Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart muss sich Dasbar W. verantworten.
Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart muss sich Dasbar W. verantworten. | Foto: dpa

Zeugenaussagen vor Gericht

Schwierige Befragung im Karlsruher Eiszeit-Prozess

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Manche Zeugen kamen gar nicht, andere verspätet. Der Eiszeit-Prozess kam zuletzt nur schleppend voran. Verantworten muss sich Dasbar W. für die Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung. Drei Zeugen sagten jedoch aus – und zeichneten ein unterschiedliches Bild vom Angeklagten. 

Die Zeugin strahlte über das ganze Gesicht. Die Frau, Ende 40, kurdischer Abstammung, sagte zum angeklagten Dasbar W.: „Du siehst viel besser aus.“ In Erinnerung hatte sie ihren früheren Nachbarn mit „Riesenbart und komischen Klamotten“ wie sie „die Leute vom IS tragen“. Am Montag saß der 31-Jährige im Sitzungssaal 2 des Oberlandesgerichts Stuttgart mit grauem Pulli, grauem Hemd – ohne Bart.

Richter ließ Zweifel bereits durchblicken

Solche Sätze der Zeugin haben im Eiszeit-Prozess stark an Bedeutung gewonnen. Dasbar W. wird der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland vorgeworfen. Der Freiburger war in Karlsruhe 2017 vor Weihnachten als Terrorverdächtiger festgenommen worden. Die Ermittler gingen davon aus, dass Dasbar W. einen Anschlag mit einem Lieferwagen auf den Karlsruher Weihnachtsmarkt „Eiszeit“ geplant hatte.

Eine eingesetzte Vertrauensperson des Landeskriminalamts hatte die Ermittler nach einigen Treffen mit Dasbar W. davor gewarnt. Richter Herbert Anderer ließ bereits durchblicken, dass er dem V-Mann nicht ganz traut („Mein Eindruck: Er kann schlecht damit umgehen, Fehler zu machen“) und stellte die Untauglichkeit des vorbestraften Mannes in den Raum.

War er eine „tickende Zeitbombe“?

Umso mehr kommt es im Eiszeit-Prozess auf die Aussagen der Zeugen an. Sie hätten den Prozess am Montag ordentlich voranbringen können – jedoch war das Gericht erst einmal damit beschäftigt, die Zeugen in den Saal zu bekommen. Einer kam gar nicht, andere zu spät – doch auf ihre Aussagen kann Richter Anderer nur schwer verzichten. Sie sollen aufklären, wie viel Wahrheitsgehalt hinter den Berichten des V-Mannes steckt.

Die Karlsruher Eislauffläche am Schloss war, so vermuteten die Ermittler zwischenzeitlich, Ziel eines islamistischen Anschlags. Mittlerweile steht das nicht mehr im Raum. | Foto: Donecker

Dieser hatte sich Dasbar W. bei einem Gabelstapler-Kurs in Karlsruhe angenähert. Sein Bericht an die Ermittler nach dem ersten Kurstag: „Auf mich wirkt er wie ein Terrorist, der aber aktuell nichts machen kann.“ Doch wie ernst war die Mahnung zu nehmen, es handle sich um eine „tickende Zeitbombe?“

Kursteilnehmer entlasten Dasbar W.

Geladen waren am Montag zwei Teilnehmer des Gabelstapler-Kurses. Beide berichteten, Dasbar W. sei einer der Besten des Kurses gewesen. Wichtiger für den Prozess aber: Keiner der beiden Teilnehmer konnte die Beobachtungen des V-Mannes bestätigen.

Dessen Version ging so: Schon am ersten Tag stritt sich Dasbar W. mit dem Kursleiter nach dessen islamfeindlichen Aussagen, der V-Mann sprang Dasbar W. zur Seite und erarbeitete sich so sein Vertrauen. Technisch habe sich der 31-Jährige sehr gut ausgekannt, dem Kursleiter gezeigt, wie man ein Handy zerlegt und einen Gabelstapler repariert. Keine dieser Aussagen konnten die beiden Kursteilnehmer vor dem Oberlandesgericht bestätigen. Die beiden Kursteilnehmer, 42 und 45 Jahre alt, beschrieben Dasbar W. als hilfsbereit und „netten Menschen“.

Rückkehr mit Vollbart: „Ich war schockiert“

Nach diesen entlastenden Aussagen wurde die frühere Nachbarin des Freiburgers gehört. Die kurdischstämmige Frau kennt die Familie von Dasbar W. seit einigen Jahren. „So streng religiös waren sie auch nicht“, sagte sie. Das änderte sich aus ihrer Sicht zumindest für Dasbar W. Der kehrte 2015 von einem Irak-Aufenthalt optisch verändert zurück.

Sie habe ihn dann nur einmal gesehen: „Ich war schockiert.“ Auch der Bruder von Dasbar W. sei religiöser geworden, habe angefangen zu beten und ihren Sohn mit in die Moschee nehmen wollen. Das habe sie ihrem Kind verboten. „Da gehen die schlimmen Leute hin. Man kann auch zuhause beten.“

Eine Zeuge soll nochmal gehört werden

Die Befragung ihres Mannes musste wegen sprachlicher Schwierigkeiten verschoben werden. Wenige Minuten reichten aber, um zu zeigen, welche Herausforderungen es im Prozess noch gibt. Der Mann, Anfang 60, sollte sich zu seiner Aussage bei der Polizei erklären. Da hatte er angegeben, der Kontakt von Dasbar W.s Schwester zu Jungen sei „schwer für unsere Mentalität“.

Kehrte sie zwischenzeitlich auf Drängen der Familie in den Irak zurück? Die Familienmitglieder hätten den Kontakt der jungen Frau zu anderen Männern „nicht ertragen“ können, so der Zeuge nun. Er soll nochmal mit einem Dolmetscher gehört werden, wie Richter Anderer erklärte: „Die Gefahr, irgendwas misszuverstehen, ist zu groß.“