Die Friedensglocke schwebte am 2. November 2004 in den Turm der Christuskirche, wo sie dann 15 Tage später zum Buß- und Bettag erstmals läutete.
Die Friedensglocke schwebte am 2. November 2004 in den Turm der Christuskirche, wo sie dann 15 Tage später zum Buß- und Bettag erstmals läutete. | Foto: Deck

Klangvolle Christuskirche

Schweres Metall für die tiefste Glockentonlage im Ländle

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Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit. S’ist als ob Engelein singen wieder von Frieden und Freud’.

Nicht nur süßer, sondern auch systematischer, bewusst und so richtig zum Genießen werden an Heiligabend die sechs Glocken der Christuskirche in der Weststadt geläutet. „Das wird ein ordentlicher Lärm“, schmunzelt Pfarrerin Susanne Labsch, lauter als die sonstige Bimmel-Großstadt-Geräuschkulisse am Mühlburger Tor.

Sowohl zur Christvesper um 17 Uhr als auch zur Christmette um 22 Uhr werden sämtliche „Bimmeln“ hintereinander und im selben zeitlichen Abstand in Bewegung versetzt und zwar in der Reihenfolge von der Höchsttonigen zur Tiefsttonigen und wieder zurück. „Über drei Minuten sind die sechs Glocken im Zusammenklang zu hören“, erzählt Labsch. Das gesamte Läutprozedere erstrecke sich über etwa zehn Minuten.

Bundesweite Kampagne „Hörst du nicht die Glocken“

Der Ohrenschmaus ist ein Mosaiksteinchen der bundesweiten Kampagne „Hörst du nicht die Glocken“, die von der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt wird. Sie soll Anstoß geben, sich neu mit dem jahrhundertealten Kulturgut Glocke auseinanderzusetzen. „Auch unsere Gemeinde wird über die Läuteordnung neu nachdenken“, so Labsch.

Immer mehr Menschen nehmen Glockenklang heute kaum noch bewusst wahr, sei es als Einladung zum Gebet oder als Hinweis auf den Fortgang der Zeit. Kampagnenbegleitend ist eine „klingende Glockendatenbank“ geplant, die möglichst viele der mehr als 100.000 Glocken in Kirchen, Kapellen, Rathäusern, Stadttoren oder auf Friedhöfen in Deutschland erfassen will.

Glockensextett: Ein imposantes Geläut beherbergt der Glockenstuhl der Christuskirche am Mühlburger Tor. Dort hängt auch die größte und tontiefste Glocke Baden-Württembergs. (Archivfoto)
Glockensextett: Ein imposantes Geläut beherbergt der Glockenstuhl der Christuskirche am Mühlburger Tor. Dort hängt auch die größte und tontiefste Glocke Baden-Württembergs. (Archivfoto) | Foto: jodo

Anfänglich bestand das Geläute der evangelischen Christuskirche nur aus den Tönen b, des, e und g. Während des Ersten Weltkriegs und dann wieder im Juni 1942 mussten die Glocken der Kriegsmaschinerie geopfert werden. Sie wurden zu Munition und Waffen umgeschmolzen. Neue Glocken wurden 1953 eingeweiht.

Aktuell hängen sechs Läutwerke im Glockenstuhl des Gotteshauses. Anlässlich der Glockentage fertigte am 24. September 2004 die Glockengießerei Bachert auf dem Marktplatz die imposante, sogenannte Friedensglocke. Emil Wachter und dessen Tochter gestalteten die größte Kirchenglocke Baden-Württembergs künstlerisch.

