SHOPPEN IN DER STADT: Die dortigen Einzelhändler haben es mit Blick auf den Online-Handel schwer. Service sei aber in den stationären Geschäften geboten. | Foto: dpa

Umfrage bei Verbänden

Sind einige Probleme des Einzelhandels hausgemacht?

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Dass der Online-Handel rasant wächst, ist nicht neu. Mittlerweile hat das Internet-Shopping einen Anteil von zehn Prozent am Gesamtumsatz des Einzelhandels. Auch nicht neu ist das Lamentieren der klassischen Einzelhändler. Doch tragen die mit hausgemachten Problemen etwa mit dazu bei, dass der Kauf per Klick zunehmend gefragt ist? Die BNN erreichen immer wieder entsprechende Rückmeldungen von Lesern. Mit einigen der Thesen wurden exemplarisch Vertreter des Einzelhandels von Karlsruhe, Pforzheim, Bruchsal und Baden-Baden konfrontiert.

1. Anfahrt und Parken nerven

„Die Anfahrt nach Karlsruhe aus der Region erfordert zugegebenermaßen oftmals Geduld von Kunden“, sagt der kommissarische Leiter des Karlsruher Citymanagements, Dennis Fischer. Doch die Situation habe sich bereits erheblich verbessert. Einige Geschäfte bieten zudem bei einem Einkauf eine Bonusmünze an – ein Rabatt fürs Parken.

Was in Bruchsal fehle, sei ein Parkleitsystem. Denn das Angebot an Parkhäusern sei im Grunde genommen gut, so Sven Wipper vom Branchenbund Bruchsal. Horst Lenk aus Pforzheim argumentiert: „Es ist eine Frage, in welche Stadt man einfahren will. In die Einkaufsstadt Pforzheim kann man ohne Hindernisse einfahren.“

Matthias Vickermann, Vorsitzender der Einzelhändler-Initiative Baden-Baden Innenstadt (BBI), ärgert sich über die Häufung der Baustellen und über die Verkehrslenkung. „Der Kunde ist auch durch Online-Shopping Komfort gewöhnt“, appelliert er an die Stadt.

2. Toiletten kosten etwas

Was sich banal anhört, ärgert etliche Leser. In Baden-Baden, Bruchsal und Pforzheim seien kostenlose Alternativen vorhanden, betonen die Vertreter der Einzelhändler. Für Karlsruhe lautet ein Tipp: Kunden können in Geschäften, Cafés und Restaurants nach den Aufklebern der „netten Toilette“ Ausschau halten – diese dürften sie kostenfrei nutzen.

3. Häufige Sortimentswechsel im Einzelhandel

Das gewohnte Make up oder die bewährte Körpercreme – in den Regalen ist sie nicht mehr auffindbar und ein Ärgernis. „Ich bekomme ja viel auf den Tisch. Das ist mir in Baden-Baden aber neu“, sagt Vickermann zu Sortimentswechseln. Die Vorwürfe träfen wohl eher Filialisten. „Diese ganzen Filialisten unterstützen die Innenstädte nicht. Das sind Trittbrettfahrer“, meint er.

Lokale Händler könnten die Sortimentspolitik der großen Anbieter nicht ändern, argumentiert Wipper für Bruchsal. Auf der anderen Seite verlangten die Kunden „immer wieder neue Impulse“. Gerade in der Modebranche seien kurzfristige Sortimentswechsel gewollt, unterstreicht Lenk für Pforzheim, der auch Ehrenpräsident des Handelsverbandes Baden-Württemberg ist. „Damit können wir richtig punkten.“
Aus Karlsruhe heißt es zu dem Thema: Mit Sortimentswechseln wollten Unternehmen abwechslungsreich bleiben – „auch verursacht durch den Kostendruck aus dem Onlinehandel“.

4. Plastiktüten kosten

Und nicht nur das: Wer sie kauft, wirbt obendrein auch noch für den Einzelhändler, lautet die Kritik. Die Branche weist auf die Umweltverschmutzung hin. In Pforzheim stellten aber immer mehr Händler auf Papiertaschen um, heißt es. „Bereits zu Hause Taschen, Beutel oder Rücksäcke für den Einkauf einzuplanen, ist sicher nicht zu viel verlangt und schützt die Umwelt“, meint Fischer für Karlsruhe. Aus Baden-Baden heißt es, das sei „ein klassisches Filialthema“. „Die Einzelhändler, die wir in der Stadt haben, da zahlen wir nirgendwo für eine Tüte.“

Für Bruchsal meint Wipper: „Die aufgedruckte Werbung ist für die Mehrzahl unserer Kunden nicht das Problem.“

5. Immer diese Baustellen

Hier sind sich alle der befragten Branchenvertreter einig. Baustellen sind lästig. Allerdings wird auch darauf hingewiesen: Wenn nicht mehr gebaut wird, gibt es keine Entwicklung gerade in den Innenstädten.

6. Geschultes Personal fehlt

Wegen der verlängerten Öffnungszeiten und des Kostendrucks sind auch häufig Aushilfen oder Jobber im Einsatz.

Fischer analysiert für die Branche in Karlsruhe das Thema: Der Onlinehandel und sinkende Erträge in der Verkaufsfläche setzen den stationären Einzelhandel unter Druck. Und dann spitzt sich auch noch die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu. Dort wo früher auf jeder Etage vielleicht fünf Mitarbeiter Beraten hatten, seien es heute noch ein bis zwei. „Auch hier muss sich jedes Unternehmen hinterfragen, welche Werte zur Disposition stehen, wenn keine kompetente Kundenberatung mehr möglich ist.“ Fischer weiter: „Ein Satz wie ,Das haben wir leider nicht da, aber bestellen Sie es doch einfach bei Amazon’ kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten.“

„Gute Mitarbeiter, die die Botschaft der einzelnen Unternehmen und damit der gesamten Stadt verkörpern“ seien entscheidend für die Kundenbeziehung, ruft Lenk in Erinnerung.

In Bruchsal werde „der gesunde Kompromiss“ und eine Kundenbeziehung zum Inhaber oder langjährigen Mitarbeiter in vielen Geschäften gelebt, sagt Wipper. Gutes Personal müsse auch gut bezahlt werden, „das ist in Zeiten von ,Geiz ist Geil’ und Internet-Shopping nicht einfach“, unterstreicht er.
Der klassische Einzelhändler sei gewillt, seine Mitarbeiter zu schulen, „weil sie sein Kapital sind“, beteuert Vickermann für die Einzelhändler innerhalb der BBI. Der Vorwurf von Kundenseite trifft seiner Meinung nach „eher Billigläden und Billigfilialisten“.