Erfolg für mindestens zwei Leben: Sissi Closs ist Pionierin im Bereich der Software-Dokumentation und Professorin an der Hochschule Karlsruhe.
Erfolg für mindestens zwei Leben: Sissi Closs ist Pionierin im Bereich der Software-Dokumentation und Professorin an der Hochschule Karlsruhe. | Foto: Hora

Digitale Köpfe in der Region

Sissi Closs ist eine Software-Pionierin mit hohem Anspruch

Anzeige

Weltweit ist das Feld der Informatik nicht dafür bekannt, von Frauen dominiert zu werden. Dabei wurde das erste Computerprogramm im 19. Jahrhundert von der Britin Ada Lovelace geschrieben. Eine ihrer Erbinnen ist Elisabeth – genannt Sissi – Closs, Professorin für Informations- und Medientechnik an der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft.

Die 64-Jährige ist eine Pionierin auf dem Gebiet der Software-Dokumentation. Im Gespräch mit ihr wird deutlich, dass die Geschichte der Frauen in der IT keine des stetigen Fortschritts ist. „Ich bin ein Arbeitstier, aber mein Beruf macht mir auch sehr viel Freude“, erzählt Closs beim Treffen in ihrem Büro in der Karlsruher Innenstadt. Diese Aussage untermauert sie mit der Beantwortung einer E-Mail um 0.45 Uhr. Derzeit zeichnet Closs sich verantwortlich für den Studiengang Kommunikation und Medienmanagement. Dabei deutet zu Beginn ihrer Karriere eigentlich nichts darauf hin, dass sie einmal beruflich in der Fächerstadt landen würde.

„Als ich in den 70er Jahren angefangen habe, in Saarbrücken Informatik zu studieren, waren von den 50 Studierenden die Hälfte Frauen“, erzählt die gebürtige Saarländerin. Im Wintersemester 2016/17 waren laut Statistischem Bundesamt nur knapp 21 Prozent der IT-Studenten an deutschen Hochschulen weiblich. Dafür macht Closs auch das Nerd-Image ihres Fachbereichs in den 80er Jahren verantwortlich.

Nach ihrem Vordiplom wechselt Closs an die TU München, wo sie ihr Studium als Diplom-Informatikerin abschließt. Damals sei die IT noch nicht so „hip“ gewesen wie heute, ohne PCs geschweige denn Laptops. Bereits bei Closs’ erster Stelle nach dem Studium identifiziert die 64-Jährige ein Dilemma, für dessen Lösung sie sich seitdem leidenschaftlich engagiert: die Vereinbarkeit von Freizeit, Familie und Karriere.

Von Anfang an war mein Ziel, in meiner Firma eine Vielfalt zu leben

Denn Closs ist begeisterte Tänzerin und möchte Anfang der 80er Jahre eine Ausbildung an einer Privatschule machen. Diese finanziert sie mit einer Teilzeitstelle bei Siemens, die sie aufgrund ihrer Kenntnisse ergattert. Sie darf ihre Arbeitszeiten sogar um den Tanzunterricht herumlegen. Closs erkennt, dass in ihrem Beruf viel Flexibilität möglich ist. Trotz ihrer Führungsposition wird der Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes schließlich bewusst, dass es in der Hierarchie für sie nicht mehr weitergeht. Closs kündigt und gründet 1987 in München Comet Computer, ein Dienstleistungsunternehmen für Software-Dokumentation.

„Von Anfang an war mein Ziel, in meiner Firma eine Vielfalt – heute wird das als ,Diversity’ propagiert – zu leben“, erinnert sich die 64-Jährige, die eine ansteckende Fröhlichkeit ausstrahlt. Dabei habe die Förderung von Frauen gar nicht im Fokus gestanden. „Mein erster Mitarbeiter war an die 70 Jahre alt – und ich 30. Das war ganz ungewöhnlich, weil man damals in der IT-Branche gesagt hat, dass man mit 40 schon zum alten Eisen gehört.“

Auch als die Firma noch ganz klein gewesen sei, habe sie Mitarbeiter aus zwölf Nationen beschäftigt. Dieses Umfeld sowie die Kultur in Closs’ Unternehmen – von acht Stunden wöchentlich bis hin zur Vollzeit seien nahezu alle Arbeitsmodelle denkbar gewesen – habe hoch qualifizierte Frauen angelockt. Stets seien rund 50 Prozent ihrer Angestellten weiblich gewesen. „Ich verstehe es bis heute nicht, dass sich Firmen in Deutschland diese Chance entgehen lassen, weil sie zu starr sind“, wundert sich die 64-Jährige.

Sissi Closs hat Erfolg dank Intuition

Das Feld der Software-Dokumentation steckt Ende der 80er Jahre noch in den Kinderschuhen der Programmierer. „Technische Produkte – wie etwa Maschinen oder Software – müssen eine Beschreibung haben: für die Endbenutzer, aber auch für die Personen, die sie einrichten, installieren oder warten müssen“, umreißt Closs ihren Fachbereich. „In Deutschland schreibt es das Gesetz vor, dass ein Produkt nur mit Dokumentation verkauft werden darf.“ Während sie gestikuliert, treffen ihre silbernen Ringe aufeinander und klirren. Trotzdem hätten ihr damals alle gesagt, dass sie damit niemals Geld verdienen werde.

Wir hatten am Anfang ja noch nicht einmal Internet

Doch die 64-Jährige folgt ihrer Intuition – und behält Recht. Die Software-Dokumentation entwickelt sich zu einer boomenden Branche, Closs gründet noch eine zweite Firma – Comet Communication. Der wichtigste Aspekt, um ihre Projekte erfolgreich zu gestalten, sei die Kommunikation gewesen, erläutert sie – und das in einer Zeit ohne Apps und digitale Kalender. „Wir hatten am Anfang ja noch nicht einmal Internet.“

Für ihre Unternehmen erhält die 64-Jährige zahlreiche Auszeichnungen. Die Zeitschrift „Computerwoche“ zählt sie 2011 zu den 100 bedeutendsten Persönlichkeiten in der deutschen IT-Landschaft. Ein Jahr später folgt eine Zäsur, als das schwedische Unternehmen Semcon die Comet-Firmengruppe übernimmt. „Ich habe überlegt und bin zu dem Schluss gekommen: Das ist eigentlich wie ein Sechser im Lotto“, berichtet Closs. So seien unter anderem die Arbeitsplätze für die Zukunft gesichert worden.

Äußerst beliebter Studiengang

Langweilig wird Closs, die auf dem Land bei München lebt, danach nicht. Sie stockt ihre Professur an der Karlsruher Hochschule, die die Gleichstellungsbeauftragte schon seit 1997 innehat, auf 100 Prozent auf. An der Konzeption des Studiengangs für ihren Fachbereich ist sie von Anfang an unmittelbar beteiligt gewesen.

Ihr Erfolg wiederholt sich. „Heute sind wir der Studiengang mit der zweithöchsten Nachfrage an der Hochschule. Wir haben für 70 Bachelor-Plätze zwischen 1 200 und 1 500 Bewerbungen“, erzählt Closs. Zudem seien 50 Prozent der Studierenden weiblich. Insgesamt ist die 64-Jährige, die auch noch ein Beratungsunternehmen leitet, der Meinung, dass sich seit den 70er Jahren gerade in jüngeren Firmen in Sachen Vielfalt und Frauenförderung einiges verbessert hat. Zufrieden ist Closs jedoch noch lange nicht: „An der Hochschule Karlsruhe sind nur zehn Prozent der Professoren weiblich.“