Künstler entdeckten das Mittelgebirge im 19. Jahrhundert als lohnendes Motiv – und machten nebenbei den Bollenhut zum Schwarzwald-Symbol. Die Ausstellung "Schwarzwald-Bilder" erzählt davon. | Foto: dpa

Städtische Galerie Karlsruhe

Schwarzwald-Bilder und Heimat-Fassaden

Anzeige

Ist das nun Kitsch oder Kunst? Bei manchen der Schwarzwald-Bilder, die in der Städtischen Galerie Karlsruhe ausgestellt sind, fragt man sich das schon. Einige Gemälde scheinen so ziemlich alle Klischees zu bedienen, die über das Mittelgebirge im Umlauf sind. Dabei haben die Maler des 19. Jahrhunderts kräftig dazu beigetragen, diese Klischees – und die Marke Schwarzwald – überhaupt erst zu schaffen. Die Ausstellung wurde bis zum 5. März 2017 verlängert.

Schwarzwald-Bilder – Kunst des 19. Jahrhunderts

Manche wollten nur noch weg. Viele sahen einfach keine andere Möglichkeit. Sie mussten der Armut entfliehen. Und die großherzoglich-badische Regierung hielt sie nicht zurück. Im Gegenteil. In den wirtschaftlichen Notjahren 1851 bis 1853 siedelte sie verarmte Einwohner sogar auf Staatskosten nach Amerika aus. Der Schwarzwald kann als das klassische badische Auswanderungsland des 19. Jahrhunderts gelten. Das Leben „auf dem Wald“ war hart und entbehrungsreich. Was die Böden der meist kleinen Höfe hergaben, reichte in weiten Regionen nicht aus, um die hungrigen Mäuler der Familien zu stopfen.

Das Elend blieb den Städtern weitgehend verborgen

Solches Elend blieb den wohlhabenden Bürgern in den Städten weitgehend verborgen. Der Schwarzwald, den sie – meist nur aus der Entfernung – kennenlernten, bestand aus romantischen Landschaften, lichten Anhöhen, tiefen Schluchten und schwarzen Wäldern.

Künstler blendeten die harten Realitäten meist aus

Wild, geheimnisvoll, manchmal sogar bedrohlich, stand er für eine Ursprünglichkeit, die mit der Industrialisierung verloren zu gehen drohte. Die Menschen aber, die im Schwarzwald wohnten, das waren fromme Leute in malerischen Trachten, die hart arbeiteten und einfach lebten. So besangen es die Dichter, so stellten es die Maler dar. Die harten Realitäten des bäuerlichen Lebens blendeten die Künstler meist aus. Sie schufen, wie es der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger ausdrückte, eine „Fassadenheimat“.

Der Schwarzwald – ein Sehnsuchtsort

Schwarzwald-Bilder werden derzeit in einer Sonderausstellung der Städtischen Galerie Karlsruhe gezeigt. Betrachtet man sie, so kann man leicht nachvollziehen, warum das Mittelgebirge zum Sehnsuchtsort der Städter im 19. Jahrhundert wurde.

Manches wirkt ganz schön kitschig

Die Schau führt rund 200 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und historische Fotografien aus öffentlichen und privaten Sammlungen zu einem eindrucksvollen Panorama zusammen. Viele der Schwarzwald-Bilder wirken sehr idyllisch, manche aus heutiger Sicht sogar kitschig. Sie scheinen alle Klischees zu bedienen.

Aus eher touristischem Blickwinkel

Dabei haben die Maler des 19. Jahrhunderts kräftig dazu beigetragen, diese Schwarzwald-Klischees überhaupt erst zu schaffen. Und viele der in der Ausstellung vertretenen Künstler waren – anders als der in Bernau geborene Direktor der Großherzoglichen Kunstakademie, Hans Thoma (1839–1924) – keine Schwarzwälder Buben.

So wurde unser Schwarzwaldbild weniger von der Erfahrungswelt seiner Bewohner, als von Außenstehenden und Zugezogenen geprägt. Und die betrachteten das Mittelgebirge aus einem eher touristischen Blickwinkel.

Bollenhut-Idylle mit enormer Breitenwirkung

Da ist Wilhelm Hasemann (1850–1913), ein gebürtiger Sachse. Sein 1895 in Gutach entstandenes Gemälde „Nach dem Kirchgang“ von 1895 wartet mit allem auf, was das Publikum schätzte: pittoreske Trachten, schöne Landschaft, traditionelle Architektur und fromme Menschen. Die Bollenhut-Idylle entfaltete eine enorme Breitenwirkung. „Das Gemälde fand als Lichtdruck, in Holzschnitt übertragen, als Reproduktion in Zeitschriften und als Bildpostkarte massenweise Verbreitung“, erzählt Brigitte Baumstark. Sie ist die Leiterin der Städtischen Galerie.

