Sozialer Wohnungsbau
EINE SELTENHEIT ist das Projekt der GWK: An der Gustav-Schulenburg-Straße in Oberreut wird ein Hausriegel mit 46 Wohnungen gebaut – und alle Einheiten sind zu 100 Prozent von Land und Stadt gefördert, alle sind also Sozialwohnungen. | Foto: jodo

Wenig Bauplätze in Karlsruhe

Sozialer Wohnungsbau kommt aus der Depression

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Die Statistik spricht Bände

 

Statistik erklärt nicht alles, aber sie lügt auch nicht. Die nackten Zahlen über Karlsruhe werden der komplizierten Wirklichkeit nicht gerecht, jedoch sagen sie viel über die Tatsachen aus. Mit dem Statistischen Jahrbuch 2017 legt die Stadtverwaltung ein Zahlenwerk vor, mit dessen Fakten man das boomende und sich immer mehr selbst feiernde Karlsruhe in der deutschen Städtelandschaft einordnen kann.

Die BNN gehen in einer Serie auf unterschiedliche Aspekte von herausgehobener Bedeutung ein. In der Regel werden die Daten von Ende 2016 verwendet.

 

 Eine Stadt im Um- und Ausbau

Die Fächerstadt befindet sich im Um- und Ausbau. 1,1 Milliarden Euro werden per Kombilösung in den öffentlichen Raum gesteckt. Dazu kommen die Rieseninvestitionen in Großbauten von Konzernen an den Stadteingängen und hinter dem Hauptbahnhof.

Für neuen Wohnbau lassen die Gebiete auf sich warten

 

Karlsruhe gilt deshalb in diesem Jahrzehnt als die Baustellenstadt. Dieser Boom lässt sich aber beim Wohnungsbau nicht beobachten. In den Neubaugebieten Karlsruhe Südost und Knielingen Nord stehen inzwischen fast alle Häuser. Und die nächsten Großprojekte „Zukunft Nord“, das frühere C-Areal der Amerikaner zwischen Erzbergerstraße und Altem Flugplatz, sowie „Neureut Zentrum III“ stecken noch in den Planverfahren.

Tiefstwert in 25 Jahren beim Wohnungsbau

Die städtische Statistik weist folglich für 2016 lediglich 154 genehmigte Neubauten von Wohnhäusern für Karlsruhe aus. Das ist der absolute Tiefstwert der vergangenen 25 Jahre.
Noch ein Jahr zuvor bilanzierte die Statistikstelle des Amts für Stadtentwicklung die Genehmigung 248 neuer Wohnhäuser. In den 90er-Jahren kamen jedes Jahr meist über 350 Wohnhäuser dazu. Im Jahr 1991 waren es sogar 417 neue Häuser.

Volkswohnung  steuert um

Allerdings sorgen mittlerweile die städtische Volkswohnung und einige Karlsruher Wohnungsbaugenossenschaften mit Nachverdichtungsprojekten dafür, dass der zuvor stark vernachlässigte Neubau von Wohnraum mit sozialer Mietbindung wieder etwas in Schwung kommt.

GWK   setzt ganz auf Sozialwohnungen

Jüngstes Beispiel ist die Genossenschaft für Wohnungsbau Karlsruhe von 1921 (GWK). Am Donnerstag begann sie mit einem feierlichen Spatenstich die Bauarbeiten für ein Haus mit 46 Wohnungen in der Oberreuter Gustav-Schulenburg-Straße. Ihr erster Neubau nach 20 Jahren (siehe auch Artikel unten).
Die Stadtpolitik versucht wieder mehr auf öffentlich geförderte Sozialmietwohnungen zu setzten, damit auch relativ arme Menschen im boomenden Karlsruhe Chancen auf eine bezahlbare Wohnung haben.

 

 

Dabei spricht die Statistik eine klare Sprache: Der Bestand an Sozialmietwohnungen sank in Karlsruhe binnen neun Jahren von 6 690 (2008) auf 3 614 (2016). Im Jahr 2006 wurden 315 Sozialmietwohnungen gebaut, in den drei Jahren 2011, 2012 und 2013 keine einzige, und 2016 waren es wieder 84 Einheiten.

Flächenfraß wird eigentlich abgelehnt

Laut Stadtstatistik wurden 2016 in Karlsruhe 791 neue Wohnungen genehmigt – im Jahr 1994 wuchs dagegen die Karlsruher Wohnfläche um 1 905 Einheiten. Ein statistischer Wert drückt diese Abwärtsbewegung in der Stadt, die aus ökologischer Verantwortung kaum noch per Flächenfraß auf der grünen Wiese expandieren will, besonders gut aus: die Zahl der fertiggestellten Wohnungen pro 1 000 Einwohner – 1995 waren es fast neun Wohnungen und 2016 waren es nicht mal mehr zwei.

