Eigentlich selbstverständlich sollte der Schwimmunterricht an Schulen sein. Dass er trotzdem oftmals nicht stattfindet, beklagen der Lehrerverband VBE und der Badische Schwimmverband.
Eigentlich selbstverständlich sollte der Schwimmunterricht an Schulen sein. Dass er trotzdem oftmals nicht stattfindet, beklagen der Lehrerverband VBE und der Badische Schwimmverband. | Foto: dpa

Fehlende Bäder

Schwimmunterricht bleibt oft auf der Strecke

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Es ist eine traurige Bilanz, die die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zieht: Mehr als 300 Menschen seien deutschlandweit seit Jahresbeginn bei Badeunfällen ums Leben gekommen. Als eine der Hauptursachen benennen die Experten Bäderschließungen und in der Konsequenz nicht stattfindenden Schwimmunterricht an Schulen. Dieser Diagnose kann Holger Voigt, Geschäftsführer des Badischen Schwimmverbands, nur zustimmen. Er sieht ein sich verschärfendes Problem und verweist auf den sogenannten „Goldenen Plan“ von 1959, auf dessen Basis bis 1975 insgesamt 17,4 Milliarden Mark in Sportstätten, darunter auch Schwimmbäder, investiert wurden. „Diese Bäder kommen in die Jahre“, stellt Voigt fest.

Schwimmbecken werden nicht von „Spaßbecken“ kannibalisiert

Eine Kannibalisierung klassischer Schwimmbecken durch „Spaßbecken“, wie sie die DLRG-Stadtgruppe Karlsruhe beklagt, kann Voigt hingegen nicht als generelles Problem ausmachen. Oliver Sternagel, der Geschäftsführer der Karlsruher Bäder, erklärt sogar: „Spaßbäder sind wichtig. Zum einen haben wir für Karlsruhe mit dem Europabad eine überregionale Strahlwirkung. Zum anderen erwirtschaftet das Bad Deckungsbeiträge, mit denen Defizite anderer Bäder ausgeglichen werden.“

Hintergrund
„Damit unsere Kinder sicher Schwimmen lernen, stehen neben den Schulen auch die Eltern in der Verantwortung“, erklärt Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Trotzdem besteht das Problem, so Michael Gomolzig, stellvertretender Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg, dass die motorischen Fähigkeiten der Schüler immer schlechter werden. Oliver Sternagel, Geschäftsführer der Karlsruher Bäder, beklagt: „Wenn viel los ist, springen unsere Leute viermal am Tag ins Becken, um jemanden rauszuziehen.“ Er stelle fest, dass einige Eltern Schwimmen nicht mehr als so wichtig erachten. So zeigt sich, dass zwar alle die Eltern in die Pflicht nehmen, aber die Schulen eher noch mehr als bislang mit der Anforderung konfrontiert sein werden, Kindern das Schwimmen beizubringen.

Pforzheim trifft die volle Härte

Doch zurück zum eigentlichen Problem: Während andere Städte der Region von Bäderschließungen verschont blieben, Rastatt sogar mit einem Kombibad mit mehr Bahnen im Innenbereich sein Hallen- und sein Freibad ersetzt, trifft Pforzheim die volle Härte. Dort schließen mit dem Emma-Jaeger-Bad und dem Stadtteilbad in Huchenfeld zwei von drei öffentlichen Hallenbädern. Sie werden dem Vereins- und Schulsport wohl mehrere Jahre fehlen.

Für Pforzheim wird es eine Katastrophe.

Die Stadt will das Schlimmste vermeiden. Die Schulen seien nach ihrem Bedarf befragt worden. „Durch das Amt für Bildung ist es gelungen, alle Pforzheimer Schulen, die ihren Bedarf angemeldet haben, auch mit einem entsprechenden Zeitfenster zu versehen“, teilt die Stadt mit. Sie verweist auch auf zwei weitere Schul- und Vereinsschwimmbäder. Pro Klasse seien zwei Bahnen vorgesehen. Für Voigt ist jedoch klar: „Für Pforzheim wird es eine Katastrophe. Schwimmunterricht fällt weg.“