Künstlerkolonie in Gutach

Hasemann, den ein Illustrationsauftrag 1880 erstmals ins Kinzigtal geführt hatte, war vom verkehrsgünstig gelegenen Gutach mit der reizvollen Umgebung begeistert. Daher lud er er zahlreiche Kollegen in das Schwarzwalddorf ein. In Gutach entstand eine Künstlerkolonie.

Die Tracht spielt eine wichtige Rolle

Bei den Bildern, die dort gemalt wurden, spielte oft die Tracht eine wichtige Rolle. Herzig ist etwa die  Darstellung eines kleinen Mädchens, das vor einem Spielgel den Bollenhut seiner älteren Schwester aufprobiert. Es wurde von dem in Ebingen auf der Schwäbischen Alb geborenen Christian Landenberger (1862–1927) geschaffen. Und es ziert auch das Cover des zur Ausstellung erschienen Katalogs.

Liebesbriefe und Vernunftehen

Das Genrebild eines anderen Künstlers, der sich von Beobachtungen in Gutach inspirieren ließ, heißt „Der Liebesbrief“. Beim Anblick der zwei Mädchen, die selbigen verfassen, könnte man glatt vergessen, dass die Schwarzwaldbewohner romantischen Gefühlen wenig Bedeutung zumaßen. Spätestens wenn es ums Heiraten ging, hatten wirtschaftliche Fakten Vorrang. Die Eltern handelten in zähen Verhandlungen Eheverträge aus. Nach der Zuneigung der Brautleute fragten sie dabei nicht.

P1310789
Brigitte Baumstark, die Leiterin der Städtischen Galerie Karlsruhe, erläutert Schwarzwald-Bilder. | Foto: abw

Hinter den schönen Heimat-Fassaden

Ja, wollten die Künstler den Liebhabern ihrer Werke denn gar keinen Blick hinter die schönen Heimat-Fassaden zumuten? Brigitte Baumstark deutet auf ein Bild von Fritz Reiss (1857–1915). Es heißt „Vernunftehe im Schwarzwald“. Die Braut trägt den roten Bollenhut der Jungfrauen; sie ist jedoch bereits eine vom Leben gezeichnete Frau mit groben Arbeitshänden. Der Bräutigam, ein rotbackiger Bub, dürfte an die 20 Jahre jünger sein. Er hat die Hand in die Ellenbeuge seiner Zukünftigen gelegt. „Aber der Gesichtsausdruck“, so die Galerie-Chefin, „der ist doch sehr ambivalent“.

Mehr zur Ausstellung, den Öffnungszeiten und Eintrittspreisen lesen Sie hier.

Und wie war das nun mit dem Bollenhut?

Das Mädchen mit dem roten Bollenhut: Es steht symbolhaft für den gesamten Schwarzwald. Und dabei wird die malerische Kopfbedeckung traditionell eigentlich nur in drei Dörfern (Gutach, Kirnbach, und Reichenbach) getragen. Dass der Bollenhut international Berühmtheit erlangte, liegt ganz wesentlich an der Gutacher Malerkolonie. Und am Schriftsteller Berthold Auerbach. Der war mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ einer der meist gelesenen deutschen Autoren des 19. Jahrhunderts.

„Schwarzwaldmädel“

Von Auerbachs Erzählung „Lorle, die Frau Professorin“ sollte eine illustrierte Ausgabe erscheinen. Und Wilhelm Hasemann wurde mit der Bebilderung beauftragt. Auerbach gab dem Maler den Tipp, dafür Studien in Gutach zu betreiben.  Hasemann stattete das Lorle daher mit einem roten Bollenhut aus. Und als „Die Frau Professorin“ 1916 als Operette unter dem Titel „Schwarzwaldmädel“ zum Welterfolg avancierte, trug die Titelheldin selbstverständlich ebenfalls einen Bollenhut. Auch der Heimatfilm „Schwarzwaldmädel“ von 1950 mochte auf das reizvolle Requisit nicht verzichten. Spätestens jetzt glaubte es jeder zu wissen: Der Bollenhut gehört zum Schwarzwald wie die Lederhose zu Bayern.

Die Karriere der Gutacher Tracht

Neben Hasemann hatten für diese Karriere des Bollenhuts freilich auch andere Maler der Gutacher Kolonie den Boden bereitet. Denn ihre Gemälde und Aquarelle zeigten immer wieder gerne die Gutacher Tracht. Und da ihre Werke oft reproduziert in Zeitungen erschienen, zudem als Werbedrucke und Postkarten Verbreitung fanden, prägte sich der Bollenhut rasch ins Gedächtnis weiter Bevölkerungskreise ein. „Bereits im frühen 20. Jahrhundert war die Gutacher Tracht zur Marke und ihr Abbild zum Werbebild geworden“, schreibt die Volkskundlerin Brigitte Heck im Katalog zur Ausstellung „Schwarzwald-Bilder“.

 

Dieser Artikel könnte für Sie ebenfalls interessant sein: