Bei der Demonstration für mehr Klimaschutz waren am Freitag auf dem Karlsruher Marktplatz gut 6 500 Schüler. Ihr Fehlen beim Unterricht zugunsten des weltweiten „Friday for Future“ hat in den Schulen unterschiedliche Konsequenzen. | Foto: Raviol

Karlsruher Gymnasien im Blick

Schulen im Zwiespalt: Wie geht man mit streikenden Schülern um?

Anzeige

Am weltweiten Schülerstreiktag für effektiveren Klimaschutz sind am Freitag auch in Karlsruhe gut 6.500 junge Menschen auf die Straße gegangen. Eigentlich haben Schüler aber kein Streikrecht. Wie gehen die Karlsruher Gymnasien mit streikenden Schülern um? Der Überblick.

Die Demonstranten mahnen die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens an. Formal sind sie für den „Friday for Future“ der Schule unentschuldigt ferngeblieben: Das Kultusministerium hat die Schulen im Land angewiesen, keine Freistellungen für die Teilnahme an einer der Demonstrationen zu erteilen. Und doch ist es im pädagogischen Ermessen jeder einzelnen Schule, wie sie im Rahmen dieser Vorgabe mit dem Thema umgeht.


Entsprechend unterschiedlich waren nun auch die Reaktionen in Karlsruher Schulen. Einig waren sie sich aber, dass das Interesse der jungen Menschen positiv zu sehen sei – man ein Engagement außerhalb der Schulzeit aber befürworten würde.

Goethe-Gymnasium

Das Goethe-Gymnasium hat am Freitag die Eltern jüngerer Demonstranten informiert, dass ihre Kinder dem Unterricht ferngeblieben sind. Mit allen beteiligten Schülern möchte Direktor Albrecht Aichelin an einem Zusatztermin am Nachmittag über Klimaschutz diskutieren und gemeinsam überlegen, was die Schule zum Thema noch tun könnte. „Ich werde aber auch noch einmal die rechtliche Situation darlegen“, sagt er.

Auch den Hinweis, dass eine Demonstration schließlich auch am Samstag stattfinden kann, werde er gewiss geben. Grundsätzlich möchte er das Thema aber mit Augenmaß angehen. „Es ist zu begrüßen, dass die Schüler sich für Politik interessieren, sich eine Meinung bilden und sich engagieren“, findet er. Weitere Gelegenheit gebe es am kommenden Montag bei einer schulinternen Podiumsdiskussion mit Vertretern aller im Bundestag vertretenen Parteien, die von der SMV organisiert wird.

Max-Planck-Gymnasium

Im Max-Planck-Gymnasium hat Direktor Uwe Müller schon nach der Schülerdemo im Januar die rund 70 Teilnehmer seiner Schule in der Mittagspause zum Gespräch versammelt und das Thema Klimaschutz inhaltlich aufgearbeitet. Im Zwiespalt seien die Schulen, da man sich gesellschaftspolitisches Engagement der Schüler wünsche und dies sogar lange vermisst habe – aber gleichzeitig klar sei, dass die Schule die Teilnehmer nicht beurlauben dürfe. „Es waren auch Unterstufenschüler dabei“, gibt Müller zu bedenken, „da würde sich zudem die Frage nach der Aufsichtspflicht stellen.“ Klar sei allen Beteiligten, dass die versäumten Unterrichtsinhalte und schriftlichen Aufgaben nachgeholt werden müssen. Wobei es Müller den jeweiligen Lehrern überlässt, wie sie konkret damit umgehen. Zum Thema Klimaschutz, so Müller, werde es weiterhin Aufarbeitungen geben, vielleicht auch durch Projekttage oder eine Podiumsdiskussion.

Gymnasium Neureut

Sehr positiv findet auch Tilman Hedinger, der das Gymnasium Neureut leitet, das Engagement seiner Schüler. Sie suchten vorab mit ihm die Diskussion. Im Gespräch zu Thema Klimaschutz möchten er und seine Kollegen mit den Schülern auch bleiben. Als ausgewiesene Umweltschule hat das Gymnasium Neureut schon viele Aktionen angestoßen – und möchte dies weiterhin tun, so Hedinger. Für den versäumten Unterricht fordert seine Schule eine schriftliche Entschuldigung – wobei es freilich im Ermessen der Eltern liege, ob dort der wahre Grund fürs Fehlen aufgeführt wird.

Helmholtz-Gymnasium

Dass Demonstrieren nicht als Entschuldigungsgrund anerkannt wird, darüber hat Sarah Lumpp, die Direktorin des Helmholtz-Gymnasiums, schon vor dem „Friday for Future“ per Elternbrief hingewiesen. Und gleichzeitig an die Schüler appelliert, zu ihrer Entscheidung zu stehen. „Unsere Schüler haben sich toll verhalten“, findet sie. Es sei klar, dass ziviler Ungehorsam einen Preis habe – und den seien sie bereit zu zahlen. Konkret heißt dies: „Nachsitzen“ bei ihr zum Thema Klimaschutz.

Keinen Ermessensspielraum hätte es gegeben, wenn wegen der Demonstration eine Klassenarbeit versäumt worden wäre, auch das wussten die Eltern vorab. „Da wäre die Konsequenz eine Sechs gewesen“, so Lumpp.

Mädchengymnasium St. Dominikus

Im privaten Mädchengymnasium St. Dominikus wurde nach Informationen von Eltern schon vor dem Streiktag gedroht, dass die Teilnahme als unentschuldigtes Fehlen ins Zeugnis eingetragen werde. „Bis zum nächsten Zeugnis ist es ja noch lange hin“, wiegelt Schulleiterin Ingrid Geschwentner auf BNN-Anfrage ab.

„Das St.-Dominikus-Gymnasium geht konform mit dem Schulgesetz, indem es die Teilnahme an Streiks während der Schulzeit nicht gestatten“, teilt sie mit. Der Elternbeirat habe dieser Haltung ohne Einschränkung zugestimmt.

Markgrafen-Gymnasium Durlach

Am Durlacher Markgrafen-Gymnasium hat Direktor Joachim Inhoff mit seinen Neuntklässlern im Geschichtsunterricht am Montag die rechtlichen Seiten erörtert. „Schüler haben kein Streikrecht“, legt er dar und verweist auf die unterschiedlichen Bedingungen von Arbeitnehmern und Schülern. Er räumt aber ein, dass die jungen Menschen etwas brauchen, womit sie sich Gehör verschaffen können. Und wenn man über ein Wahlrecht ab 16 spreche, sei es auch nicht abwegig, über ein Streikrecht für Schüler nachzudenken. Die inhaltliche Aufarbeitung in der gesamten Schule werde folgen.

Entschuldigen Eltern ihre Kinder aber wegen Krankheit, gebe es keine Basis für schulische Maßnahmen. Kritisch findet Joachim Inhoff aber vor allem die Haltung vieler Politiker, da sie die Schulen in der Zwickmühle lassen. Weil sie sich einerseits lobend über das Engagement der Schüler äußern und dann wieder kundtun: „Die Schulen werden sicher eine Lösung finden“.