858 Spender auf der Friedensglocke verewigt

858 Spender sind auf ihr verewigt. Die 9.160 Kilogramm schwere, 2,41 Meter große bronzene Glocke trägt als zentrale Aufschrift „In terra pax urbi et orbi“ (Frieden auf Erden der Stadt und dem Erdkreis). Darüber hinaus ist auf ihr beurkundet: „Ich wurde gegossen während der längsten Friedensepoche seit Bestehen der Stadt Karlsruhe – 60 Jahre nach dem letzten Luftangriff auf die Stadt – durch die Glockengießerei Bachert – zu deren 100-jährigem Bestehen – am 24. September 2004, anlässlich der ’Europäischen Glockentage’, unter Landesbischof Ulrich Fischer, Dekan Otto Vogel, den Pfarrern an der Christuskirche, Gerhard Koch und Gabriele Hug, Bundespräsident Horst Köhler, Ministerpräsident Erwin Teufel und Oberbürgermeister Heinz Fenrich.“

Mit dem Ton f0 (Frequenz 176 Hertz) ist die Friedensglocke auch die tontiefste Glocke in Baden-Württemberg. „Dieser Tiefton ist nicht singbar“, so die Pfarrerin. Kürzlich schaffte es das wuchtige Teil im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf eine Deutschlandkarte mit den klangvollsten Glocken im Land.

Glocke wiegt über neun Tonnen

Die über neun Tonnen schwere Friedensglocke, auch Gloriosa genannt (die Ruhmreiche, Glorreiche; meist die größte Glocke im Geläut) befindet sich in Gesellschaft der Toten- oder Christusglocke (Ton c1, 1 730 Kilogramm schwer, auch Dominica genannt), der Vorläute- oder Kreuzglocke (Ton d1, 1 520 Kilogramm), der Vater Unser- und Betglocke (Dreieinigkeitsglocke, Ton f1, 893 Kilogramm), der Trau- und Segensglocke (Heiliggeistglocke, Ton g1, 583 Kilogramm) sowie der Tauf- oder Lutherglocke (Ton a1, 450 Kilogramm).

Täglich mahnt die Friedensglocke um zwölf Uhr für rund fünf Minuten ans Gebet für den Frieden. Jeden Freitag lädt zudem das neben dem Altar postierte Kreuz aus Nägeln der Kathedralenruine der britischen Industriestadt Coventry alle Konfessionen zum Gebet für Frieden ein.

Nagelkreuzandachten in der Christuskirche

Das Karlsruher Nagelkreuz, eines von mittlerweile 160 Exemplaren, wurde der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Karlsruhe im Januar 2007 überreicht. Seit mittlerweile zehn Jahren gibt es nun die Nagelkreuzandachten in der Christuskirche, die ebenfalls im Zweiten Weltkrieg bombardiert und schwer beschädigt wurde. Zunächst kursierte die Idee, den Torso des Turmes als Mahnmal zu erhalten. Dann wurde die Kirche aber doch komplett wiederaufgebaut.

Neben dem mittäglichen Friedensruf ist die Gloriosa bei speziellen Friedensgottesdiensten und im Zusammenklang mit den anderen fünf Glocken bei großen Kirchenfesten wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten zu hören.

Zerbrochener Glockenklöppel

Auch beim Einläuten des neuen Jahres um Mitternacht ist sie mit von der Partie. Übrigens: Am ersten Weihnachtstag 2009 zerbrach der Glockenklöppel während des Geläutes. Bis Juli 2010 war sie deswegen außer Dienst gestellt.

Gegenüber der schwersten frei schwingenden Glocke Deutschlands, dem „Dicken Pitter“ im Kölner Dom, nimmt sich die Friedensglocke als „Leichtgewicht“ aus. Die Dickste unter den Dicken, die bis Ostern 2018 wegen Reparaturarbeiten nicht geläutet werden kann, bringt stolze 24 Tonnen auf die Waage. Eine DVD zur Karlsruher Friedensglocke ist zum Preis von 15 Euro im Pfarramt der Christuskirche erhältlich.

Oh, wenn die Glocken erklingen, schnell sie das Christkindlein hört; tut sich vom Himmel dann schwingen eilig hernieder zur Erd’.