Weiter Blick bis auf die Altbau-Fassaden: Nach den aktuellen Plänen sollen in dem Areal zwischen Weinbrenner- und Sophienstraße neun vierstöckige Wohnhäuser entstehen. Insgesamt 26 Bäume müssten dafür gefällt werden. Ein weiteres Wohnhaus soll dann die Lücke an der Sophienstraße schließen.
Weiter Blick bis auf die Altbau-Fassaden: Nach den aktuellen Plänen sollen in dem Areal zwischen Weinbrenner- und Sophienstraße neun vierstöckige Wohnhäuser entstehen. Insgesamt 26 Bäume müssten dafür gefällt werden. Ein weiteres Wohnhaus soll dann die Lücke an der Sophienstraße schließen. | Foto: Peter Sandbiller

Anwohner hoffen auf Dialog

Sophien-Carrée in Karlsruhe: Warten auf neue Perspektiven

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Eigentlich sollte im Herbst 2018 eine Informationsveranstaltung zum aktuellen Stand des Wohnbauprojekts „Sophien-Carrée“ stattfinden. So hatten es die drei Bauvorhabenträger Ende 2017 angekündigt. Und so steht es auch jetzt noch auf deren eigens eingerichteter Internetseite. Getan hat sich offenbar noch nichts.

„Wir haben seit November 2017 gar nichts mehr gehört“, sagt Erhard Krüger. „Das ist ungewöhnlich. Vor Weihnachten letztes Jahr hatten wir schon Angst, dass jetzt bald gebaut wird!“ Krügers Familie gehört das Haus in der Weinbrennerstraße 10. Es grenzt direkt an das Wohnhaus der Evangelischen Stiftung Pflege (ESP) Schönau an, das abgerissen und neu gebaut werden soll.

Anwohner fordern mehr Mitsprache

Die Anwohner des Sophien-Carrées fordern mehr Mitsprache und vermissen den angekündigten Dialog seitens der Bauvorhabenträger. Im November 2018 organisierte die Bürgerinitiative „Für ein grünes Sophien-Carrée“ deshalb eine Unterschriftensammlung, mit der sie sich gegen die Vernichtung des bestehenden Grüns wehrt, insbesondere gegen die Fällung alter und hoher Bäume.

165 Unterschriften sammelten sie im Dezember. „Das reicht uns, deshalb haben wir dann abgebrochen“, erklärt Erhard Krüger. Damit wandte sich die Initiative Anfang Februar an die Stadtverwaltung mit der Bitte um ein Gespräch mit Oberbürgermeister Frank Mentrup. Die Antwort der Stadtverwaltung: Man müsse sich noch intern abstimmen und bittet um Geduld. „Wir wollen den Dialog mit der Stadtverwaltung anstoßen“, hofft Krüger.

Das Sophien-Carrée ist in Karlsruhe nur ein Beispiel für den Flächenkonflikt zwischen dem drängenden Bedarf an Wohnraum und dem Bedürfnis nach ausgleichenden Grünflächen derer, die bereits wohnhaft sind. Hinzu kommt auch in der Weststadt die hohe Nachfrage nach Kitaplätzen.

Dachbegrünung hilft nicht im Karlsruher Sommer

„Noch mehr Menschen kann dieses Viertel doch gar nicht aufnehmen“, findet Natascha Krüger, die selbst in dem Haus der Familie in der Weinbrennerstraße 10 wohnt. Die Verkehrsbelastung und die Parkplatznot seien schon jetzt groß, durch noch mehr Wohnungen werde sich das verschlimmern, fürchtet sie.

„Was mich aufregt, ist, dass gesagt wird, es soll ja insgesamt mehr Grünfläche entstehen. Aber im Karlsruher Sommer hilft Dachbegrünung nicht gegen die Hitze.“ Auch könne sie sich nicht vorstellen, dass in der flachen Bodenschicht über den geplanten Tiefgaragen jemals wieder wirklich hohe Bäume wachsen könnten.