Große Städte sind „ganz gut versorgt“

Dabei ist Voigt überzeugt, die großen Städte seien – mit Ausnahme von Pforzheim – „ganz gut versorgt“. So betont auch Sternagel, für Schulen stünden ausreichend Bahnen für den Unterricht zur Verfügung. Bedroht seien, so Voigt, eher kleinere Bäder in ländlichen Regionen. Er verweist auf den besonders starken ökonomischen Druck, unter dem diese hier stehen und fragt rhetorisch: „Wo sollen sie das Geld hernehmen?“

Schwimmunterricht ist Frage der Budgetierung

Doch das Problem geht auf dem Land noch viel weiter. Michael Gomolzig, der stellvertretende Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg, verweist darauf, dass es oftmals öffentliche Schwimmbäder in kleineren Kommunen gar nicht gebe.

In Remshalden gehen wir in ein Hotel-Schwimmbecken.

Die Konsequenzen könnten drastisch sein: „In Remshalden gehen wir in ein Hotel-Schwimmbecken“, erzählt Gomolzig, der Rektor einer Grundschule in Geradstetten, einem Stadtteil der Gemeinde, ist. Er verweist auf ein noch grundlegenderes Problem: Auch die Schulen stehen vor einer ökonomischen Entscheidung. Zwar teilt das Kultusministerium auf BNN-Anfrage mit, Schwimmen sei „verpflichtender Bestandteil des Sportunterrichts und verbindlich in den baden-württembergischen Bildungsplänen der Grundschule und der weiterführenden Schulen vorgeschrieben“.

Schwimmen ist verpflichtender Bestandteil des Sportunterrichts .

Der Verbandsfunktionär betont aber, Schwimmunterricht koste Geld, beispielsweise für Busse zu den Bädern, und am Ende sei es schlicht eine „Frage der Budgetierung“. Zunächst schafften die Schulen Lehrwerke an, und dann bleibe nicht immer ausreichend Geld für den Schwimmunterricht übrig. Zudem liegt die Höchstgröße für Klassen an Grundschulen bei 28 Schülern – auch im Schwimmunterricht. Das sei für einen Lehrer nicht überblickbar, für einen zweiten gebe es aber schlicht kein Geld. Der vorherrschende Lehrermangel, gerade bei Grundschulen, tut hier sein Übriges.

Kultusministerium will sich zunächst Überblick verschaffen

Während alle Verbände die Probleme klar benennen und beklagen, will das Kultusministerium zunächst einen Überblick gewinnen. Man werde, so heißt es, „im kommenden Schuljahr 2018/19 an allen Grundschulen in Baden-Württemberg eine flächendeckende Umfrage zum Schwimmunterricht starten“. Es gehe darum, „eine qualitative Weiterentwicklung des Schwimmunterrichts gezielt anzugehen“, sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Deshalb sorgen wir jetzt für eine verlässliche Datengrundlage“, so die Politikerin weiter. Bis sich an der Problemlage etwas ändert, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern.

Vereine stehen vor Problemen
Nicht nur Schulen sondern auch Vereine stehen in der Verantwortung, wenn es darum geht, dass Kinder Schwimmen lernen.
Doch auch hier bestehen Probleme, wie Holger Voigt, Geschäftsführer des Badischen Schwimmverbands, betont. „Wir könnten mehr Wasserflächen brauchen“, sagt er. Auch Oliver Sternagel, der Geschäftsführer der Karlsruher Bäder, sieht dieses Problem. Rund 500 Schwimmkurse gebe es zwar in Karlsruhe. „Es könnte aber sicher noch mehr geben. Gerade Kurse für Kinder sind schnell belegt“, ergänzt er. Doch die Bäder seien ausgebucht. „Außerdem ist es schwer, Kursleiter zu finden.“
Richtig schlimm werde es für die Vereine in Pforzheim nach der Bä-derschließung, fürchtet Voigt. Seine Prognose für die Goldstadt lautet: „Es wird mehr Nichtschwimmer geben.“ Das will diese so nicht stehen lassen. Bis Jahresende werde ein Belegungsplan für die Vereine erstellt. „Schwimmkurse werden von den Schwimmvereinen auch künftig noch durchgeführt“, teilt die Verwaltung mit. Offen bleibt jedoch, wie dies mit reduzierter Wasserfläche geschehen soll.