Wann fängt Mobbing an?
Dass das Thema "Mobbing" nach wie vor ein Problem an Schulen ist, zeigte erst kürzlich der tragische Selbstmord einer Elfjährigen in Berlin. Einige Schulen in Karlsruhe und Umgebung haben verschiedene Maßnahmen gegen Mobbing ergriffen - mit Erfolg. | Foto: Schwier / Adobe Stock

Karlsruhe und Umgebung

Schulen gegen Mobbing: „Wir dürfen nicht wegschauen“

Anzeige

Wenige Tage ist es her, dass sich eine Elfjährige nach einer Mobbing-Erfahrung an einer Berliner Schule das Leben nahm. Seitdem ist das Thema Mobbing und Cybermobbing wieder mehr in den Vordergrund gerückt. Viele Schulen in Karlsruhe und Umgebung haben Mobbing schon lange als Problem erkannt und Maßnahmen ergriffen, um ihre Schüler zu schützen: drei Beispielfälle.

In Karlsruhe liegt das Thema Schulsozialarbeit seit knapp 20 Jahren auf dem Tisch. Im September 1999 wurde beim Sozialen Dienst auch der Arbeitsbereich „Schulsozialarbeit an Karlsruher Schulen“ eingeführt. Inzwischen sind es allein 63 Schulen in der Fächerstadt, an denen es Schulsozialarbeiter gibt. Einer von ihnen ist Sebastian Tröndle. Er ist Schulsozialarbeiter an der Anne-Frank-Schule und steht dort nicht nur Schülern, sondern auch Lehrern und Eltern als Ansprechpartner zur Verfügung. „Schüler kommen mit ihren Sorgen, Ängsten und Problemen zu mir“, berichtet Tröndle. Aber auch Eltern und Lehrer suchten Rat, wenn sie einmal nicht weiter wüssten.

Die Strukturen in der Schule haben sich ebenfalls über die Jahre verändert. „Standard ist, dass es einen Klassenrat gibt“, erklärt Tröndle. Dabei spreche die Klasse mithilfe eines Moderators, der ebenfalls aus dem Klassenverband stammt, eigenverantwortlich Probleme an und versuche, diese zu klären. Die Lehrer seien dabei begleitend anwesend. Auf diese Weise könnten viele Probleme bereits schnell ausgeräumt werden.

Vernetzung und Kooperation

Doch die Arbeit des Schulsozialarbeiters führt auch über die Grenzen des Schulgeländes hinaus. Tröndle hilft der Schule auch dabei, sich innerhalb des Stadtteils zu vernetzen und Kooperationen einzugehen. Durch eine solche Kooperation kam etwa ein Anti-Mobbing-Training für die siebten Klassen zustande, das mit externen Anbietern durchgeführt wird. Viele Anreize zu Projekten und Kooperationen kämen auch von den Schülern selbst, sagt der Schulsozialarbeiter. So gehöre die Anne-Frank-Schule seit 2017 zu einem Netzwerk von über 2 000 Schulen in Deutschland, die das Prädikat „Schule ohne Rassismus“ tragen. Mit diesem werden Schulen ausgezeichnet, die sich nachweislich mit Projekten und einer Selbstverpflichtung gegen Rassismus stellen. Doch trotz aller Fortschritte bei der Mobbing-Prävention: Der Bedarf an Schulsozialarbeit bleibt weiter hoch. Gerade erst sei im Gemeinderat beschlossen worden, dass die Schulsozialarbeit noch ausgebaut wird, sagt Tröndle.

Zeit investieren lohnt sich

Die Tulla-Realschule arbeitet seit 2015 mit dem sogenannten Olweus-Programm. Dieses wurde von dem schwedischen Psychologen Dan Olweus entwickelt und dient dazu, Mobbing in der Schule vorzubeugen und langfristig zu reduzieren. Es ist „das einzige evidenzbasierte Mobbing-Präventionsprogramm, das nachweisebare Effekte erzielt“, heißt es auf dem Online-Auftritt der Uni Heidelberg, die das Programm nach Deutschland geholt hat und die Schulen betreut, die damit arbeiten. Das bedeutet: Das Olweus-Programm funktioniert nachweislich. Die Tulla-Realschule in Karlsruhe ist eine von aktuell knapp 30 Schulen, die mit diesem Programm arbeiten. Die Lehrer Maria Weber und Ralf Marquardt betreuen das Projekt. „Das Besondere daran ist, dass das Programm langfristig angelegt ist“, erklärt Weber. Jährlich gebe es eine große Online-Umfrage für die Schüler, in der diese Rückmeldung geben können. Überhaupt fielen viele (Mobbing)-Probleme seit Olweus früher auf, ergänzt Ralf Marquardt. Grund dafür sei der ständige Austausch aller Beteiligten in verschiedenen Gruppen. Nicht nur fänden in den Klassen regelmäßig Gespräche statt, bei denen über Mobbing und geeignete Maßnahmen dagegen geredet werde, auch gebe es sogenannte Supervisionsgruppen, in denen sich Lehrer in kleinen Arbeitsgruppen über Verhaltensauffälligkeiten und Probleme austauschen könnten. „Das sorgt dafür, dass man über seinen eigenen Horizont hinaus arbeitet“, sagt Maquardt. Zusätzlich tage ein Mal pro Halbjahr ein „Präventionskommitee“, das aus Schülern, Lehrern und Eltern besteht. Hier würden neue Ideen und Maßnahmen auf den Weg gebracht. Einen großen Vorteil des Olweus-Programms sieht Marquardt darin, dass alle Lehrer in das Programm eingebunden seien.

Teuer aber nachhaltig

„Die Lehrer werden selbst Experten“, sagt auch Vanessa Jantzer, die das Olweus-Projekt an der Uni Heidelberg betreut. Das gehe natürlich auch mit einem gewissen Zeitaufwand einher. „Man hat gerne schnelle und einfache Lösungen“, erklärt Jantzer. Das funktioniere beim Thema Mobbing jedoch nicht. „Man muss Zeit hineinstecken, aber das lohnt sich. Das ganze Schulklima wird besser“, so die Projektleiterin. Ralf Marquardt und Maria Weber können dies im Falle der Tulla-Realschule bestätigen. Im ersten Jahr des Olweus-Programms habe man eine Zunahme der Mobbing-Vorfälle verzeichnet. Wahrscheinlich, weil nun viel mehr Fälle bekannt wurden, die man vorher überhaupt nicht bemerkt hätte, vermutet Marquardt. Seither hätten die Probleme im Zusammenhang mit Mobbing jedoch immer weiter abgenommen. Einziger Haken am Olweus-Programm: Es ist teuer. Der Tulla-Realschule greift die Baden-Württemberg-Stiftung finanziell unter die Arme. Aus eigener Kraft könnte die Schule das Projekt nicht stemmen. „Ohne irgendwelche Budgets wird es für die Schulen aus eigener Kraft sehr schwierig, das Programm zu bezahlen“, weiß auch Jantzer. Momentan müssten ausländische Trainer nach Deutschland einreisen, um Personal im Olweus-Programm zu schulen. Das sei natürlich sehr teuer. Die Hoffnung, das Programm irgendwann landes- oder bundesweit anbieten zu können, bestehe jedoch.

Gegen Cybermobbing

Gegen einen speziellen Fall von Mobbing, gegen „Cybermobbing“ nämlich, hat sich die Bergschule in Wilferdingen-Singen positioniert. „Cybermobbing hört nicht auf, weil es sich online abspielt“, weiß Efthymios Vlahos, der kommissarische Schulleiter der Bergschule. Gemeinsam mit dem Bündnis gegen Cybermobbing aus Karlsruhe hat die Bergschule dem Problem den Kampf angesagt – mit Erfolg. Seit November 2018 darf sich die Bergschule „Schule gegen Cybermobbing“ nennen. Das Projekt selbst lief in drei Schritten ab, erklärt Konrektor Vlahos. Am Anfang habe eine pädagogische Fortbildung aller Lehrerinnen und Lehrer gestanden, die das Bündnis gegen Cybermobbing durchgeführt habe. Daran schloss sich eine Schulprojektwoche an, im Rahmen derer alle Klassen die Möglichkeit hatten, sich frei mit dem Thema zu beschäftigen. Dabei seien ganz verschiedene Projekte herausgekommen, etwa eine Fotostory, in der ein Cybermobbingfall dargestellt wurde oder auch ein Film über eine klassische Mobbing-Situation. Im letzten Schritt seien die Ergebnisse im Rahmen eines Elternabends den Eltern präsentiert worden. Daran schloss sich die feierliche Zertifizierung der Bergschule als erste „Schule gegen Cybermobbing“ in Baden-Württemberg an

„Arbeit geht jetzt richtig los“

Als „abgeschlossen“ könne man das Projekt trotz Zertifikat dennoch nicht bezeichnen. „Eigentlich geht mit der Zertifizierung die Arbeit richtig los“, sagt Vlahos. Inzwischen wurde an der Bergschule eine schulische Steuerungsgruppe bestehend aus Lehrern, der Schulpsychologin und einem Heilpädagogen gebildet und ein Handlungsleitfaden erarbeitet, der bei Fällen von Cybermobbing oder Mobbing zum Tragen komme. Das Konzept geht auf, die Zahl der Cybermobbing-Fälle habe „signifikant abgenommen“, bestätigt der Konrektor. Ausruhen dürfe sich darauf jedoch niemand, nicht an der Bergschule, aber auch an keiner anderen Schule. „Schulen dürfen nicht wegschauen, sondern müssen aktiv werden“, sagt Vlahos.

Wir haben Hoffnung, dass sich jetzt etwas bewegt.

Viele Schulen in Baden-Württemberg leben das bereits vor. Dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, auch im Hinblick auf den jüngsten Todesfall in Berlin, hofft Jantzen von der Uni Heidelberg. Auch wenn der Anlass für das aktuell wieder große Interesse am Thema Mobbing traurig sei: „Wir haben Hoffnung, dass sich jetzt etwas bewegt.“