Liebe, Lust und Leidenschaft - warum sollten sie im Alter einfach aufhören? und warum spricht man eigentlich so selten darüber? | Foto: ©Photographee.eu / Adobe Stock

Tabuthema: Sex im Alter

Die Lust geht nicht in Rente

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Sex im Alter ist für die Jungen häufig ein Tabu. Oma hat keinen Sex, Opa auch nicht und sowieso keiner mit runzliger Haut, lichtem Haar und gebrechlich gewordenem Körper. Doch Liebe, Zärtlichkeit und Lust kennen keinen Ruhestand. Das Verhältnis zur Erotik verändert sich und die Sexualität an sich auch. Aber wie?

Ältere Frauen und Männer reden selten bis nie über das Thema. Für die BNN haben fünf Menschen jenseits der 70 das Tabu gebrochen und über Liebe, Sex und Beziehungen gesprochen. Einer muss ja den Anfang machen. Die Geschichten der Karlsruher sind echt, deshalb sind es ihre Namen nicht.

Herr Ehrhardt, 80: Der Junggebliebene

Sex hat kein Verfallsdatum, findet jedenfalls Herr Erhardt. „Sex gehört für mich einfach dazu“, sagt er. Herr Erhardt ist 80 Jahre alt und verwitwet. Seine Frau starb vor einem Jahr. Seit anderthalb Jahren hat er eine Freundin. Ebenso lange hat er auch Sex mit der Nachbarin. Kein Dreiecks-, sondern ein Vierecks-Ding. Bis seine Frau starb. Und dann die Nachbarin. Jetzt ist es ein Zweier-Ding. Er und seine Freundin. Das mit der Nachbarin fand Herr Erhardt allerdings schon praktisch. Sie war über 70, verwitwet und wusste genau, was sie wollte. Sie fasste ihm in den Schritt, als er bei ihr war. „Dann kam eines zum anderen“, sagt Herr Erhardt. Er mochte sie. Half ihr im Garten. Das war natürlich auch eine gute Tarnung. Denn dass die Nachbarn das spitz bekommen, wollte Herr Ehrhardt nun auch nicht. Er war seiner Frau immer treu gewesen, bis es ihn im hohen Alter überkam.

Reich mir die Hand: Auch ältere Menschen sehnen sich nach Zärtlichkeit. | Foto: Adobe Stock

Jetzt noch eine Affäre?

Warum? „Ja, warum?“. Achselzucken. Über 40 Jahre waren Herr und Frau Erhardt verheiratet. Der eine wusste, was der andere dachte. So eine Ehe hatten sie. Deshalb hat er auch ein schlechtes Gewissen. Auch ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. „Manchmal spreche ich mit ihr“, sagt Herr Ehrhardt.
Herr Erhardt blitzt der Schalk aus den Augen. Groß. Schlank. Schütter werdendes Haar. Eigentlich noch gut zu Fuß. Aber wenn eine nette Pflegerin ihm ihren Arm zum Einhaken anbietet, sagt er natürlich nicht nein. „Es würde mich auch nicht stören, mal noch eine jüngere Frau zu haben“, sagt er. Was nicht heißt, dass er seine Freundin nicht anziehend findet: „Meine Freundin ist figürlich hübsch und hat schöne Beine“, sagt er. Mit ihr ist es Herrn Erhardt ernst. Angefangen hatte alles mit einer Umarmung. Dann trafen sie sich öfter. „Ich musste gegenüber meiner Frau Ausreden erfinden, weil ich plötzlich später nach Hause kam“, sagt Herr Ehrhardt. Die ganze Sache flog auf. Herr Erhardt und seine Frau schwiegen es tot. Seine Freundin blieb. Eine Pattsituation. Dann starb seine Frau. Ein Schmerz, den man Herrn Erhardt ansieht, über den er aber schweigt. Sicherheit. Geborgenheit. Blinde Kommunikation. Einfach weg. Von heute auf morgen. „Jeden Tag legte sie mir meine Kleidung raus. Das war mir recht. Ich war ihr dankbar“, sagt Herr Erhardt. Eine Kleinigkeit. Eine, die nach 40 Jahren Ehe jeden Morgen traurig macht, weil sie nicht mehr da ist. Er machte seiner Freundin einen Heiratsantrag. „Ich wollte einfach wissen, wo es mit uns hingeht“, sagt er. Sie lehnte ab. Auch das Zusammenziehen. Nicht mal seine Wohnung betritt sie. Herr Ehrhardt ist etwas ratlos. Wohin geht die Reise? So eine Wochenendsache will er eigentlich nicht.

Frau Schick, 78: Die Genießerin

Frau Schick hat so eine Wochenendsache. Eine, die sehr gut funktioniert. Er kommt am Freitag mit seinem Köfferchen zu ihr, samstags gehen sie gemeinsam essen und sonntags gehen er und sein Köfferchen wieder. Er ist ihr Mann. Seit sieben Jahren sind sie verheiratet. Es ist Frau Schicks zweite Ehe. Sie ist 78 Jahre alt und erinnert ein bisschen an Jane Fonda. So adrett. So gepflegt. So unnahbar, ohne arrogant zu wirken. Auch für sie gehört Sex zu einer Partnerschaft dazu. Es gibt für sie auch keine Altersgrenze: „Dass es nicht mehr geht, das kommt von alleine“, sagt sie. Bis vor kurzem hatten sie noch regelmäßig Sex. Mitte des Jahres wurde sie am Darm operiert. „Die Ärzte sagen, dass es bis Ende des Jahres dauert, bis alles wieder in Ordnung ist“, sagt sie. Hat ihr Mann ein Problem damit, dass sie momentan keinen Sex haben können? „Nein, er hat Zucker, damit hat er selbst genug zu tun“, sagt sie.

So gut wie früher

Dass es momentan nicht geht, stört sie schon. Denn der Sex hat sich nicht verändert. Ist mit fast 80 noch genauso gut wie früher. Das findet auch Herr Erhardt. „Natürlich ist ein 30-jähriger Po was anderes als ein 70- jähriger“, sagt Frau Schick. So ist es eben. Deshalb sagt Frau Schick: „Muss man das machen, was man kann, um attraktiv zu bleiben.“ Sich pflegen. Sich bewegen. Auf sich achtgeben. Frau Schick hat eine Tochter. „Wir stehen uns sehr nahe und telefonieren täglich“, sagt sie. Sprechen sie auch über Sexualität? „Nein“, sagt Frau Schick. Auch mit Freunden spricht sie nicht darüber. Herr Erhardt übrigens auch nicht. „Ist doch ein Tabuthema“, sagt sie. Sagt Herr Erhardt.

Küssen verboten? Auch wenn es die Jungen nicht gern sehen – alte Menschen können auch gut küssen. | Foto: ©Photographee.eu / Adobe Stock

Frau Niemann, 80: Die Kämpferin

Das sagt auch Frau Niemann. Sie ist 80 Jahre alt. Ein anderer Typ als Frau Schick. Sportlich. Leger. Ihre Haare sind kurz. Das ist praktisch für Frau Niemann, denn drei Finger ihrer rechten Hand sind taub. Das Greifen fällt ihr schwer. Manche Handgriffe sind unmöglich. Dass sie wirklich leben will, muss sie dem Leben bis heute beweisen. Mit 26 amputierten sie ihr die linke Brust. Brustkrebs. Frau Niemann fährt mit der Handkante ihrer rechten Hand den Verlauf der Narbe nach, die sie seitdem zeichnet: Über die Mitte ihres Brustkorbs bis unterhalb der Stelle, wo früher Weiblichkeit war und heute nichts mehr ist. Für die fehlende Brust hat sie seitdem eine Prothese. Für das Selbstwertgefühl gab es keinen künstlichen Ersatz. Das musste Frau Niemann sich wieder hart erarbeiten. Ihr Mann unterstützte sie. Auch als sie Lungenkrebs bekam. Und später Blasenkrebs. Fast fünfzig Jahre waren sie verheiratet. Letztes Jahr starb er. Einen neuen Partner will Frau Niemann nicht.