Selbst wenn, würde es ja Jahrzehnte dauern, bis die Bäume groß genug sind, um ausreichend Schatten zu spenden und die gespeicherte Wärme aus den Betonwänden auszugleichen, ergänzt ihr Vater Erhard Krüger. Dass das Thema Nachverdichtung in Karlsruhe wichtig ist, verstehe er ja. „Wir wissen, dass überall Wohnungen gesucht werden. Aber das muss man nicht so lösen, dass einfach nur noch gebaut wird.“

Nachbarn zwischen Verzweiflung und Resignation

„So massiv, wie aktuell geplant wird, ist es einfach extrem“, sagt Natascha Krüger. „In unserem Garten wird viel Licht fehlen.“ Hinterm Haus erstreckt sich ein langer Streifen Grün: Ein Gartenhaus, ein großes Trampolin, mehrere Obstbäume und eine knapp 20 Meter hohe Fichte. „Die habe ich vor 50 Jahren selbst gepflanzt“, sagt Erhard Krüger stolz. Ähnlich hohe Bäume stehen auch auf dem Nachbargrundstück der ESG Schönau zur Linken, sie müssten nach den Plänen der Bauherren gefällt werden.

Die Stimmung in der Nachbarschaft schwebe zwischen Verzweiflung, Resignation und Wut: „Das klappt eh nicht“, hätten einige gesagt, als er sie nach ihrer Unterschrift fragte. „Aber es gab auch die, die froh waren, dass etwas unternommen wird.“ Die Menschen in dem Viertel seien aber nicht nur Anwohner, sondern auch Bürger, Wähler, Kirchenmitglieder. „Manche haben auch nicht unterschrieben, weil sie als Kirchenmitglieder keinen Ärger wollen“, sagt Krüger.

Man muss die Kröte halt schlucken

Gerade die Mieter der Häuser, die von den Um- und Neubauten betroffen sind, hätten sich eher zurückgehalten, ergänzt seine Tochter. „Die wollen davon nichts wissen, sie haben aufgegeben.“ In der Weinbrennerstraße 12 ist man sogar schon einen Schritt weiter: Etwa die Hälfte der Mieter ist in den vergangenen Monaten bereits ausgezogen.

Noch da sind hauptsächlich Studenten und betreute Wohngemeinschaften sozialer Träger. „Wir haben schon was Neues in Aussicht, das ist aber eine ungewisse Sache“, sagt einer achselzuckend. Machen könne er da wenig, außer abwarten. „Der Stock über uns ist schon komplett leer“, erzählt ein anderer. Er habe schon eine neue Wohnung, etwas kleiner, aber immerhin mit der jetzigen einigermaßen vergleichbar. „Man muss die Kröte halt schlucken“, meint er.

Erhard Krüger blickt vom Garten der Weinbrennerstraße 10 aus auf das benachbarte Gelände der Bonifatiusgemeinde. Hinter dem Gartenzaun werden die Hauswände der Neubauten dann einmal deutlich höher sein. „Vielleicht kann man ja wenigstens um die Bäume herum planen“, hofft er.

Das so genannte Sophien-Carrée ist ein gemeinsames Bauprojekt dreier privater Grundstückseigner im Block zwischen Sophien-, Schiller-, Weinbrenner- und Körnerstraße in der Weststadt. Es handelt sich um drei unabhängige Bauvorhaben der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius, der Eberhardt GmbH (Audi-Autohaus) und der Evangelischen Stiftung Pflege (ESP) Schönau. Insgesamt 140 neue Wohnungen samt Tiefgaragenstellplätzen sollen gebaut werden. Dabei werden neun viergeschossige Wohnhäuser neu gebaut, außerdem wird das Wohnhaus der ESP Schönau in der Weinbrennerstraße abgerissen und neu gebaut. Der bisher offene Einfahrtsbereich des Autohauses an der Sophienstraße soll durch ein Gebäude mit 30 Wohnungen geschlossen werden. Die Pfarrei St. Bonifatius verkleinert sich. Das Gemeindehaus samt dem großen Bonifatiussaal wird abgerissen. Dort sollen in zwei aneinander grenzenden Neubauten ein größerer Kindergarten, das Pfarrbüro und das Gemeindezentrum entstehen. Man peilt einen Baubeginn im Jahr 2020 an. Über das Bauvorhaben informieren die drei Akteure auf der Internetseite www.sophien-carree.de.