Baden-Baden "rüstete" auch während des Weltkriegs touristisch auf. Ein Blick in das Buch „Das Kurhaus in Baden-Baden und dessen Neubau 1912-1917“ von August Stürzenacker zeigt ein Bild des neuen "Großen Bühnensaals".
Sommerfrische? Daran wagten im Jahr 1918 die wenigsten Menschen auch nur zu denken. Baden-Baden aber "rüstete" während des Ersten Weltkriegs touristisch auf. Ein Blick in das Buch „Das Kurhaus in Baden-Baden und dessen Neubau 1912-1917“ von August Stürzenacker zeigt ein Bild des neuen "Großen Bühnensaals". | Foto: abw

Baden-Baden „rüstete“ auf

Sehnsucht nach Sommerfrische – Unterwegs im Kriegsjahr 1918

Sonntagsausflug? Sommerfrische? Ja – wie denn? Vor 100 Jahren waren vor allem Truppen unterwegs und Kriegsberichterstatter, außerdem Fronturlauber und Lazarettausflügler. Für Zivilisten hatte der Erste Weltkrieg das Reisen fast unmöglich gemacht. Sie waren zudem in Vollzeit damit beschäftigt, den Mangel zu verwalten – „Durchhalten“ hieß eine Ausstellung, die der Hausfrauenbund in Karlsruhe organisierte. Aber träumen darf man, selbst in Zeiten der nackten Not. Und Reiseberichte lesen. Über ferne, exotische Länder, in denen die Menschen sonderbare Gewänder tragen und seltsame Gebräuche pflegen. Und über die Schönheiten der eigenen Heimat.

Reiseliteratur von 1918 überrascht durch ihre Vielfalt

Weißt Du noch, damals, als wir in Heidelberg das Herz verloren? Erinnerst Du dich an den Ausflug ins Murgtal? Viele Ansichtskarten mit Sehenswürdigkeiten in Baden liefen 1918 als Feldpost. Einige sind noch bis 26. Mai 2018 in der Ausstellung „Schlaglichter – 100 Bücher des Jahres 1918“ in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe zu sehen. Sie gesellen sich zu ausgewählten Beispielen für Reiseliteratur, die trotz des Papiermangels im letzten Kriegsjahr durch erstaunliche Vielfalt überrascht. Über die Fahrt eines Journalisten durch Ukraine und Krim konnte man sich informieren, über das Leben in den Kolonien oder auch über die Schwarzwaldreise, die ein fröhlicher Wanderbursche in besseren Zeiten unternommen hatte.

Arbeiter konnten sich auch vor dem Krieg keine Sommerfrische leisten

Nicht, dass Reisen vor dem Krieg ein Volkssport gewesen wäre. Für Arbeiterfamilien war kaum mehr als ein gelegentlicher Sonntagsausflug drin. Und selbst Beamte und höhere Angestellte, die sich eine ausgedehnte Sommerfrische leisten konnten, verbrachten diese meist nur ein paar Bahnstunden von Zuhause entfernt.

Bessere Leute kurten gerne an der Oos

Bessere Leute kurten gerne in Baden-Baden. Ihren Ruf als mondänes Weltbad hatte die Stadt an der Oos zwar eingebüßt – als das Deutsche Reich 1872 das Glücksspiel verboten hatte, waren viele internationale Gäste nach Monte Carlo abgewandert. Doch Baden-Baden, gesegnet mit einer malerischen Umgebung und heilenden Quellen, investierte in moderne Badepaläste und schaffte den Wandel vom Mode- und Gesellschafts- zum Kur- und Heilbad. Fast 80 000 Gäste pro Jahr am Vorabend des Ersten Weltkriegs, das konnte sich sehen lassen. Doch dann wurden sämtliche Hotels und Sanatorien der Kurstadt vom Militär zu Lazaretten umfunktioniert.

Das Fremdenverkehrsgewerbe in der Krise

Das Ausbleiben der Sommerfrischler während des Krieges stürzte das Fremdenverkehrsgewerbe in eine schwere Krise. Baden-Baden setzte aber auch 1914 bis 1918 alles daran, seine Position zu halten – ja, es „rüstete“ touristisch sogar auf, erfährt man in der Landesbibliothek. Konzerte, Kunstausstellungen, Kinofilme: Baden-Baden sorgte für Zerstreuung.

Baden-Baden „rüstet“ sogar noch auf

Das Baden-Badener Theater bekam während des Krieges sogar erstmals ein festes Ensemble. Und das Kurhaus wurde um zwei Festsäle erweitert. Dass man trotz der Not der Zeit beim neuen „Großen Bühnensaal“ (heute: Bénazetsaal) nicht knauserte, zeigt ein Blick in das im letzten Kriegsjahr erschienene Buch „Das Kurhaus in Baden-Baden und dessen Neubau 1912-1917“ von August Stürzenacker, Architekturprofessor in Karlsruhe und Referent im badischen Innenministerium. Für den Baden-Baden-Tourismus sollten sich die Investitionen auszahlen. Nicht gleich nach Kriegsende, aber in den „Goldenen Zwanzigern“ erlebte die Kurstadt eine kulturelle Blüte.

Mit dem „Aeroplan“ in die Sommerfrische?

Die Zukunft des Fremdenverkehrs beschäftigte 1918 auch einen Schweizer Alpinisten. Carl Täuber war in den Genuss einer neuen, sehr exklusiven Form des Reisens gekommen: Er durfte an einem 25-Minuten-Flug über seine geliebten Berge teilnehmen. Im Illustrierten Jahrbuch „Die Schweiz“ beschrieb er das unvergessliche Erlebnis. Zudem räsonierte er darüber, welchen Stellenwert das Flugzeug künftig im touristischen Geschehen einnehmen werde.

Der Fluggast braucht ein gesundes Herz und seelische Stärke

Täuber kam zum Schluss, dass „das Reisen im Aeroplan nicht gerade Gemeingut der ganzen Menschheit werden“ dürfte – „ nicht einmal aller Begüterten“. Kurios muten heute die Gründe an, die Täuber für seine Einschätzung nannte: „Gar so bequem wie im häuslichen Kanapee“ sitze man im Flugzeug nicht. Und es bedürfe „eines gesunden Herzens, um den raschen Wechsel von Tiefen und Höhen schadlos durchzumachen“. Auch sei „seelische Stärke erforderlich, damit man der ungeahnten Fülle psychischer Auf- und Anregungen Meister wird.“. Demjenigen aber, der die Anforderungen „siegreich bemeistert“, dem biete „ein Alpenflug die schönsten, reinsten Stunden seines ganzen Lebens“.

„Unterwegs – Baden und die Welt“ ist ein Thema der  Ausstellung „Schlaglicher – 100 Bücher des Jahres 1918“. Man kann sie bis zum 26. Mai 2018 in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe betrachten oder im digitalen Ausstellungskatalog schmökern.