Sex im Alter: Kein Thema mehr

Sex ist für sie auch kein Thema mehr. „Ich könnte mir niemals vorstellen, mit einem fremden Mann Sex zu haben“, sagt sie. Bis sie Blasenkrebs bekam, war Sex für sie und ihren Mann schon noch ein Thema. Da waren beide über 70. Durch die Chemo ließ jedoch ihr Verlangen nach. „Und dann ist es irgendwie eingeschlafen“, sagt Frau Niemann. War das schlimm für Sie? „Nein, ich glaube, es ist für Frauen einfacher, ihre Sexualität hinter sich zu lassen als für Männer.“

Frau Schmidt, 90: Die Zufriedene

„Frauen fällt das einfacher, ganz sicher. Die Natur hat das so eingerichtet“, sagt sie. Anders als Herr Erhardt, Frau Schick und Frau Niemann, lebt Frau Schmidt in einem Seniorenheim. Sie hat Parkinson. In ihrem Zimmer hat alles seinen Platz. Das Wichtigste muss von ihrem Sessel aus greifbar sein. Der Notfallknopf. Der Rollator. Der Hocker, den sie sich zum Mittagsschlaf heranzieht und die Decke, mit der sie sich zudeckt. Seit 1986 ist Frau Schmidt geschieden. Seitdem alleinstehend und ohne jemals wieder Sex gehabt zu haben. „Ich konnte plötzlich machen, was ich wollte“, sagt sie.

Frei auch ohne Sex

Eine Freiheit, die Frau Schmidt nie für eine neue Partnerschaft aufgeben wollte. „Und außerdem wollte ich keine fremde dreckige Unterwäsche mehr waschen“ sagt sie. Trotz ihrer Krankheit macht Frau Schmidt einen resoluten Eindruck. Verbal, nicht physisch. Frau Schmidt ist 90 Jahre alt und zierlich. Ein „Persönchen“ mit wachen blauen Augen. In ihrer Ehe hatte sie einige Probleme, die alle die gleiche Ursache hatten: Ihr Mann konnte nicht mit Geld umgehen. Streit. Misstrauen. Vorwürfe. Noch mehr Streit. Scheidung. Ein Klassiker.

Herr Müller, 74: Der Verliebte

Seine Frau ging in ihrem gemeinsamen Zuhause fremd. Daraufhin sagte Herr Müller zu seiner Frau, dass er kein Stundenhotel betreibe. Sie verließ ihn. Und er blieb zurück mit den Kindern. Dann war keine Zeit mehr für eine neue Partnerschaft. Herr Müller ist 74 Jahre alt. Auf seinen Sneakers steht mit Filzstift „KSC“. Er trägt eine Jogginghose und ein T-Shirt. Zwei Schlaganfälle hat er hinter sich. Parkinson im Anfangsstadium. Er zeigt seine leicht zitternden Hände. Ein Sexleben ist für ihn ganz weit weg. Das Interesse daran auch.

Lieber Motorradfahren

Wenn er wählen könnte zwischen Sex und Motorradfahren, er würde sich für den heißen Ofen auf zwei Rädern entscheiden. Wie Frau Schmidt lebt er im Seniorenheim. Sein Zimmer sieht aus wie das eines Teenagers. Die Wände sind zugepflastert mit Postern und selbstgemalten Bildern. Auf einem Regal stehen Pokale. Auf seinem Nachtisch ein Plastikbecher. So einer, wie Fußballfans ihn im Stadion in den Händen halten. Auf Herrn Müllers Becher steht „ I Love Jasmin“. Wer ist Jasmin? „Eine Freundin“. Sie haben eine Freundin? „Nein, also ja. Sie arbeitet hier“. Eine heimliche Liebe. Die nicht auf Gegenliebe stößt.

Maren Landow-Hollstein: Die Chefin

Alte Menschen, die Nähe vermissen und sie bei den Pflegekräften suchen, gibt es im Seniorenheim viele. „Zuneigung, Liebe, Nähe – das sind Grundbedürfnisse, für jeden Menschen, jeden Alters“, sagt Maren Landow-Hollstein. Sie leitet das Caritas-Seniorenzentrum St. Valentin in Karlsruhe. Für das Pflegepersonal ist das immer ein Spagat. „Man muss in jeder Situation trotzdem seinen Job machen“, sagt Landow-Hollstein. Pflegen ohne Berührung geht nicht. Doch jede Berührung kann auch falsch interpretiert werden, besonders wenn die Sehnsucht nach Zuneigung groß ist. „Mancher Bewohner überschreitet Grenzen der körperlichen Nähe. Für das Pflegepersonal entsteht dann eine Situation, die hilflos macht“, sagt die Einrichtungsleiterin. Dann sei es gut, dass es im Verband der Caritas Präventionsfachkräfte als Ansprechpartner gibt.

