SPD-Mitgliedervotum
Sie reden vom Kanzleramt: Die SPD-Kandidatenpaare Norbert Walter-Borjans (l) und Saskia Esken (2.v.l) sowie Olaf Scholz (2.v.r.) und Klara Geywitz (r.). | Foto: Jörg Carstensen/dpa

Kein Heimvorteil für Esken

Sozialdemokraten aus der Region sehen Ende der Chef-Suche herbei

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Die Sozialdemokraten suchen einen neuen Chef – beziehungsweise zwei. Und das schon seit einem halben Jahr. SPD-Politiker aus der Region sehnen das Ende der Suche herbei. Einen Heimvorteil hat Saskia Esken, die im Bundestag den Wahlkreis Calw/ Freudenstadt vertritt, nicht.

Mit viel Stolz sind wichtige Sozialdemokraten zuletzt nach Bopfingen gefahren. Ein 12.000-Einwohner-Städtchen im Ostalbkreis, der SPD-Ortsverein feierte sein 100-jähriges Bestehen. Die frühere Landesvorsitzende Leni Breymaier wurde angesichts der Historie in Bopfingen nachdenklich, wie sie sagt: „Wenn im Jahr 2119 Menschen zurückblicken, werden sie sagen: Im Jahr 2019 haben die Sozialdemokraten das erste Spitzenduo gewählt.“

Wenn im Jahr 2119 Menschen zurückblicken, werden sie sagen: Im Jahr 2019 haben die Sozialdemokraten das erste Spitzenduo gewählt.

Die frühere SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier

Historisches spielt sich in den kommenden Tagen bei der SPD ab. Noch bis 29. November wählen die 425.000 Mitglieder zwischen den Duos Olaf Scholz/Klara Geywitz sowie Norbert Walter-Borjans/Saskia Esken. Eine Woche darauf soll der Parteitag die Entscheidung bestätigen. Sozialdemokraten aus dem Südwesten sind sich nur in einer Sache einig: Es wird ein sehr enges Rennen.

Halbjähriger Prozess: „Affenzirkus“

„Aber es hat viel zu lange gedauert, das geht so nicht“, hadert Daniel Born. Der Landtagsabgeordnete aus Hockenheim spricht bei dem halbjährigen Prozess mit 23 Regionalkonferenzen von einem „Affenzirkus“. „Man gönnt sich eine Führungsauszeit und wundert sich dann, wenn die Umfragewerte in den Keller gehen.“ Beide Duos würden die SPD gut führen, sagt Born. „Und dann geht es mal wieder um Attacke gegen den politischen Gegner.“

Das Ergebnis müsse akzeptiert werden. Sonst sehe ich schwarz für die Demokratie.

Der SPD-Landesvorsitzende Andreas Stoch

Doch für welches der beiden Duos entscheiden sich Genossen aus dem Südwesten? In einem Schreiben hatten sich 45 Landtagsabgeordnete, Bürgermeister und Kreisvorsitzende klar zu Geywitz/Scholz bekannt.
Der SPD-Landesvorsitzende Andreas Stoch blickt vor allem auf die Zeit nach der Stichwahl. „Gerade wir in Baden-Württemberg müssen schauen, dass keine gespaltene Partei zurückbleibt“, sagt Stoch.

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Die hiesige CDU und ihr Führungsstreit vor 15 Jahren um die Nachfolge von Erwin Teufel zwischen Annette Schavan und Günther Oettinger sieht er als mahnendes Beispiel. Das Ergebnis müsse akzeptiert werden. „Sonst sehe ich schwarz für die Demokratie.“ Manche Sozialdemokraten wünschen sich ein schnelles Ende der Großen Koalition. „Dass die SPD dann doppelte Umfragewerte bekommen sollte, erscheint mir nicht schlüssig“, sagt Stoch.

„Regionalität ist kein Argument

Und doch hätten beide Duos unterstrichen, dass die Große Koalition kein Dauerzustand sei, sagt Jonas Weber. Der Landtagsabgeordnete aus Rastatt hat sich für Geywitz/Scholz entschieden. „Beide haben gezeigt, dass sie Wahlen gewinnen können.“ Heimvorteil genießt die Schwarzwälderin Esken bei Weber nicht: „Es ist weniger wichtig, wo jemand her kommt. Regionalität ist kein Argument.“ Allerdings betont der Rastatter: „Es wäre wichtig, das erste Mal ein Ost-West-Duo zu haben.“

Wer glaubt, in der Opposition besser zu sein, der schaue nach Baden-Württemberg.

Die Freiburger Landtagsabgeordnete Gabi Rolland

Auch die Freiburger Landtagsabgeordnete Gabi Rolland hat sich für Geywitz/Scholz entschieden. Geywitz stehe für Aufbruch, Geschlechtergerechtigkeit und den Osten, sagt sie. Das andere Duo „hat nicht die Erfahrung nicht das Standing“. Die Regionalität um Esken spiele für sie „Nullkommanull eine Rolle“. Rolland spricht sich zudem für einen Verbleib in der Groko aus: „Wer glaubt, in der Opposition besser zu sein, der schaue nach Baden-Württemberg.“

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Partei soll wieder fröhlicher werden

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Stefan Fulst-Blei zollt Esken Respekt. „Sie ist in der sozialdemokratischen Meisterschaft im Endspiel“, sagt der Mannheimer Landtagsabgeordnete. Die Länge des Wahlprozesses aber „ist im 21. Jahrhundert ein Problem“. Vor einem halben Jahr war Andreas Nahles als Vorsitzende zurückgetreten. „Danach war die Stimmung hoch aufgeladen und hat sich beruhigt“, sagt Fulst-Blei. Er fordert: „Wer nach dem Prozess Stinkstiefel spielt, muss von der Basis bestraft werden.“

Wer nach dem Prozess Stinkstiefel spielt, muss von der Basis bestraft werden.

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Stefan Fulst-Blei

Kevin Kühnert hatte zuletzt angekündigt, für den Vorstand kandidieren. „Ich würde als Juso-Vorsitzender eher die kritische Distanz wahren“, sagt die Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Ute Vogt. Dafür hofft sie, dass sich das Duo Geywitz/Scholz durchsetzt. „Geywitz ist eine starke Frau, pragmatisch, klarsichtig. Scholz ist ein kluger Kopf, kann noch offensiver werden.“ Egal, mit welcher Führung: Rolland hofft auf eine Fortsetzung der Groko. „60 Prozent sind geschafft, nun wollen wir den Rest des Koalitionsvertrags abarbeiten.“ Und irgendwie soll es gelingen, nach Regionalkonferenzen, Stichwahl und Parteitag: „Die SPD soll wieder fröhlicher werden.“