Ein Blick in die Statistik belegt Veränderungen beim Wohnen in der Großstadt: Vor dem Mauerfall 1989 hatte Karlsruhe 34 000 Wohngebäude, inzwischen sind es 41 000. Ein Plus von rund 20 Prozent. Die Zahl der Wohnungen wuchs dabei mit 25 Prozent etwas stärker: Vor der Wende waren es 125 000 und nun sind es 156 000 Wohnungen. Demnach wurden in den vergangenen 30 Jahren tendenziell größere Häuser beziehungsweise kleinere Wohnungen als zuvor gebaut.

Im Schnitt zwei  Personen pro Wohnung

Die Belegungsdichte – also die Personenzahl je Wohnung – liegt in Karlsruhe exakt bei 2,00; den Höchstwert erreicht das Familiendorf Hohenwettersbach mit 2,49 Personen. In der Innenstadt, wo besonders viele Singles leben, beträgt dieser Wert nur 1,82 Personen.

 

Für Bauherren wird der Karlsruher Boden immer teurer. In sehr guter Lage ist der Quadratmeterpreis auf 730 Euro geklettert, zwei Jahre vorher waren 590 Euro für einen Quadratmeter Baugrund aufzubringen. Dazu die Preissprünge für die anderen Lagen: mäßige Lage von 290 auf 360 Euro, mittlere Lage von 370 auf 460 Euro und gute Lage von 440 auf 550 Euro.

 46 neue Wohnungen  in Oberreut  durch die GWK

 

Die Genossenschaft für Wohnungsbau Karlsruhe (GWK) setzt in Oberreut mit dem Bau von 46 Wohnungen ein Zeichen für den sozialen Wohnungsbau. Das 13-Millionen-Euro-Projekt wird komplett vom Land und von der Stadt gefördert. Damit sei man auf 30 Jahre verpflichtet, um 33 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete zu bleiben, erklärt GWK-Vorstand Martin Leicht.

Auch Peter Jakob von der L-Bank unterstreicht, dass durch den Ausbau des Landeswohnraumförderungsprogramms unter den Kretschmann-Regierungen sowie durch das 2014 beschlossene Karlsruher Wohnbau Förderungsprogramm (KaWoF) der soziale Wohnungsbau wieder attraktiv sei.

Unter sechs Euro pro Quadratmeter

„Wir sind im Interesse unserer Mitglieder besonders günstig, wir liegen unter sechs Euro Miete pro Quadratmeter“, erklärt Leicht. Die GWK würde angesichts einer wieder funktionierenden Förderung durch Land und Stadt gerne mehr Sozialwohnungen bauen. „Wir tun etwas gegen die Wohnungsknappheit in Karlsruhe“, betont der GWK-Aufsichtsratsvorsitzende Hanns-Georg Strasburger.

Dem Verlust von sozialgebundenen Wohnungen durch Ablauf der Sozialbindung bei einst geförderten Bauten sowie der Trend zu Ein- und Zwei-Personen-Haushalten mache bezahlbaren Wohnraum knapp. „Wir würden gerne mehr bauen, aber wir haben keine Grundstücke“, sagen Strasburger und Leicht. Vielleicht entwickelten sich Möglichkeit im kommenden Neubaugebiet „Neureut Zentrum III“, meint Leicht.

Solidargemeinschaft der Eisenbahner

Die GWK ist insgesamt 97 Jahre alt. Sie ging 1960 aus der Gemeinnützigen Eisenbahner Baugenossenschaft hervor. Ihr Stammquartier ist die Südstadt, mit der großen Wohnanlage im Quartier von Rüppurrer, Stuttgarter und Augartenstraße. Die GWK, die kleinste der Karlsruher Baugenossenschaften, hat heute insgesamt 761 Wohnungen in der Fächerstadt, davon 550 in der Südstadt. Weitere Wohnungen der Solidargemeinschaft GWK gibt es in Oberreut (123), in der Südweststadt (60), Waldstadt (22) und Nordweststadt (sechs). In Oberreut entstehen jetzt 46 Wohneinheiten mit zwei bis fünf Zimmern und insgesamt 3 700 Quadratmetern Wohnfläche.

Auch die Volkswohnung investiert gerade in der Oberreuter Nachbarschaft. Ein Riegel mit 170 Wohneinheiten steht an der Wilhelm-Leuschner-Straße schon im Rohbau. 60 Prozent dieser Wohnungen werden gefördert, haben also auf 30 Jahre eine entsprechende Mietpreisbindung. „Unser Zeil ist nicht der größtmögliche Gewinn“, unterstreicht Strasburger.

Neben der GWK bemühen sich auch andere Karlsruher Wohnbaugenossenschaften wie die Hardtwaldsiedlung, der Mieter- und Bauverein und die Gartenstadt darum, neue Wohnungen mit sozialer Bindung zu schaffen.