Probleme in der Pflege

Seit 38 Jahren arbeitet Maren Landow-Hollstein im Gesundheitsbereich mit Menschen. Eine ehemalige Kollegin sagte mal zu ihr, sie sei eine „fürs Händchen“. Doch für die alten Menschen ist sie viel mehr, als nur eine, die im vorbeigehen mal das alte Händchen tätschelt. Wenn sie durch die Gänge des Seniorenzentrums läuft, hat sie für jeden Bewohner ein Lächeln. Kennt jeden mit Namen. Bringt mit einem lockeren Spruch, die alten Menschen zum Lachen. „Die Chefin“ nennt Herr Müller sie. „Die würde ich auch heiraten“, sagt er. Über Sexualität im Alter zu sprechen, findet Landow-Hollstein wichtig. Für sie hängt das mit etwas Größerem zusammen. „Unsere Gesellschaft braucht eine gedankliche Revolution. Alte Menschen sind unser Spiegelbild“, sagt sie. Und gibt den jüngeren Generationen einen Denkanstoß: „Wie wollen wir selbst einmal behandelt werden, wenn wir alt sind? Wollen wir, dass unsere Bedürfnisse unter den Teppich gekehrt werden? Oder wollen wir nicht lieber bis zum Schluss als Mensch gesehen werden?“ Die Alten wären bereit, das Tabu zu brechen und über Sexualität im Alter zu sprechen. „Die Jungen fragen nur einfach nicht“, sagt Frau Schmidt.

Hintergrund: Sex im Alter hat viele Facetten
Der Begriff Alterssexualität ist bei Experten umstritten. Er grenze die Sexualität alter Menschen von der anderer Altersgruppen ab, sagen Kritiker. Der Leiter des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, Uwe Hartmann, sagte deshalb mal auf einem Vortrag der Hochschule: „Es gibt keine Alterssexualität. Aber es gibt eine zweite Sprache der Sexualität“. In dieser hätten Worte wie Nähe, Zuneigung, Vertrauen und Partnerschaft besonders viel Bedeutung.
Alte Menschen galten sowohl in der Gesellschaft als auch in der Forschung lange als „asexuell“. Das Interesse und das Verlangen an Sexualität wurde ihnen einfach abgesprochen. Noch heute tabuisieren besonders die jüngeren Generationen die Sexualität älterer Menschen. Gründe dafür finden sich sowohl in der lange vorherrschenden Annahme, dass Sexualität und Fortpflanzung untrennbar miteinander verbunden sind, als auch in der gesellschaftlichen Vorstellung, dass Sexualität, Jugendlichkeit und Ästhetik in einem direkten Zusammenhang zueinanderstehen. Deshalb gibt es besonders im deutschsprachigen Raum nur wenige valide empirische Untersuchungen zu diesem Thema.
Elmar Brähler, Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig hat 1994, 2005 und 2016 Studien über die sexuelle Aktivität und das sexuelle Begehren in Deutschland veröffentlicht. Das besondere daran: Er legte seinen Fokus bewusst auf ältere Menschen und kommt zu interessanten Ergebnissen.
In seiner neuesten Untersuchung konnte er feststellen, dass drei Viertel der 61- bis 70-jährigen Männer und Frauen, die in einer Partnerschaft leben, sexuell aktiv sind. Das ist seit 1994 erstmals mehr als bei jüngeren, die in keiner Partnerschaft leben. Bei den über 70-jährigen Männern in Deutschland ist jeder zweite noch sexuell aktiv. Bei den Frauen sind es nur 27 Prozent, sofern sie einen festen Partner haben. Diese ungleiche Verteilung begründet Brähler unter anderem damit, dass viele Frauen ab 60 Jahren verwitwet sind und die Normen unserer Gesellschaft es Frauen noch immer schwer machen, einen deutlich jüngeren Partner zu finden. Allgemein stellt Brähler aber fest, dass besonders im Alter eine Partnerschaft ausschlaggebend dafür ist, ob die Menschen noch sexuell aktiv sind oder nicht.

von Linda Roth