ethik- und Gemeinschaftskunde-Unterricht, so wie es der Lehrplan vorsieht. Alle siebten Klassen gehen jedes Jahr an einem Tag zu Pro Familia, wo sicherlich auch diese Themen zu Gespräch kommen.

Ich bemerke, dass das Thema Identität und Geschlechtszugehörigkeit in meinen Einzelgesprächen immer öfter auftaucht. Ich denke allerdings nicht, dass es heute mehr Betroffene gibt als noch vor 13 Jahren, als ich meine Arbeit begonnen habe. Die Schüler werden aber offener, darüber zu sprechen. Das ist ein gutes Zeichen.

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