Kurzweilig und konstrastreich ist die Shakespeare-Inszenierung "Viel Lärm um nichts" am Badischen Staatstheater. Szene mit Sonja Viegener als Hero. | Foto: Grünschloß

Shakespeare in Karlsruhe

Von Seligkeit und Schrecken der Liebe

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Wer beim Titel „Viel Lärm um nichts” an Kenneth Branaghs unvergessliche Verfilmung denkt (und wer tut das nicht?), dem geht die leichtfüßige Lebensfreude eines Toskana-Sommers durchs Gemüt – und sicher auch die Erinnerung an den vergeblichen Kampf des von Branagh gespielten Protagonisten Benedikt mit einem Liegestuhl, der sich ums Verrecken nicht richtig aufklappen lässt. Die ikonische Komik dieser Szene stellt seither jede Neuinszenierung vor die Frage: Kopieren? Parodieren? Oder ignorieren?

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat die junge britische Regisseurin Lily Sykes nun einen Weg gefunden, befreit von dieser Vergleichsfrage aufspielen zu lassen, indem sie den Kampf gegen ein tückisches Objekt ganz an den Anfang stellt: Der von Heisam Abbas gespielte Don John, im weiten dunklen Mantel wie ein dämonischer Revuemagier ausstaffiert, müht sich zu punktgenau eingespielter Geräuschuntermalung pantomimisch vergeblich an einem imaginären Mikrofonständer ab – um irgendwann das ebenso imaginäre Mikrofon in die Hand zu nehmen und grundlegende Fragen zu stellen: „Wer bin ich? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und was gibt es außerhalb von mir?”

Identitätssuche als Thema

Das stammt zwar nicht wörtlich von Shakespeare, sinngemäß fragen es aber viele seiner Figuren (man denke nur an Hamlet). Und so ist es ein stimmiger Ansatz, „Viel Lärm um nichts” unter anderem als Stück über Identitätssuche zu erzählen. Dafür lässt Kostümbildnerin Jelena Mileti das Ensemble in immer neuen farbenprächtigen Gewändern munteres „Crossdressing“ betreiben, bis kaum noch zu sagen ist, wer Männlein und Weiblein ist – was sich sowohl als Kommentar zur aktuellen Genderdebatte lesen lässt wie auch als augenzwinkernder Verweis auf Shakespeares Zeit, als weibliche Rollen von Männern gespielt werden mussten.

Schlagfertige Wortduelle

Sykes bleibt aber hier nicht stehen, sondern fächert in der zweistündigen, ohne Pause gespielten Aufführung weitere Aspekte des Stücks auf: Erzählt wird hier auch von der Machtstruktur zwischen Herr- und Dienerschaft, von gemeinem Mobbing und grausamer Rache, vom Ringen um Aufmerksamkeit (der erwähnte Kampf mit dem Mikrofon ist dafür gewissermaßen die Ouvertüre), von Seligkeit und Schrecken der Liebe – und vom Spaß an schlagfertigen Wortduellen über die Gegensätze zwischen Mann und Frau, deren hinreißender Sprachwitz in zwei Zeilen mehr Pointen unterbringt als Mario Barth in zwei Stunden.

Zwei Paare als Gegensatz

Verantwortlich hierfür sind der bereits erwähnte Benedikt (Thomas Schumacher), der als unablässiger Spötter gegen Liebe und Heiratswünsche sein Junggesellendasein mit Zähnen und Klauen verteidigt, und sein weiblicher Konterpart Beatrice (Claudia Hübschmann), die den Maulhelden souverän auflaufen lässt, ihn dann verbal abwatscht und mit einer Punchline auf die Bretter schickt. Dieses Paar bildet die Gegenfolie zur jugendlichen Liebe zwischen Graf Claudio (Thomas Prenn) und Beatrices Cousine Hero (Sonja Viegener), die durch eine hinterhältige Intrige eine tragische Wendung zu nehmen droht.

Happy-End mit Hindernissen: Trotz farbenfroher Kostüme werden die Abgründe der Geschichte nicht ausgespart. | Foto: Grünschloß

Mehr Handlung als diese Liebe und diese Intrige gibt es eigentlich nicht, aber dafür ein prall gefülltes Figurenarsenal – und damit lässt Sykes das Karlsruher Ensemble richtig glänzen. Wirkte es in den vergangenen Jahren am Staatstheater oft, als hätten die Schauspieler nur noch ein im Programmheft erklärtes Konzept öffentlich durchzubuchstabieren, wird hier im wahrsten Wortsinn „gespielt“, so dass sich Dynamik entwickelt und Szenen ein Eigenleben entwickeln.

So albern wie abgründig

Die Inszenierung ist, dem kontrastreichen Stil Shakespeares angemessen, ein Kessel Buntes, in dem hemmungslos Albernes ebenso Platz hat wie hoffnungslos Abgründiges. Das gilt für den eingangs beschriebenen Auftritt von Heisam Abbas als gepiesacktem Halbbruder des Prinzen Don Pedro (mit schmieriger Mafiaboss-Attitüde: André Wagner) ebenso wie beispielsweise für Jens Koch in der Nebenrolle des Borachio: ein Koloss von einem Menschen, gepresst in Dienstmädchen-Kleidung, zwischen stoischem Stummfilm-Charisma und Einsamkeits-Blues. Wobei Blues hier auch musikalisch zu verstehen ist, denn zum Soundtrack von Jan Schöwer wird viel (und recht passabel) gesungen.

Großer emotionaler Bogen

Erfreulicherweise begnügt sich die Inszenierung aber nicht mit oberflächlichem Augen- und Ohrenfutter, sondern spannt einen großen emotionalen Bogen und unterhält mit kurzweiligem Fokuswechsel zwischen den Figuren. Thomas Schumacher und Claudia Hübschmann zeigen die schnippische Selbstsicherheit von Benedikt und Beatrice ebenso überzeugend wie das Zerbröckeln dieser Fassaden, als sich beide vom jeweils anderen geliebt glauben.

Überzeugende Darsteller

Starke Szenen haben aber auch Thomas Prenn als halbstarkes Emotionsbündel Claudio und Sonja Viegener als zunächst zarte, sich aber immer stärker emanzipierende Hero. Und dass der anfangs arg flapsige Tonfall beim Zuschnappen der Intrige tragisch grundiert wird, ist nicht zuletzt Klaus Cofalka-Adami zu verdanken: Er spielt die tiefe Erschütterung von Heros Vater Leonato so überzeugend, dass die hier eingebauten König-Lear-Zitate (fast jede Figur wildert auch in anderen Shakespeare-Stücken) nicht fehl am Platze wirken.

Mancher Scherz wäre verzichtbar

Zwar fehlt es der Gesamtdramaturgie mitunter an Schlüssigkeit: Don Johns Motivation für die Intrige etwa wird glaubwürdiger erzählt als die Intrige selbst, und neben dem hinzu erfundenen Paar Rita und Antonio wäre auch mancher Scherz verzichtbar. Doch in seiner heiteren und berührenden Gesamtwirkung ist der Abend ein echter Gewinn. Langer, herzlicher Premierenapplaus.

Termine

6., 16., 22. Februar; 6., 15., 29. März; 11., 27. April; 5., 12., 17. Mai; 2., 14., 25. Juni sowie 5., 14. Juli.

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